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Gedanken zum roten Album von Tocotronic

Als Tocotronic ihr neues Album ankündigten, welches sich der Liebe widmet, war ich skeptisch, weil ich nach dem Großentwurf ihres letzen Albums „Wie wir leben wollen“, welchen sie übrigens selbst als „größenwahnsinnig“ bezeichneten, einen privatistischen Gegenentwurf befürchtete, der nicht davon gefeit sei, einem sentimentalen Liebeskitsch zu verfallen. Glücklicherweise irrte ich mich. (mehr…)

Versuch über das Glück

Die Seele zerbrechlich und mürbe
Und qualvoll die Schreie nach ihr.
Und bliebe sie fort, ja dann stürbe
Noch etwas in ihm wie in mir.

Da taucht aus dem tiefschwarzen Dunkeln
das wärmende Licht frühsten Rechts.
Im Äuglein des Kindes das Funkeln
des Glückes des Menschengeschlechts.

Was könnte es anderes werden
als dieses erfahrene Glück.
Den Fesseln der Vorzeit auf Erden
entschlagen, so kehrt es zurück.

Lied des Leierkastenmanns

Nüchtern steh’ ich jeden Morgen
An der Straßenecke und
Frisch gemachte Alltagssorgen
Kreuzen meinen Weg mit Grund.
Oder ohne, wie auch immer
Alles bleibt so, wie es war
Manche sagen, es geht schlimmer,
Manche sagen, wunderbar.
Ich ertrage das Geseier
Meiner Zeitgenossen kaum.
Jeden Tag die gleiche Leier,
Sitte hält den Geist in Zaum

So ist er, der Lauf des Dinge
Langsam läuft er bestenfalls
Schleichend legt sich dann die Schlinge
Um den Luft erheisch‘den Hals
Drückt es schon an euren Kehlen?
Wird die Luft ein bisschen knapp?
Schneidet ihr euch eure Seelen
Oder die Krawatte ab?
Jeden Tag die gleiche Leier?
Einmal wird es anders sein! -
Heißt es eines Morgens „Nein“
Oder bei der Totenfeier.

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Faktenwissen versus Ideologiekritik

Ziel des kritischen Denkens ist die Erkundung der Möglichkeit einer Realisierung der Utopie, nicht die bloße Datenregistratur. Es arbeitet getrieben von dem Verdacht, daß es in der Welt mehr Fetische als Fakten gibt.
(Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft)

Derzeit wird in den verschiedenen sozialen Netzwerken von Linken begeistert das Ergebnis einer Studie des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) verbreitet. Das Fazit der Studie gemäß Spiegel online ist: „Demnach zahlte 2012 jeder in Deutschland lebende Ausländer durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhielt. Insgesamt sorgten die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass so für ein Plus von 22 Milliarden Euro.“ Die deutsche Bevölkerung sieht das bisher allerdings anders: „im selben Jahr [waren] zwei Drittel der Deutschen überzeugt, dass Zuwanderung die Sozialsysteme belaste.“ (Deutschlandfunk) Hinter dem vermeintlich ökonomischen Kalkül des haushälterisch und statistisch hoch geschulten deutschen Stammtisches verbergen sich, wenig verwunderlich, nichts anders als xenophobe Ressentiments. (mehr…)

Destruktive Unmündigkeit. Gedanken zur negativen Verarbeitung kapitalistischer Zumutungen

Ist es so weit,
daß nicht einmal der Verbrecher seines Lebens sicher ist?
(Brecht: Über die Auswahl der Bestien)

Um den 6. März 2014 herum sorgt ein Video im Internet für Aufsehen: H. schlägt einem Hund mehrmals brutal auf die Maske, weil er ins Bett gemacht habe. Diese Szenen sind allerdings keineswegs soeben entstanden: Laut der Rhein-Zeitung (RZ) wurde der Täter für diese Tat bereits am 17. Februar angezeigt; die Polizei handelte noch am gleichen Tag und nahm ihm den Hund weg und brachte ihn für mehrere Tage in eine psychiatrische Einrichtung. Neben dieser unmittelbaren Intervention wurde auch ein Strafverfahren eingeleitet. Gemäß dem deutschen Tierschutzgesetz wird mit einer „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer […] einem Wirbeltier a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden
zufügt.“ (mehr…)