HALBSTARK http://halbstark.blogsport.de Blog für Lyrik, Kritik und Satire Thu, 13 Oct 2016 15:17:31 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Fragmente des Schreckens http://halbstark.blogsport.de/2016/10/13/fragmente-des-schreckens/ http://halbstark.blogsport.de/2016/10/13/fragmente-des-schreckens/#comments Thu, 13 Oct 2016 14:18:38 +0000 Emil Allgemein http://halbstark.blogsport.de/2016/10/13/fragmente-des-schreckens/ Mit Freunden habe ich diesen Kurzfilm produziert:

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Männlichkeit, Gewalt und Projektion (lange Version) http://halbstark.blogsport.de/2016/02/14/maennlichkeit-gewalt-und-projektion-lange-version/ http://halbstark.blogsport.de/2016/02/14/maennlichkeit-gewalt-und-projektion-lange-version/#comments Sun, 14 Feb 2016 10:03:03 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2016/02/14/maennlichkeit-gewalt-und-projektion-lange-version/ Anlässlich des heutigen internationalen Tags gegen Gewalt gegen Frauen (One billion rising) habe ich meinen Artikel über „Männlichkeit, Gewalt und Projektion“ grundlegend überarbeitet und massiv theoretisch erweitert. Mein damaliger Ausgangspunkt war die problematische öffentliche Diskussion über die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht. Der rechtspopulistische Tenor war eindeutig: Männer aus „arabischen“ kulturellen Kontexten „importieren“ eine neue sexuelle Gewalt in die westlichen Gesellschaften. Die linke Gegenreaktion: Das ist falsch, denn beispielsweise am Oktoberfest sehe man, dass es auch im Westen eine rape culture gebe. In dieser Debatte blieb meines Erachtens das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt unterbelichtet bzw. verkam zur bloßen Phrase. Daher möchte ich an dieser Stelle grundlegende Gedanken formulieren, die ich bisher in dieser Form noch nicht wiedergefunden habe.
Wenn es eine eindeutige definierbare Tätergruppe gibt, die sexuelle Gewalt ausübt, dann sind es Männer. Je nach Studie leiden 33 -37% der Frauen weltweit mindestens einmal unter männlicher Gewalt. Sicherlich gibt es auch Frauen, die Gewalt ausüben, aber das Ausmaß steht in keinem „vergleichbaren Verhältnis zur männlichen (physischen) Gewaltausübung und vor allem fehlt die (fast) ausschließlich bei Männern vorhandene Verknüpfung mit eindeutig sexuellen Motiven“, so der Psychoanalytiker Rolf Pohl in seiner umfangreichen Studie „Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen.“ Dieses Ausmaß berechtigt daher zur Annahme, dass es eine fließende Grenze zwischen „normaler“ und „pathologisch-gewalttätiger“ männlicher Geschlechtsidentität gebe, die Täter also „ganz normale Männer“ seien.
Wie ist dieses Ausmaß theoretisch zu erklären und worin wurzelt der sich in dieser Gewalt ausdrückende Hass auf Frauen? Nach Pohl (alle weiteren nicht ausgewiesenen Zitate beziehen sich auf das genannte Buch) unterliege die menschliche Sexualität einer ambivalenten Konstitution: Eine wichtige Erkenntnis Freuds ist, dass Trieb und Objekt nicht apriorisch miteinander verlötet sind, sondern die Richtung der Objektbezüge gesellschaftlich bestimmt wird. Zwangsheterosexualität (aber ebenso Zwangshomosexualität) ist ein Sozialisationsprodukt. Erst im Laufe der psychosexuellen Entwicklung wird die freie Beweglichkeit der Libido zu einem gebundenen Zustand. Dies geschehe im Sinne von Freuds Anlehnungsthese: Die Sexualität und die Objektbindung resultieren aus der Selbsterhaltung. In diesem Sinne wird die nährende Mutterbrust das erste Sexualobjekt des Kindes. Und diese Objektbindungen unterliegen von Beginn an „einer Spaltung der affektiven Einstellungen in Zuneigung und Feindseligkeit […]. Beide zielen auf die Herstellung und Beeinflussung einer Realität, die dem Kind die Reproduktion einer als lustvoll erfahrenen Wahrnehmung erlaubt oder verwehrt.“ D.h. Liebe und Hass sind zumeist auf das gleiche Objekt gerichtet. Denn das Ich liebt nicht nur das Objekt, das Lust erzeugt, sondern kann es ebenso hassen, weil es Lust versagt und zugleich den Objekthunger weckt. Damit schaffen sowohl Befriedigung als auch Versagung eine Abhängigkeit vom Objekt. Dieses Sexualitätsdilemma ist zunächst geschlechtsneutral und lässt daher die Frage aufkommen, warum diese allgemeine Ambivalenz sich in einem solchen Ausmaß im männlichen Hass auf das weibliche, begehrte Objekt ausdrückt (ich bleibe hier im psychoanalytitischen Duktus, weil er eine Realität, in denen Frauen real objektifiziert werden und sich aber auch häufig mit dieser Rolle identifizieren, treffend wiedergibt).
Pohl vertritt die These, dass diese Legierung von Sexualität und Aggression mit dem Genitalprimat, der Transformation des Penis zum Phallus verbunden ist. Der kleine Junge beginne, durch die „autoerotischen Erfahrungen befördert, im Penis den narzißtisch besetzten Brennpunkt seines eigenen Begehrens und seiner Aufmerksamkeit zu lieben und nährt damit seine unbewußte Illusion, im Besitz eines kontrollierbaren Instruments zur erwünschten Triebabfuhr zu sein.“ Der Penis hat einen eigenen Wert und scheint die Ablösung von der Mutter und die Setzung als eigenes Subjekt zu erleichtern. Diese narzisstische Besetzung des Penis durch die Autoerotik lädt ihn zum Phallus auf, die männliche Sexualität wird „penifiziert und phallokratisiert“. Der Phallus repräsentiert sowohl die Separierung von der Mutter als auch die männliche Potenz. „Die grandiose Phantasie des Phallus liegt darin, daß er sein anderes nicht braucht“ (Raewyn Conell). Damit basiert die Errichtung des Phallus und damit die männliche Geschlechtsidentität auf dem Ausschluss (und der Abwertung) des Weiblichen mit dem Ziel der absoluten Autonomie. Zugleich drängt der Penis auf das neu wahrgenommene (mütterliche) Sexualobjekt. Daher gibt die Verdopplung in Penis und Phallus den Widersprüchen und Dilemmata einen kulturellen Ausdruck, aber verschärft sie zugleich: „in ihrer phallischen Gestalt bedarf die männliche Sexualität keine(n) ‚andere(n)‘, in ihrer genitalen Lustdimension dagegen um so mehr.“ So transformiert sich das Sexualitätsdilemma in ein geschlechterspezifisches Männlichkeitsdilemma. Der Phallus nährt die Illusion der vollkommenen Autonomie von der weiblichen Welt, die der Penis zugleich als gefährlichen Schein entlarvt, da Lust und Befriedigung vom (weiblichen) Objekt abhängen. Allen patriarchalen Kulturen ist nun gemein, diese Illusion als zentrale Leitidee der (hegemonialen) Männlichkeit zu setzen. So könne von gewissen kulturübergreifenden „Universalien der männlichen Erfahrung“ ausgegangen werden. Mannwerdung erfolgt durch Initiationsriten gemäß folgendem „Grundschema: nach einer radikalen, häufig gewaltsamen Trennung von der weiblichen Welt, werden die Initianden komplizierten, mythologisch begründeten, symbolischen und realen Inszenierungen und Prüfungen unterworfen, um alle Spuren des Weiblichen aus Geist und Körper auszutreiben“. Die für das Männlichkeitskonzept zentrale Autonomie wird gewonnen, indem alles, was auf Endlichkeit, Abhängigkeit, Passivität, Leiblichkeit, kurz: das mit dem Weiblichen verknüpfte, was als Bedrohung wahrgenommen wird, abgespalten wird.“ An unzähligen Beispielen lässt sich die Abspaltung und Ausgrenzung des Weiblichen aufzeigen: Während Frauen sich beispielsweise mittlerweile fast alle männlichen Kleidungsstücke angeeignet haben – selbst den phallischen Strick um den Hals, die Krawatte –, ist es noch immer verpönt, wenn Männer „weibliche“ Kleidung tragen. Ähnlich dienen die Überraschungseier für Mädchen, wie Antje Schrupp bemerkte, dazu, dass Jungen nicht die Gefahr laufen, mit „Mädchenspielzeug“ konfrontiert zu werden. Es ließe sich wohl endlos weiterführen. Damit wird auch deutlich, dass der Prozess „keine naturgegebene Entwicklungskonstante, sondern das Ergebnis einer mehrschichtigen Überlagerung der psychosexuellen Reifungsvorgänge mit den Reproduktionserfordernissen einer männlich-hegemonialen Kultur und ihren körperlichen Einschreibungsprozessen.“ Eben sowenig liegt er in der Anatomie begründet, sondern diese wird von den genannten gesellschaftlichen Anforderungen besetzt. Vielmehr führt die Phallokratisierung des Genitals zu einer Verarmung sämtlicher anderer körperlicher Vorgänge. Die männliche Sexualität wird dabei zu einem „sexualphysiologischen Automatismus“ transformiert. Um die Gefahren der sich in der Sexualität ausdrückenden Abhängigkeit möglichst abzuwehren, wird der Geschlechtsakt auf das Rein-Raus-Spiel, wie es so treffend in Clockwork Orange heißt, reduziert. Sexualität wird zu einer reinen, dem Anschein nach quasi-instinkthaften, Reaktion auf einen äußerlichen Reiz. In dieser Logik gilt dann nicht selten das Opfer sexueller Gewalt als (mit)schuldig, weil es den Täter durch seine Reize provoziert habe (victim blaming). Aber auch gegen die Männer selbst richtet sich dieses Bild des Sexuellen, wenn, vor allem von konservativer Seite, Männern unterstellt wird, dass sie quasi-instinkthaft zur Pädophilie neigten, sobald sie als Kinderpfleger oder Väter dem Kind nahe sind.
Eine andere Form der Abwehr vermeintlich gefährlicher Abhängigkeit ist die Dehumanisierung von Frauen: Nach Pohl vollzieht sie sich in zwei Schritten. Zuerst werden Frauen depersonalisiert; sie werden zum Objekt der sexuellen Phantasien. Darauf folgt eine reale oder imaginäre Fragmentierung des weiblichen Körpers: Er wird auf ausgewählte Körperöffnungen reduziert, die beherrsch- und penetrierbar sind (ein überaus hässliches, aber treffendes Beispiel ist dieses Lied) Die Verherrlichung der männlichen Autonomie geht damit mit der Unterwerfung der Frauen zusammen, die immer wieder schmerzhaft daran erinnern, dass es sich um eine fast wahnhafte Illusion handelt: Die „Herabsetzung und Erniedrigung der Frauen [ist] konstitutiver Bestandteil der (brüchigen) männlichen Identität und keineswegs nur eine temporäre, auf die Dauer der Initiation begrenzte Zwischenphase […]. Die erneute Hinwendung zu den Frauen bleibt […] auch nach der Initiation weiterhin zutiefst ambivalent, von Verachtung und (Angst-)Lust geprägt. Unzählige Äußerungsformen sexueller Gewalt (auch in westlichen Gesellschaften) bestätigen diese Beobachtung dauerhafter feindseliger Einstellungen gegenüber Weiblichkeit in den vorherrschenden Typen männlicher Subjektkonstitution.“ Wenn der Trieb schon nicht kontrollierbar ist, so soll es doch das begehrte Objekt sein, indem es objektifiziert, gedemütigt und unterworfen wird. Es wird versucht, das Objekt des Triebes unter Kontrolle zu bringen, um ihm die Macht zu nehmen, etwas im Manne auszulösen, was er nicht kontrollieren kann (Begehren, Erektion) und ihm damit die illusionäre Autonomie vor Augen führt. Körperliche Übergriffe und Vergewaltigungen sind in diesem Sinne Versuche, das Sexualitäts- und das Männlichkeitsdilemma aggressiv und gewalttätig am Objekt auszuagieren. Deswegen kritisiert Pohl auch vehement die Annahme, dass diese Gewalt keinen sexuellen Charakter besitzt, sondern es sich um sexualisierte Gewalt handle. Diese mittlerweile allgemeingültige Position und Sprachreglung tilge all die oben benannten Widersprüche aus der Sexualität und erkläre die Gewalt damit zu etwas äußerlichem.
Pohl betont insbesondere, dass dieser brüchigen Männlichkeit eine „paranoide Abwehr-Kampf-Haltung“ zugehört, d.h, dass das Objekt angegriffen werden muss, um der Bedrohung, die vermeintlich von ihm ausgeht, zuvorzukommen. Und so begründen männliche Gewalttäter ihre (nicht nur gegen Frauen gerichteten) Taten häufig als Notwehr. Man wolle der „eigenen Zerstörung durch die Zerstörung des Angsterregenden zuvorzukommen“. Wenn schon der Trieb, der sie in diese Abhängigkeit zwingt, nicht zerstört werden kann, so muss die Destruktion an den Objekten ansetzen, um die ersehnte Triebruhe zu erreichen. Indem versucht wird, Spannungen durch die Zerstörung von Triebbindungen abzubauen, kann man nach Pohl von einer „Affinität von Männlichkeit und dem Prinzip des Todestriebs“ sprechen. Bei nicht wenigen männlichen Gewaltverbrechen geht die Zerstörung des Objekts auch mit der Zerstörung des Triebs in Form der Selbsttötung einher, die im Grunde nur die letzte Konsequenz dieser Destruktivität darstellt. Man denke nur an sogenannte Selbstmordattentäter. Aber auch Amokläufe enden häufig mit dem Suizid des Täters. Nachweislich misogyne Motive gab es dabei bei den Amokläufen von Winnenden oder von Kalifornien. Oder man denke an die sogenannten und damit verharmlosten „Familientragödien“, bei denen ein ‚ganz normaler Familienvater‘ seine Frau (und seine Kinder) und dann sich selbst erschießt. Hinzu kommt eine deutlich höhere Suizidrate bei Männern.
Männliche Gewalt richtet sich aber nicht nur gegen Frauen, sondern auch, und sogar in der Mehrheit, gegen andere Männer. Dies beginnt mit den zu dieser Sozialisation gehörenden und natürlich über diese hinausgehenden Konflikten und ‚Raufereien‘ zwischen Jungen und Männern, die durch ihre desolate Geschlechtsidentität sich ständig aufs Neue beweisen müssen, dass sie ‚echte Männer‘ sind, also Anteil an der hegemonialen Männlichkeit haben. Neben diesem im Prinzip gesellschaftlich akzeptierten Konkurrenzgehabe, welches nur noch bei übermäßiger Gewalt sanktioniert wird, richten sich Männer vor allem gegen marginalisierte Männlichkeiten, insbesondere gegen schwule Männer. Gerade in der Pubertät, wenn Trieb und Objekt noch nicht allzu fest verlötet sind, schleichen sich auch bei heterosexuellen Jugendlichen homoerotische Neigungen ein, die eine neue Bedrohung darstellen, denn sie zeigen auf, dass nicht nur die Abhängigkeit vom Objekt droht, sondern man auch selbst zum Objekt werden kann. Der Schwule ist der verweiblichte Mann, der nicht (nur) penetriert, sondern sich penetrieren lässt und damit zum Lustobjekt wird. Homophobie ist daher in erster Linie eine Abwehr imaginierter Verweiblichung. Bezeichnend und entlarvend ist, dass gerade Männer sich, unter expliziten Ausschluss von Frauen, zu Bünden zusammenschließen. Dies kann als eine unbewusste Neuwendung homoerotischer Spannungen verstanden werden, die sich gerade wegen dieser Aufladung, explizit von der Homosexualität distanzieren muss. So kann homophile Körperlichkeit ausgelebt und Schwule können zugleich verachtet werden.
Kurzum: die männliche Gewalt gegen Frauen und andere Männer basiert auf einer wahnhaften Autonomievorstellungen, die schon in der psychosexuellen Subjektkonstitution wurzelt und gerade wegen ihres illusionären Charakters ständig bereit für den Präventivschlag sein muss, damit diese brüchige Identität nicht als solche zu Bewusstsein kommt. Der misogyne Antisemit Otto Weininger brachte es affirmativ auf den Punkt: „Der Haß gegen die Frauen ist immer nur noch nicht überwundener Haß gegen die eigene Sexualität“. Daher rührt letztlich auch die Aufspaltung der Weiblichkeitsvorstellungen in die Heilige und die Hure. Auf der einen Seite die vergötterte und entsexualisierte heilige Mutter – die Mutter Maria und ihr Wunder der unbefleckten Empfängnis. Und auf der anderen Seite die dämonisierte, lüsternde Hure, die den Mann und seine Autonomie (vaginal) zu verschlingen droht. Ganz aktuell sind die kulturellen Codes auch im Gangsta-Rap vorzufinden, der nur die eigene Mutter, deren Ehre über alles steht, und die ‚bitches‘ kennt, die mit Gewalt gezüchtigt gehören.
Wenn dieser Hass auf und Gewaltbereitschaft gegen Frauen so tief in der Struktur herrschender Männlichkeit wurzelt, warum muss diese Realität, die sich durchaus als rape culture beschreiben lässt, so intensiv verdrängt und verleugnet werden? Während die Abwehr und Entwertung alles Weiblichen konstitutiv in das männliche Subjekt eingeht, sind in dieser Gesellschaft Frauen mittlerweile formal als freie und gleiche Subjekte anerkannt worden (was nicht bedeutet, dass es de facto noch unzählige Ungleichheiten und Unfreiheiten für Frauen gibt). Daher müssen diese Regungen des männlichen Subjekts allerdings strikt abgewehrt werden. Eine naheliegende Möglichkeit, diese Triebregungen zu übertragen oder zu verlagern, ist es, sie auf andere Personen, Objekte oder eben Menschengruppe zu projizieren und sie an dieser zu bekämpfen: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ (Freud) Und genau dies fand in der Debatte um die Geschehnisse in der Kölner Silvesternacht statt: Die omnipräsente sexuelle Gewalt gegen Frauen, die insbesondere in der Aufschrei-Debatte von Männern (aber auch von einigen Frauen) kleingeredet wurde, bis hin zur Verleugnung in Form des victim blamings, kann nun an einer anderen Gruppe ausagiert werden. Dies bedeutet keinesfalls das Kleinreden der Geschehnisse, sondern erklärt lediglich die unterschiedliche Wahrnehmung.
Gerne wurde in der Debatte auch betont, dass das Zusammenfinden zum gewalttätigen Mob (obwohl gemäß der Polizei eine solche bewusste Kollektivbildung überhaupt nicht stattgefunden hat) ein „Import“ aus einer anderen Kultur sei. An dieser Stelle muss man sich fragen, welcher ungeheuren Leistungen es bedarf, derart die Realität zu leugnen, um nicht wahrnehmen zu müssen, dass seit Monaten wieder aggressiv der deutsche Mob in einer ganz ähnlichen Motorik gegen Asylbewerber hetzt, sie angreift, ihre Wohnung attackiert und offen auf sie Jagd macht. Auch hierbei handelt es sich wieder um ein fast ausschließlich männliches Kollektiv, welches physische Gewalt gegen jene als Fremde imaginierten Menschen ausübt. Aus den vorangegangenen Erläuterungen haben wir gelernt, dass Jungen und Männer qua ihrer Subjektkonstitution eher zu einer Ausgrenzung des „Fremden“ neigen, um ihre eigene Identität zu wahren. Auch wenn dieser Hass keinesfalls monokausal auf psychische Strukturen zurückgeführt werden sollte, bildet doch die „aus tiefen Ängsten vor Sexualität und Weiblichkeit entspringende Frauenverachtung […] gleichsam den Prototyp und das Vorbild für die nach außen gelenkte Feinderklärung, -verfolgung und -vernichtung“, gemäß Pohl.
Der Hass großer Teile der bundesdeutschen Gesellschaft auf die Asylsuchenden, der sich dann in männlicher Gewalt materialisiert, speist sich insbesondere (natürlich nicht nur) aus eigenen sozialen (Abstiegs)-Ängsten: „Die bekommen, was uns zusteht“. Vollkommen abstrus werden Asylbewerberheime als Luxusunterkünfte imaginiert und Falschnachrichten von vermeintlich riesigen Geldbeträgen oder gar kostenlosen Bordellbesuchen, die Asylbewerber erhalten, machen eine große Runde. Das Feindobjekt muss dabei dem Feindbild nicht entsprechen, sondern es kann flexibel daran angepasst werden: So wird mal die sogenannte Armutsmigration gegeißelt oder eben der vermeintliche Reichtum, wenn Flüchtlinge über „Luxusgüter“ wie Handys verfügen. Man dreht und wendet es, wie es gerade passt, denn es geht einzig darum, die Anderen zu bekämpfen und alles kann diesen Wahn bestätigen. Diese Karte belegt die Vielzahl der paranoiden Gerüchte um Flüchtlinge. Sachliche Argumente, Fakten und Widerlegungen sind dabei nutzlos (mehr dazu: hier), denn der nach außen gelenkte Hass schützt davor, das eigene geliebte Kollektiv, welches einem aber die immensen Versagungen aufzwingt (Stichwort: Hartz 4), und damit die eigene Identität angreifen zu müssen. In der aktuellen Debatte wirken diese beiden projektiven Abwehrmechanismen unheilvoll zusammen, bestätigen sich gegenseitig und schaukeln sich aneinander hoch.
Die hier angestellten Überlegungen nötigen Männer natürlich dazu, dahin zu gehen wo es weh tut; sich zu fragen, inwieweit die eigene Subjektkonstitution sie zur Gewalt zwar nicht determiniert, aber sehr wohl prädestiniert. Darum werden sie ebenso abgewehrt werden müssen. Aber es bleibt mit Freud zu hoffen:

Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch.

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Männlichkeit, Gewalt und Projektionen (kurze Version) http://halbstark.blogsport.de/2016/01/09/ein-kurzer-kommentar-zu-maennlichkeit-gewalt-und-projektionen/ http://halbstark.blogsport.de/2016/01/09/ein-kurzer-kommentar-zu-maennlichkeit-gewalt-und-projektionen/#comments Sat, 09 Jan 2016 14:37:52 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2016/01/09/ein-kurzer-kommentar-zu-maennlichkeit-gewalt-und-projektionen/ Achtung!: Dieser Text stellt die Kurzversion meines Artikels dar. Die wesentlich umfangreichere Version ist hier zu finden.

Die rechtspopulistische Tenor zu den Ereignissen aus der Kölner Silvesternacht ist eindeutig: Männer aus „arabischen“ kulturellen Kontexten „importieren“ eine neue sexuelle Gewalt in die westlichen Gesellschaften. Die linke Gegenreaktion: Das ist falsch, denn beispielsweise am Oktoberfest sehe man, dass es auch im Westen eine rape culture gebe. Ich möchte diese Diskussion um eine paar grundlegende Gedanken über das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt ergänzen, die ich in dieser Form bisher noch nicht wiedergefunden habe. Wohlgemerkt unvollständig und kursorisch.
Wenn es eine eindeutige definierbare Tätergruppe gibt, die sexuelle Gewalt ausübt, dann sind es Männer. Je nach Studie leiden 33 -37% der Frauen weltweit mindestens einmal unter männlicher Gewalt. Sicherlich gibt es auch Frauen, die Gewalt ausüben, aber das Ausmaß steht in keinem „vergleichbaren Verhältnis zur männlichen (physischen) Gewaltausübung und vor allem fehlt die (fast) ausschließlich bei Männern vorhandene Verknüpfung mit eindeutig sexuellen Motiven“, so der Psychoanalytiker Rolf Pohl in seiner umfangreichen Studie „Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen.“ Dieses Ausmaß berechtigt daher zur Annahme, dass es eine fließende Grenze zwischen „normaler“ und „pathologisch-gewalttätiger“ männlicher Geschlechtsidentität gebe, die Täter also „ganz normale Männer“ seien. Wie ist dieses Ausmaß theoretisch zu erklären? Gemäß Pohl finden in sämtlichen Kulturen sehr ähnliche Initiationsriten statt, sodass von gewissen kulturübergreifenden „Universalien der männlichen Erfahrung“ ausgegangen werden kann. Diese Initiationen folgen dem „Grundschema: nach einer radikalen, häufig gewaltsamen Trennung von der weiblichen Welt, werden die Initianden komplizierten, mythologisch begründeten, symbolischen und realen Inszenierungen und Prüfungen unterworfen, um alle Spuren des Weiblichen aus Geist und Körper auszutreiben“. Die für das Männlichkeitskonzept zentrale Autonomie wird gewonnen, indem alles, was auf Endlichkeit, Abhängigkeit, Passivität, Leiblichkeit, kurz: das mit dem Weiblichen verknüpfte, was als Bedrohung wahrgenommen wird, abgespalten wird (Besonders deutlich wird es in der Homophobie, d.h. in der Angst vor und im Hass auf den schwulen, als verweiblicht wahrgenommenen Mann). Aber gerade diese starre Autonomie muss wieder in ein Gefühl der Heteronomie umschlagen, weil sie zur Abhängigkeit vom Weiblichen zwingt, schließlich muss sich die männliche Potenz an irgendetwas darstellen. Somit ist die „Herabsetzung und Erniedrigung der Frauen konstitutiver Bestandteil der (brüchigen) männlichen Identität und keineswegs nur eine temporäre, auf die Dauer der Initiation begrenzte Zwischenphase […]. Die erneute Hinwendung zu den Frauen bleibt […] auch nach der Initiation weiterhin zutiefst ambivalent, von Verachtung und (Angst-)Lust geprägt. Unzählige Äußerungsformen sexueller Gewalt (auch in westlichen Gesellschaften) bestätigen diese Beobachtung dauerhafter feindseliger Einstellungen gegenüber Weiblichkeit in den vorherrschenden Typen männlicher Subjektkonstitution.“ Während dieser Hass auf das Weibliche und auf Frauen zwar konstitutiv in das männliche Subjekt eingeht, sind in dieser Gesellschaft Frauen mittlerweile formal als freie und gleiche Subjekte anerkannt worden (was nicht bedeutet, dass es de facto noch unzählige Ungleichheiten und Unfreiheiten für Frauen gibt). Daher müssen diese Regungen des männlichen Subjekts allerdings strikt abgewehrt werden. Eine naheliegende Möglichkeit, diese Triebregungen zu übertragen oder zu verlagern, ist es, sie auf andere Personen, Objekte oder eben Menschengruppe zu projizieren und sie an dieser zu bekämpfen: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ (Freud) Und genau dies findet hier statt. Die omnipräsente sexuelle Gewalt gegen Frauen, die insbesondere in der Aufschrei-Debatte von Männern (aber auch von einigen Frauen) kleingeredet wurde, bis hin zur Verleugnung in Form des victim blamings, kann nun an einer anderen Gruppe ausagiert werden. Dies bedeutet keinesfalls das Kleinreden der Geschehnisse in Köln, sondern erklärt lediglich die unterschiedliche Wahrnehmung.
Gerne wird auch betont, dass das Zusammenfinden zum gewalttätigen Mob (obwohl sich noch gar nicht geklärt hat, ob eine solche bewusste Kollektivbildung überhaupt stattgefunden hat) ein „Import“ aus einer anderen Kultur sei. An dieser Stelle muss man sich fragen, welcher ungeheuren Leistungen es bedarf, derart die Realität zu leugnen, um nicht wahrnehmen zu müssen, dass seit Monaten wieder aggressiv der deutsche Mob in einer ganz ähnlichen Motorik gegen Asylbewerber hetzt, sie angreift, ihre Wohnung attackiert und offen auf sie Jagd macht. Auch hierbei handelt es sich wieder um ein fast ausschließlich männliches Kollektiv, welches physische Gewalt gegen jene als Fremde imaginierten Menschen ausübt. Dabei stellt die „aus tiefen Ängsten vor Sexualität und Weiblichkeit entspringende Frauenverachtung […] gleichsam den Prototyp und das Vorbild für die nach außen gelenkte Feinderklärung, -verfolgung und -vernichtung dar“, so Pohl. So speist sich der Hass großer Teile der bundesdeutschen Gesellschaft auf die Asylsuchenden, der sich dann in männlicher Gewalt materialisiert, insbesondere (natürlich nicht nur) aus eigenen sozialen (Abstiegs)-Ängsten: „Die bekommen, was uns zusteht“. Vollkommen abstrus werden Asylbewerberheime als Luxusunterkünfte imaginiert und Falschnachrichten von vermeintlichen riesigen Geldbeträgen oder gar kostenlosen Bordellbesuchen, die Asylbewerber erhalten, machen eine große Runde. Sachliche Argumente, Fakten und Widerlegungen sind dabei nutzlos (mehr dazu: hier), denn der nach außen gelenkte Hass schützt davor, das eigene geliebte Kollektiv, welches einem aber die immensen Versagungen aufzwingt (Stichwort: Hartz 4), und damit die eigene Identität angreifen zu müssen. Soviel in aller Kürze und Unvollständigkeit. In der aktuellen Debatte wirken diese beiden projektiven Abwehrmechanismen unheilvoll zusammen, bestätigen sich gegenseitig und schaukeln sich aneinander hoch.
Die hier angestellten Überlegungen nötigen Männer natürlich dazu, dahin zu gehen wo es weh tut; sich zu fragen, inwieweit die eigene Subjektkonstitution sie zur Gewalt zwar nicht determiniert, aber sehr wohl prädestiniert. Darum werden sie ebenso abgewehrt werden müssen. Aber es bleibt mit Freud zu hoffen:

Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch.

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Sieben Jahre http://halbstark.blogsport.de/2015/12/21/sieben-jahre/ http://halbstark.blogsport.de/2015/12/21/sieben-jahre/#comments Mon, 21 Dec 2015 17:29:26 +0000 Emil Allgemein http://halbstark.blogsport.de/2015/12/21/sieben-jahre/ Vor 7 Jahren hat das Projekt halbstark begonnen. Ein Viertel meines Lebens hat es mich damit begleitet. Aus diesem Anlass möchte ich ein wenig sentimental werden und ein paar meiner eigenen Lieblinge wieder in Erinnerung rufen, aber auch die Entwicklung des Blogs und meine eigene poetische Krise reflektieren.
Begonnen hat alles mit dem damaligen Plan, tagespolitischen Themen lyrisch und satirisch zu kommentieren. Lange Zeit war dieser Gedanke auch das Hauptaugenmerk dieses Blogs. Mein absoluter Liebling aus diesem Konzept ist nach wie vor mein „Nachruf auf Michael Jackson“. Noch in der Nacht als ich in der Sendung Domian von seinem Tod erfahren habe, floss mir dies Gedicht aus der Feder und sollte sich in den nächsten Wochen eins zu eins bewahrheiten. Ein anderes Gedicht aus den Anfängen, „der Felsen“, viel damals noch ein wenig aus dem Schema. Es war weniger konkret als die anderen, aber es hatte eine Leitmetapher und abgesehen vom eigenartigen Versfuß mag ich es heute noch gerne. Auch das war so ein spontaner Einfall, den ich mir im Prinzip im Vorbeigehen notiert hatte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran.
Mit der Zeit wurden meine Gedichte zunehmend politischer und direkter. Es waren weniger satirische Kommentare als klare Positionierungen. Dennoch habe ich weiterhin versucht, mich mit Humor den Dingen zu nähern, denn zu einem dichtenden Politiker wollte ich ganz bestimmt nie werden. Ein paar schöne Beispiele sind „Der Faktor Mensch – Ein Klagelied“ oder natürlich das „Kampflied der Anarchisten“, welches ich auch heute noch gerne spiele. Viele Anarchisten fanden diese Selbstironie übrigens überhaupt nicht witzig. Ich dagegen denke weiterhin, dass sie den Kritikern eher den Wind aus den Segeln nimmt, denn diese Überspitzung zeigt doch, wie bescheuert solche Klischees eigentlich sind. Besonders wichtig war mir immer, neben der Kritik der Arbeit, die Religionskritik: Mein persönlicher Liebling ist dabei sogar recht spät entstanden: „Die Zukunft einer Illusion
In etwa diesem Zeitraum entstand auch „Menschen wie sie jeder kennt“ und dieses Gedicht hielt ich eine ganze Weile für mein bestes. Im Grunde ist es eine typische Anklage der Angepassten, also gar nicht so einfallsreich. Aber ich mag Reim, Rhythmus und vor allem die Pointe. Letztere war mir überhaupt immer sehr wichtig und viele Gedichte basieren im Grunde auf einer Pointe. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist da die „Aristokratische Ironie“, meine wohl längste Ballade.
Dass ich nicht nur Dichter, sondern auch Student bin, sollte auch an meinen Gedichten nicht vorübergehen und so entstanden verschiedene Werke, die mal mehr oder weniger direkt Bezug nahmen auf Theorien oder Ideen, auf die ich in meiner wissenschaftlichen Lektüre gestoßen bin. Meine beiden Lieblinge sind dabei „Die letzte Kränkung“, insbesondere die ersten Verse mag ich sehr und sollten stilistisch sehr prägend werden, und „Von großen und kleinen Männern“, welches fast schon eine Art Lehrgedicht ist. Aber auf eine humorvolle Weise. Dieses fast wissenschaftliche Herangehen sollte sich alsbald als Damoklesschwert herausstellen.
Vor kurzem habe ich das tiefromantische „Blume am Wegesrand“ für mich wiederentdeckt. Aus mir unersichtlichen Gründen war es mir komplett entfallen, dabei ist es doch so wunderbar weltverklärend. Zu meiner Verteidigung: natürlich habe ich auch eine Art Gegenentwurf geschrieben, der bitterbösen Spott über die romantische Weltentrückung ausgießt: Die „Romantische Szene bei fröstelnder Mondnacht“. Ein Gedicht, das leider kaum Beachtung erfahren hat.
Ich bin absolut kein Freund von Personenkult oder auch nur vom Gedanken an „Vorbildern“. Trotzdem hatte ich bei Erich Mühsam, dessen fast unbrechbare Renitenz ich sehr bewundernswert finde, das Bedürfnis, ihm ein eigenes Gedicht zu schreiben („Für Erich Mühsam“), welches auch als eine Art Mikrobiographie gelesen werden kann. Inspiration fand ich dazu übrigens bei dem Gedicht „Lessing“ von Erich Kästner.
Bald wichen die politischen Gedichte zunehmend den melancholischen. Das war auch ein Stück Absicht. Mittlerweile erschienen mir einige der frühen Werke doch recht plump. Manche wirkten gar wie ein reines Instrument um eine politische Aussage zu treffen, fern jeder Poesie. Anstatt weiterhin das Politisch-allgemeine direkt beim Namen zu nennen, versuchte ich nun vom Besonderen auszugehen und in ihm das repressive Allgemeine indirekt zu fassen. Und auf diesem Weg sind viele tolle Gedichte entstanden: „Der Tropfen“, „Mann in der Grube“, „Die andere Seite“, „Stille Post“ oder „Ein Besuch“. Letzteres behandelt eine sehr persönliche Erfahrung, aber eine Erfahrung, die wohl viele Menschen machen mussten, denn ich bekam zu ihm einige Male die Rückmeldung, dass es sehr berührt habe. Es ist mittlerweile das Gedicht, was ich immer zuerst nenne, wenn ich auf halbstark aufmerksam machen möchte.
Doch schon vorher kam es zu einer Krise. Das Gedicht „recherche du temps perdu“ stellte für mich persönlich einen Höhe- aber auch einen Wendepunkt dar. Mit ihm erschien mir fast alles gesagt. Die Schmetterlingsstrophe gehört noch immer zu meinen mir liebsten Versen. Was sollte noch kommen? Von da an habe ich nur noch sehr unregelmäßig und selten veröffentlicht. Heute kann ich die Ursache für diesen Bruch genauer bestimmen: Durch das Studium hat der wissenschaftliche Zugang zu Welt eine immer größere Rolle in meinem Leben eingenommen und Schritt für Schritt hat er den poetischen Weltzugang verdrängt und fast verdorren lassen. Nach dieser Erkenntnis begann eine Zeit, in welcher ich die Poesie langsam zurückzugewinnen versuchte, denn es ist doch der so viel schönere und erfüllendere Zugang zur Welt. „Der grauenhafte Blick ins Ich“ stellt daher auch eine Art Selbstkritik dar und ist nicht zufällig das erste Gedicht, welches auf diesem Blog ohne Reim und Versfuß auskommt (obwohl ich schon immer auch formlos geschrieben habe).
Zumindest zum Teil habe ich die Poesie wiederfinden können. Und so ist meine „Bolle“-Paraphrase entstanden, die ich gerne singe. Aber auch der „Versuch über das Glück“ oder jüngst die „Kritik des Pferdes“, mit der ich meine vor Jahren begonnene Trilogie zur Kritik der Nutztiere endlich abgeschlossen habe, entstanden.
Und so muss ich resümieren: Die Wissenschaft ist, wie Wittgensteins Leiter, wegzustoßen, sobald sie erklommen ist. Wenn alles gesagt, bleibt, sich dem Unsagbaren zuzuwenden: der Poesie.

Die Poesie wiederzufinden kann dasselbe sein, wie die Revolution aufs neue zu erfinden. (Situationistische Internationale)

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Kritik des Pferdes http://halbstark.blogsport.de/2015/11/09/kritik-des-pferdes/ http://halbstark.blogsport.de/2015/11/09/kritik-des-pferdes/#comments Mon, 09 Nov 2015 10:29:49 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/11/09/kritik-des-pferdes/ Ich gehe gerne mal bei Zeiten
auf einen Hof zum Ponyreiten.
Prompt wird sich zu dem Pferd bequemt,
Bewegung ist mir nun verfemt.
Ich throne stolz auf seinem Rücken
und lock‘ das Vieh mit Zuckerstücken.
Da sprech‘ ich klug zum dummen Gaul:
„Hier oben sitz’ ich träg‘ und faul,
genieße all das Pittoreske:
die Landschaft Kunst, der Himmel Freske.
Die Schönheit dieser Welt berührt
mich tief und du du wirst geführt:
Nach meinem Willen musst du trappen;
dein Blick verstellt durch Augenklappen.
Ich bin der Herr und du der Knecht.
Man zwang dich nieder, es ist Recht.“
Da dringt ein Schnaufen aus den Nüstern,
aus tiefer Stille kommt ein Flüstern:
„Es ist beachtlich“ sprach der Hengst
„was du, du Mensch, so lauthals denkst.
In euren kleinen Menschenköpfen
regiert die Kunst, doch herrscht das Schröpfen.
Jedoch, mein Herr, sei dir gewiss,
dass das noch nicht das Ende is‘.
Du hast mich nötig, denn ich trage
all deine Lasten ohne Frage.
So bleibst du schwach und ich werd‘ stark
und irgendwann schon kommt der Tag,
An welchem meine großen Mühen
in neuem Glanze werden blühen.
Dann werf ich dich von deinem Thron:
und galoppier befreit davon.“

Anmerkung:
Der Abschluss meiner drei großen Kritiken.
Kritik der Kuh
Kritik des Schafes

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Ante mortem http://halbstark.blogsport.de/2015/09/07/ante-mortem/ http://halbstark.blogsport.de/2015/09/07/ante-mortem/#comments Mon, 07 Sep 2015 10:30:21 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/09/07/ante-mortem/ Sein Lebensweg ist schnell erzählt:
Geburt, geschafft, Gebrechen.
Es hatte ihn seit je gequält,
Doch trug er stolz das Stechen.

Er nahm sein Los verzagt in Kauf:
Er wurd‘ geleimt, blieb kleben.
Sein makelloser Lebenslauf:
Ein nicht gelebtes Leben.

Es hatte ihn verdorben
Eh’ sich ein Ausweg bot.
So ist er längst gestorben
Und wartet auf den Tod.

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Der grauenhafte Blick ins Ich http://halbstark.blogsport.de/2015/07/11/der-grauenhafte-blick-ins-ich/ http://halbstark.blogsport.de/2015/07/11/der-grauenhafte-blick-ins-ich/#comments Sat, 11 Jul 2015 10:27:08 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/07/11/der-grauenhafte-blick-ins-ich/ I. Faszinosum
Wie merkwürdig es klingt,
dass du des Merkens würdig.
Und wie eigenartig,
dass du von eigener Art.
Darum
keines Reimes bedürftig.
Und meiner Unzulänglichkeit wegen.

II. Kommensurabilität
Die Macht des Tausches,
welche all jene verhärmte,
die ihm unterworfen,
aber doch willfährig
sich ihm andienen,
erhoffend sein Glanz
füllte, was er doch aushöhlte.
Bis da nichts mehr war
als leere Form
Furchtbares musste es sein
und furchtbar ist es noch immer.
A = B
asphaltierte die Straßen
Ins Menschenschlachthaus.
Seine Tore verkünden
was niemals mehr darf sein.

III. Midas
Das glitzernde Metall,
das farbige Papier:
die Allheit am Hosenbund
betrügt uns ewig
ums Versprochene.
Entbehrt doch jeder Erfüllung,
denn niemals wars ein Kindertraum.
An den Ufern des Paktolos
vergraben sich Füße.
Zaudernd,
in ihm zu treiben.
Gleichfalls ozeanisch.

IV. Insomnia
Goya irrte
Der Albdruck beharkt uns
im grausamen Wachen.
Der Nachtmahr grüßt
freundlichst am Jägerzaun
Und packt deine Tüten
Im Supermarkt.
Galant bespielt er
die Klaviatur der Vernunft:
Kein Misston trübt die Melodie.
Wo kein Schlaf,
da auch kein Traum.
Die Ruhe gebiert
das Hingebungsvolle,
dem doch nichts
als Fäulnis und Moder
innezuwohnen scheint.

V. Apotheose
Sei Göttin!
Der Verlorene findet
sich nur im Verlieren.
Sei Göttin!
Das Absolute
verspricht Absolution.
Sei…
aber lieb macht dich dein Fehler
wie Karl Kraus wusste.
Doch das Wort verging.

VI. Entelechie
Erinnerend
dem einstigen Glück
sich Gewahr werden.
Dem vermaledeiten Jetzt,
seiner schablonierten Lust,
den Dienst versagen:
Dem Entschlafenden
die Augen schließen.
Der irre Zwang vergeht
Mit der Scheu
vor der Sinnlosigkeit.
Lass schneien
die Schneekugel!
Was da einst Kulisse
und Requisite
atmet;
Der Figurant
entblättert sich.
Matrjoschkenhaft.
Was bleibt?

Anmerkungen:
Für M.

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Gedanken zum roten Album von Tocotronic http://halbstark.blogsport.de/2015/06/27/gedanken-zum-roten-album-von-tocotronic/ http://halbstark.blogsport.de/2015/06/27/gedanken-zum-roten-album-von-tocotronic/#comments Sat, 27 Jun 2015 13:27:16 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2015/06/27/gedanken-zum-roten-album-von-tocotronic/ Als Tocotronic ihr neues Album ankündigten, welches sich der Liebe widmet, war ich skeptisch, weil ich nach dem Großentwurf ihres letzen Albums „Wie wir leben wollen“, welchen sie übrigens selbst als „größenwahnsinnig“ bezeichneten, einen privatistischen Gegenentwurf befürchtete, der nicht davon gefeit sei, einem sentimentalen Liebeskitsch zu verfallen. Glücklicherweise irrte ich mich. Auf dem Album gebe es, wie sie selbst in einem Interview sagten, „keine Lovesongs, sondern Songs zum Thema Liebe“. Auch wenn sich immer wieder Romantizismen finden lassen: Die Liebe ist ihnen, anders als in so vielen anderen Stoffen, nicht einfach das abstrakte Gegenteil einer lieblosen Welt, ein eskapistisches Verschanzen in der romantischen Bastion, sondern stets ein Einspruch gegen diese verhärtete Realität, der diese Engegensetzung in Bewegung bringt. Das Glück, welches diese Liebe verheißt, ist die Aufhebung der schmerzhaften Trennung von Subjekt und Objekt, der Zerfall der harten Grenzen und der Verdinglichung, das Sich-Wiederanschmiegen: „Ich öffne mich / Öffne mich gänzlich für dich / Wir fliehen zu zweit / Aus den Kerkern der Zeit“ (Ich öffne mich) Das Ich löst sich aus seiner Verhärtung, gibt sich dem Anderen hin und will sich den objektiven Strukturen entwinden, die auf ihm lasten. Es kann das, weil es sich an einen Zustand erinnert, indem die alles beherrschende Formleere noch nicht galt: die frühste Kindheit. „Man kann den Erwachsenen nicht trauen / Ihr Haar ist schütter / Ihre Hosen sind es auch […] Denn sie sind grauenvoll/ Wir wollen in unseren Zimmer liegen/ Und knutschen, bis wir müde sind […] Wir sind Babys / Sie verstehen uns nicht“ (Die Erwachsenen). Nicht die Welt an sich, sondern das, was die Erwachsenen in ihrer Lebennot aus ihr gemacht haben, versagt uns beständig das lustvolle Glück der Hingabe, schafft die scheinbar unüberwindbare Kluft. Aber es muss eine künstliche, gewaltvolle bleiben, denn „Wir sind uns fremd / doch gibt es nichts / was uns trennt / Wir haben nie gelebt / Doch sind wir / miteinander verklebt“ (Haft). Es sind Hymnen an das Verzärtelte, das Zerbrechliche, das Nichtidentische, welche den Einspruch gegen diese Realität ausmalen: „Du bist aus Zucker, du bist zart/ Du schmilzt dahin, du wirst nicht hart“( Zucker) oder „Und die monströse Kuppel / Zerbirst in tausend Farben / Check dich mit mir ein / Kannst du mich befreien?“ (Rebel Boy). In dieser Hingabe und Selbstvergessenheit muss das Zweckmäßige auf der Strecke bleiben:„Pädagogisch wertlos / war das Erlebnis / dieser Nacht“ (Diese Nacht). Rot aber symbolisiert nicht nur die Liebe, sondern steht seit jeher für das Aufbegehren gegen eine lieblose Welt voller Zurichtungen und Zumutungen, die jedem Glück noch das tragische Bewusstsein seines alsbaldigen Verschwindens anheftet, denn ein befriedetes Dasein wird niemandem gegönnt. So findet auch die große Waffe gegen diesen unmenschlichen Zustand Einzug, die Solidarität: „Ihr […] / Die, ihr jede Hilfe braucht / unter Spießbürgern Spießruten lauft/ Von der Herde angestielt / Mit ihren Fratzen konfrontiert / Die ihr nicht mehr weiter wisst / Und jede Zuneigung vermisst / Die ihr vor dem Abriss steht / Ihr habt meine Solidarität“ (Solidarität). Wohl nicht zufällig erschien das Album am ersten Mai, der nicht nur als Tag der Arbeiterbewegung den Kristallisationpunkt dieses Protestes bildet, der erste Mai ist auch ein Feiertag und damit wurde zumindest ein Stück weit die Warenförmigkeit der Musik konterkariert, da man sie am Veröffentlichungstag in den Läden nicht kaufen konnte. Musikalisch wurde dem Album gelegentlich Langeweile attestierte. Stattdessen sollte man den Mut loben, dass sich nicht dem spektakulären Rock verschrieben wurde, der sich allzuoft in vermeintlich technischer Virtuosität erschöpft, aber voll und ganz seelenlos bleibt, sondern dass die musikalische Gestaltung eine Stimmung erzeugt und sich gefälligen Melodien verweigert.

Anmerkung:
Dass Album greift insgesamt viele Motive auf, die auch in meinen Gedichten eine bedeutsame Rolle spielen, so in „Recherche du temps perdu“, „Versuch über das Glück“, „Stille Post“ oder „Der grauenhafte Blick ins Ich“.

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Versuch über das Glück http://halbstark.blogsport.de/2015/05/23/versuch-ueber-das-glueck/ http://halbstark.blogsport.de/2015/05/23/versuch-ueber-das-glueck/#comments Sat, 23 May 2015 11:02:11 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/05/23/versuch-ueber-das-glueck/ Die Seele zerbrechlich und mürbe
Und qualvoll die Schreie nach ihr.
Und bliebe sie fort, ja dann stürbe
Noch etwas in ihm wie in mir.

Da taucht aus dem tiefschwarzen Dunkeln
das wärmende Licht frühsten Rechts.
Im Äuglein des Kindes das Funkeln
des Glückes des Menschengeschlechts.

Was könnte es anderes werden
als dieses erfahrene Glück.
Den Fesseln der Vorzeit auf Erden
entschlagen, so kehrt es zurück.

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Lied des Leierkastenmanns http://halbstark.blogsport.de/2015/01/03/lied-des-leierkastenmanns/ http://halbstark.blogsport.de/2015/01/03/lied-des-leierkastenmanns/#comments Sat, 03 Jan 2015 12:50:26 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/01/03/lied-des-leierkastenmanns/ Nüchtern steh’ ich jeden Morgen
An der Straßenecke und
Frisch gemachte Alltagssorgen
Kreuzen meinen Weg mit Grund.
Oder ohne, wie auch immer
Alles bleibt so, wie es war
Manche sagen, es geht schlimmer,
Manche sagen, wunderbar.
Ich ertrage das Geseier
Meiner Zeitgenossen kaum.
Jeden Tag die gleiche Leier,
Sitte hält den Geist in Zaum

So ist er, der Lauf des Dinge
Langsam läuft er bestenfalls
Schleichend legt sich dann die Schlinge
Um den Luft erheisch‘den Hals
Drückt es schon an euren Kehlen?
Wird die Luft ein bisschen knapp?
Schneidet ihr euch eure Seelen
Oder die Krawatte ab?
Jeden Tag die gleiche Leier?
Einmal wird es anders sein! -
Heißt es eines Morgens „Nein“
Oder bei der Totenfeier.


Anmerkung:
Mir unsäglicher Penetranz in der Fußgängerzone vorzutragen, täglich.

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