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Der grauenhafte Blick ins Ich

I. Faszinosum
Wie merkwürdig es klingt,
dass du des Merkens würdig.
Und wie eigenartig,
dass du von eigener Art.
Darum
keines Reimes bedürftig.
Und meiner Unzulänglichkeit wegen.

II. Kommensurabilität
Die Macht des Tausches,
welche all jene verhärmte,
die ihm unterworfen,
aber doch willfährig
sich ihm andienen,
erhoffend sein Glanz
füllte, was er doch aushöhlte.
Bis da nichts mehr war
als leere Form
Furchtbares musste es sein
und furchtbar ist es noch immer.
A = B
asphaltierte die Straßen
Ins Menschenschlachthaus.
Seine Tore verkünden
was niemals mehr darf sein.

III. Midas
Das glitzernde Metall,
das farbige Papier:
die Allheit am Hosenbund
betrügt uns ewig
ums Versprochene.
Entbehrt doch jeder Erfüllung,
denn niemals wars ein Kindertraum.
An den Ufern des Paktolos
vergraben sich Füße.
Zaudernd,
in ihm zu treiben.
Gleichfalls ozeanisch.

IV. Insomnia
Goya irrte
Der Albdruck beharkt uns
im grausamen Wachen.
Der Nachtmahr grüßt
freundlichst am Jägerzaun
Und packt deine Tüten
Im Supermarkt.
Galant bespielt er
die Klaviatur der Vernunft:
Kein Misston trübt die Melodie.
Wo kein Schlaf,
da auch kein Traum.
Die Ruhe gebiert
das Hingebungsvolle,
dem doch nichts
als Fäulnis und Moder
innezuwohnen scheint.

V. Apotheose
Sei Göttin!
Der Verlorene findet
sich nur im Verlieren.
Sei Göttin!
Das Absolute
verspricht Absolution.
Sei…
aber lieb macht dich dein Fehler
wie Karl Kraus wusste.
Doch das Wort verging.

VI. Entelechie
Erinnerend
dem einstigen Glück
sich Gewahr werden.
Dem vermaledeiten Jetzt,
seiner schablonierten Lust,
den Dienst versagen:
Dem Entschlafenden
die Augen schließen.
Der irre Zwang vergeht
Mit der Scheu
vor der Sinnlosigkeit.
Lass schneien
die Schneekugel!
Was da einst Kulisse
und Requisite
atmet;
Der Figurant
entblättert sich.
Matrjoschkenhaft.
Was bleibt?
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Gedanken zum roten Album von Tocotronic

Als Tocotronic ihr neues Album ankündigten, welches sich der Liebe widmet, war ich skeptisch, weil ich nach dem Großentwurf ihres letzen Albums „Wie wir leben wollen“, welchen sie übrigens selbst als „größenwahnsinnig“ bezeichneten, einen privatistischen Gegenentwurf befürchtete, der nicht davon gefeit sei, einem sentimentalen Liebeskitsch zu verfallen. Glücklicherweise irrte ich mich. (mehr…)

Versuch über das Glück

Die Seele zerbrechlich und mürbe
Und qualvoll die Schreie nach ihr.
Und bliebe sie fort, ja dann stürbe
Noch etwas in ihm wie in mir.

Da taucht aus dem tiefschwarzen Dunkeln
das wärmende Licht frühsten Rechts.
Im Äuglein des Kindes das Funkeln
des Glückes des Menschengeschlechts.

Was könnte es anderes werden
als dieses erfahrene Glück.
Den Fesseln der Vorzeit auf Erden
entschlagen, so kehrt es zurück.

Lied des Leierkastenmanns

Nüchtern steh’ ich jeden Morgen
An der Straßenecke und
Frisch gemachte Alltagssorgen
Kreuzen meinen Weg mit Grund.
Oder ohne, wie auch immer
Alles bleibt so, wie es war
Manche sagen, es geht schlimmer,
Manche sagen, wunderbar.
Ich ertrage das Geseier
Meiner Zeitgenossen kaum.
Jeden Tag die gleiche Leier,
Sitte hält den Geist in Zaum

So ist er, der Lauf des Dinge
Langsam läuft er bestenfalls
Schleichend legt sich dann die Schlinge
Um den Luft erheisch‘den Hals
Drückt es schon an euren Kehlen?
Wird die Luft ein bisschen knapp?
Schneidet ihr euch eure Seelen
Oder die Krawatte ab?
Jeden Tag die gleiche Leier?
Einmal wird es anders sein! -
Heißt es eines Morgens „Nein“
Oder bei der Totenfeier.

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Faktenwissen versus Ideologiekritik

Ziel des kritischen Denkens ist die Erkundung der Möglichkeit einer Realisierung der Utopie, nicht die bloße Datenregistratur. Es arbeitet getrieben von dem Verdacht, daß es in der Welt mehr Fetische als Fakten gibt.
(Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft)

Derzeit wird in den verschiedenen sozialen Netzwerken von Linken begeistert das Ergebnis einer Studie des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) verbreitet. Das Fazit der Studie gemäß Spiegel online ist: „Demnach zahlte 2012 jeder in Deutschland lebende Ausländer durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhielt. Insgesamt sorgten die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass so für ein Plus von 22 Milliarden Euro.“ Die deutsche Bevölkerung sieht das bisher allerdings anders: „im selben Jahr [waren] zwei Drittel der Deutschen überzeugt, dass Zuwanderung die Sozialsysteme belaste.“ (Deutschlandfunk) Hinter dem vermeintlich ökonomischen Kalkül des haushälterisch und statistisch hoch geschulten deutschen Stammtisches verbergen sich, wenig verwunderlich, nichts anders als xenophobe Ressentiments. (mehr…)