HALBSTARK http://halbstark.blogsport.de Blog für Lyrik, Kritik und Satire Wed, 02 May 2018 11:05:21 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Dobrindts Thesen oder: Die allgemeine Unfähigkeit, die herrschende Verhältnisse zu begreifen http://halbstark.blogsport.de/2018/01/13/dobrindts-thesen-oder-die-allgemeine-unfaehigkeit-die-herrschende-verhaeltnisse-zu-begreifen/ http://halbstark.blogsport.de/2018/01/13/dobrindts-thesen-oder-die-allgemeine-unfaehigkeit-die-herrschende-verhaeltnisse-zu-begreifen/#comments Sat, 13 Jan 2018 12:16:55 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2018/01/13/dobrindts-thesen-oder-die-allgemeine-unfaehigkeit-die-herrschende-verhaeltnisse-zu-begreifen/ Jüngst hat der CSU-Politiker Alexander Dobrindt eine stets latente und immer wieder manifest werdende rechte Verschwörungsideologie hervorgekramt: eine nicht wirklichfassbare, aber dafür umso mächtigere „linke Minderheit“ habe sich in den letzten Jahrzehnten „Schlüsselpositionen gesichert“, sich selbst zu „Volkserziehern“ ernannt und mittels „lautstarke[r] Sprachrohre“ eine „linke Meinungsvorherrschaft“ errungen, durch die sie die „bürgerliche Mehrheit“ unterjochte. Dass dieser Text so geistlos wie sämtliche anderen Verschwörungsideologien ist, wurde hinlänglich aufgezeigt. Dobrindt kommt zu keiner Behauptung, die nicht auch schon von Männerrechtlern, Identitären, Neurechten, Altrechten oder schlicht Nazis vertreten wurde. Von linker Seite gibt es übrigens eine ebenso unreflektierte Antithese: Schuld am aktuellen Zustand der globalisierten Gesellschaft sei eine kleine neoliberale Minderheit. Diese auf beiden Seiten vorherrschenden Gedanken beweisen die durchaus zeitgemäße Unfähigkeit, eine Gesellschaftsanalyse auf der Höhe der Zeit zu formulieren.

Der kurze Sommer des fordistischen Wunders
Um den aktuellen gesellschaftlichen Zustand begreifen zu können, ist es zunächst notwendig, seine historische Voraussetzung, den fordistischen Kapitalismus und dessen Krise, zu betrachten. Heute bildet der Fordismus sowohl für Sozialdemokraten als auch für Konservative einen ungeheuren Sehnsuchtsort: Erstere denken nostalgisch auf gesicherte Arbeitsverhältnisse und Massenbeschäftigung, letztere blicken wehmütig auf die damit verbundene klare Familienstruktur mit Ernährerlohn und Hausfrauenglück. Durch diese beidseitige Verklärung gerät allerdings aus dem Blick, dass der vermeintlich goldenen Epoche des Kapitalismus nur äußerst wenig Zeit beschieden war. Motor dieses Aufschwungs war eine weitreichende Kommodifizierung der Welt. Durch technische Innovationen wie Taylorismus und dem namensgebenden Fordismus (Fließbandproduktion) und durch einen erstarkten Sozialstaat, der die Infrastruktur ausbaute, die Arbeitnehmer zunehmend integrierte (Korporatismus) und durch nachfrageorientierte Politik die Wirtschaft stimulieren (Keynesianismus), konnten auf einem vorher unmöglichen Niveau sämtliche weitere Lebensbereiche in die Warenform gepresst und damit in die Kapitalakkumulation eingespannt werden. Resultat war die standardisierte Massenware vom Fertigessen, über Küchengeräte bis hin zum Pauschalurlaub. Da diese Aufschwungdynamik auf die stetige Integration neuer Elemente in den Kapitalkreislauf angewiesen war, musste sie irgendwann abbrechen. Anfang der 1970er Jahren kam es in sämtlichen Industrienationen zu wirtschaftlichen Krisen, die im Kern auf Überakkumulation beruhten, d.h. das akkumulierte Kapital konnte nicht mehr gewinnbringend reinvestiert werden. Nun kamen Probleme wieder auf, denen auch der Staat nicht mehr Herr werden konnte: Massenarbeitslosigkeit, Inflation usw. Der Fordismus hatte abgewirtschaftet und an seine Stelle trat ein neues Modell der Kapitalakkumulation, das mal als flexibler, mal als neoliberaler oder schlicht als postfordistischer Kapitalismus bezeichnet wird.

Umrisse der postfordistischen Realität
Im Kern bildet dieses neue Akkumulationsmodell eine klare Antithese zum gescheiterten Fordismus, d.h. im Kern: Deregulierung statt Regulierung, weshalb häufig vom Neo-Liberalismus gesprochen wird. Dessen zentrale Punkte sind:
1. Deregulierung der Finanzmärkte: Das überakkumulierte Kapital wurde auf die Finanzmärkte geleitet, wo nun verstärkt fiktives Kapital akkumuliert wurde. Aufs Gröbste verkürzt bedeutet das, dass die Kapitalakkumulation sich nicht mehr nach der Wertbildung vollzieht, sondern davor. Es wird auf zukünftige Wertbildung spekuliert, was zum Anwachsen von Blasen führt, die platzen, wenn sich der erhoffte Wert nicht realisiert.
2. Deregulierung der Arbeitsmärkte: Auf die Abnahme der gesellschaftlich notwendigen Arbeit und der damit einhergehenden Massenarbeitslosigkeit wurde reagiert, indem die Verantwortung für die Arbeit nun verstärkt auf die Arbeiter ausgelagert wurde. Es läge an ihnen, sich durch enorme Flexibilität dem Kapital anzudienen. Benötigte der Fordismus noch den starren Industriearbeiter, so schreibt sich das postfordistische Kapital nun Integration und diversity managment auf die Fahnen. Vorbei ist es mit Einheitsmensch und Standardpaket: jeder kann, soll und muss zum Warenproduzent und zum Warenkonsument werden.
3. Privatisierung/ Kommodifizierung: Weiterhin wurden zwei zentrale Bereiche, die im Fordismus noch außerhalb der Akkumulation standen, in diese eingebunden, um die Warenproduktion wieder anzufeuern: Zum einen wurden die zuvor der Hausfrau überantworteten Tätigkeiten nun verstärkt als Care-Arbeit kommodifiziert, was gewissermaßen die alte feministische Forderung nach Anerkennung durch Arbeit perfide erfüllte; zum anderen wurden Teile des Staates privatisiert.
4. Umbau des Staates: Neben der Privatisierung setzte der Staat auch auf den Abbau seiner – klassisch fordistischen – sozialen Institutionen. Dieser Prozess ist in Deutschland mit den sog. Hartz 4 Reformen eng verschwistert. Dennoch ist der vielgepriesene „schlanke Staat“ eine Illusion. Den zugleich baute er seine Strafinstitutionen massiv aus. Gerade in den USA wird workfare durch prisonfare ergänzt, wie es der Soziologe Loïc Wacquant formulierte. Arbeitslose werden nun vermehrt stafrechtlich und weniger sozialpolitisch verwaltet, um sie in die zunehmend prekären Arbeitsverhältnisse zu drängen. Desweiteren zeichnet sich eine immense Staatsverschuldung ab.

Verkürzte Kapitalismuskritik von rechts
Nach diesem langen, aber notwendigen Exkurs mag man sich nun fragen: Wieso um Himmels willen begreifen Rechte und Konservative diese gesellschaftliche Entwicklung als, so Dobrindt, „geistige Verlängerung des Sozialismus“? Zum Glück führt er aus, was seiner Meinung nach Sozialismus ist: „der politische Kampf um Gleichberechtigung, Meinungsfreiheit und Toleranz“, „sozialdemokratischer Etatismus und grüner Verbotismus“, „integrieren“. Sozialistisch ist also die Anforderung des Kapitals, sich einzuverleiben, was gemäß der konservativen Weltsicht diesem fern zu bleiben hat: So wird die heilige Familie zerstört, wenn die Frau lohnarbeiten muss. Eine enge, christliche, heteronormative Kultur verliert ihre Hegemoniestellung, wenn das Kapital nun auch Muslime und Schwule als Produzenten und Konsumenten entdeckt und der Staat dies rechtlich absichert.
„Ursprung“ des Übels seien, so Dobrindt, die 68er gewesen. Auch hier käut er nur das Übliche wieder, aber das trifft mindestens zum Teil zu. Falsch ist, dass dieser enorme gesellschaftliche Wandel im Denken und im Handeln dieser Generation wurzelt. Richtig ist aber, dass die 68er auf die Krise des Fordismus eine folgenreiche Antwort fanden. Ihre Kritik an der verklemmten Sexualität, an trister Lohnarbeit, an der Unterdrückung des Individuellen zugunsten des Allgemeinen hat keineswegs den Fordismus zum Einsturz gebracht. Dieser scheiterte, wie gezeigt, an seinen inneren Widersprüchen. Dennoch bildeten die Ideen der 68er gewissermaßen das Material, aus dem sich dieser „neue Geist des Kapitalismus“, wie es die Soziologen Luc Boltanski und Ève Chiapello in Anlehnung an Max Webers berühmter Studie nannten, formieren konnte.
Eine solche Anpassung des Kapitalismus ist dabei keineswegs ein neues Phänomen. Trotz seines immanenten Zerstörungstriebs hält sich der Kapitalismus so hartnäckig, weil es zu seiner Grundstruktur gehört, sich Kritik stets einzuverleiben. So schaffte der Kampf der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert nicht den Kapitalismus ab, sondern führte zum organisierten fordistischen Kapitalismus. Das Kapital kann derart viel als Trägerstoff seiner selbstzweckhaften Bewegung missbrauchen, weil es selbst der Inbegriff der Inhaltslosigkeit, der reinen Form, ist, die allerdings dazu gezwungen ist, sich an der materiellen Welt zu realisieren und diese rücksichtslos durch die Verwertungsmaschinerie hindurch zu verschleißen bis es sie endgültig in die eigene Leere herabgezogen hat. Radikale Kritik und Praxis muss sich gegen die kapitalistische Logik als solche richten und nicht nur gegen ihre aktuelle Erscheinungsform, sonst wird sie nur der nächsten den Weg ebnen.
Dobrindts Kulturkritik ist beispielshaft für die Unfähigkeit, die aktuelle Gesellschaft zu begreifen. Sie ist von einem frühkindlich anmutenden Spaltungsmechanismus bestimmt: Der behandelte Gegenstand (der postfordistische Kapitalismus) wird nicht in seiner komplexen Totalität und seiner realen Widersprüchlichkeit erfasst, sondern in gut und böse zerlegt, wobei der gute Anteil introjiziert und der böse Anteil nach außen projiziert wird. Das ist der übliche Modus verkürzter Kapitalismuskritik, wie Robert Kurz erläutert: „Das negative Ganze wird mit einem seiner Bestandteile oder Pole identifiziert und soll vom Standpunkt eines anderen Bestandteils oder Pols überwunden werden. Ideologiekritik hat die Aufgabe, diese immanente, letztlich ausweglose Polarisierung und damit die zu Grunde liegende Reproduktions- und Denkform zu durchbrechen, weil nur so eine Überwindung des negativen Ganzen möglich ist.“ Kurzum Dobrindt identifiziert sich mit den seiner Ansicht nach positiven Momenten postfordistischer Vergesellschaftung, während er die seiner Ansicht nach schlechten nicht in ihrem Zusammenhang mit der kapitalistischen Totalität fasst, sondern sie abspaltet und einer kleinen verschworenen Minderheit zuschreibt: den 68ern.

Postmodernes Denken und die linke Variante verkürzter Kapitalismuskritik
Diese falsche Gesellschaftsanalyse ist jedoch keinesfalls dem rechten politischen Spektrum vorbehalten, sondern ebenso innerhalb der gemäßigten bis radikalen Linken vorzufinden. Allerdings mit umgekehrten Vorzeichen. Was den Rechten als Schrecken der postmodernen Welt erscheint, wird von den Linken als begrüßungswürdiger, wenn nicht gar selbst verantworteter Fortschritt gefeiert: Integration, Diversifikation, Freiheit des Individuums von Traditionen usw. Im Gegenzug erscheinen ihnen wiederum die anderen Aspekte des postfordistischen Kapitalismus – oft nicht weniger verschwörungsideologisch – als das Hexenwerk neoliberaler Denker und Denkfabriken, wie der Mont Pèlerin Society. Insofern beweisen jene Linke wie Rechte damit, dass sie nicht in der Lage sind, das gesellschaftlich Allgemeine mit seiner aktuellen Erscheinungsform theoretisch wie historisch in Beziehung zu setzen und sich daher in ihrer Praxis entweder direkt in die Vergangenheit zurücksehnen oder sich aber mit einem Pol identifizieren und den anderen als Ergebnis der gegnerischen politischen Agenda verwerfen.
Hierbei handelt es sich keineswegs einfach um individuelle Unvermögen, sondern um den Ausdruck des postmodernen Zeitgeistes schlechthin. Denn der Wandel von der fordistischen zur postfordistischen Ära vollzog sich auf ganz ähnliche Art im Denken und resultierte in einer Fetischisierung von Differenz und Singularität sowie einer Verteufelung des Allgemeinen. So erklärt der zentrale Denker der Postmoderne Jean-François Lyotard: „Es handelt sich keineswegs darum, daß Fortschritt nicht stattgefunden hat, sondern im Gegenteil, daß die wissenschaftlich-technische, künstlerische, ökonomische und politische Entwicklung die totalen Kriege, den Totalitarismus, das wachsende Nord-Süd-Gefälle, die Arbeitslosigkeit und die neue Armut, den kulturellen Abbau mit der Krise des Bildungssystems möglich gemacht hat. Brutal gesprochen möchte ich sagen, daß ein Wort das Ende des modernen Vernunftideals ausdrückt, das ist: Auschwitz.“ Woraus sein Schluss folgt: „Krieg dem Ganzen, zeugen wir das Nicht-Darstellbare, aktivieren wir die Differenzen, retten wir die Differenzen.“ Das Ganze ist bei ihm jedoch nicht die kapitalistische Totalität, sondern der Umstand, sie zu denken.
Am wirkmächtigsten war dieses Denken wohl im Feminismus. Bedeutete feministische Gesellschaftskritik noch bis in die 1970er Jahre eine Kritik an der patriarchalen Gesellschaft und ihres hierarchischen Geschlechterverhältnisses, vernarrt sich der neue, sog. Queerfeminismus in eine Kritik an Geschlechtskonstruktionen. Die Annahme von einem Kollektivsubjekt Frau wurde selbst als repressiv erfahren und stattdessen wurde nun postuliert, dass es „die Frau“ nicht gäbe, da es sich dabei lediglich um eine gesellschaftliche Konstruktion handele. Die Feministin Roswitha Scholz attestiert diesem Feminismus zurecht ein „Abstraktionstabu“. Es wird sich geweigert, vom gesellschaftliche Ganzen auszugehen und stattdessen werden immer neue unterdrückte Identitäten entdeckt und für ihre gesellschaftliche Anerkennung gestritten. Damit befindet sich dieser Feminismus aber längst im Fahrwasser postfordistischer Produktionsverhältnisse, die zunehmend nach allseitig, auch geschlechtlich, flexiblen Arbeitssubjekten fragt. Die Queertheorie ist folglich, wie die feministische Theoretikerin Andrea Trumann pointiert schreibt, nicht viel mehr als „ein linksliberaler Beitrag zur Demokratisierung der Gesellschaft, in der die Integration bislang ausgestoßener Gruppen in die staatliche Gemeinschaft gefördert werden soll.“
Dass gerade die Geschlechterpolitik zu einem heißen Streitpunkt zwischen links und rechts geworden ist, ist also kein Zufall. In ihr bündelt sich ein wesentlicher Aspekt der postfordistischen Gesellschaft, der von einem Großteil der Linken affimiert und von sämtlichen Rechten verworfen wird. Beiden ist aber gemein, dass sie den Ursprung dieser Entwicklung nicht aus Struktur und Dynamik des Kapitalismus begreifen, sondern als politisches Projekt, dass entweder für sich reklamiert oder dem Gegner verächtlich zugeschoben wird. Unter der Vorherrschaft des postmodernen Ungeistes lassen sich aber längst querfrontlerische Allianzen zwischen Linken und Rechten erkennen. So ihr beider Hass auf den Universalismus, der sie in allseits beliebter sog. „Israelkritik“ eint oder auf kulturelle Differenzen pocht, wodurch sich auf einmal identitäre Ethnopluralisten und Kritiker von kultureller Aneignung eigentümlich nahe stehen. Erstere sind übrigens die Neurechten, falls Sie sich kurz unsicher waren.

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Punk bleibt Männersache! Mackertum am Beispiel eines Slime-Konzerts http://halbstark.blogsport.de/2017/12/10/punk-bleibt-maennersache-mackertum-am-beispiel-eines-slime-konzerts/ http://halbstark.blogsport.de/2017/12/10/punk-bleibt-maennersache-mackertum-am-beispiel-eines-slime-konzerts/#comments Sun, 10 Dec 2017 15:36:10 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2017/12/10/punk-bleibt-maennersache-mackertum-am-beispiel-eines-slime-konzerts/ Anlass dieses Textes war ein Ereignis auf dem gestrigen Konzert der Band Slime im Berliner Astra. Zu Beginn des Konzerts wurde Sänger Dirk Jora von einem aus dem Publikum geworfenen Plastikbecher am Kopf getroffen. Ob es ein gezielter Wurf war oder ob er versehentlich getroffen wurde – denn auf diesem wie auf etlichen Konzerten werden andauernd Becher herumgeworfen – , kann ich nicht beurteilen. Verständlicherweise war Jora aufgrund eines solchen Auftakts ziemlich wütend. Verschiedene Reaktionen wären denkbar gewesen. (1) Jora unterbrach das Lied, pöbelte aggressiv in Richtung des Werfers (ich gehe davon aus, dass es sich um einen Mann handelt), beleidigte ihn und forderte ihn schließlich dazu auf, sofern er „die Eier“ dazu habe, auf die Bühne zu kommen, damit Jora ihm was auf die „Fresse“ hauen könne. Als sich wenig verwunderlich niemand auf die Bühne begab, appellierte er an das restliche Publikum, dass es sich darum „kümmern“ möge, d.h. er animierte eine Gruppe größtenteils angetrunkener, tendenziell aggressiv gestimmter Männer (auch dazu später mehr) dazu, einem Einzelnen Gewalt anzutun. Das muss ganz klar so benannt werden, da diese Aufforderung mit aggressivem Ernst herausgeschrien wurde, der keine augenzwinkernde Überspitzung erkennen ließ. Ob es kurz darauf oder nach dem Konzert zu körperlichen Übergriffen kam oder ob sich die beiden vielleicht sogar ganz friedlich ausgesprochen haben, kann ich ebenfalls nicht beurteilen. Aber das tut nichts zur Sache, weil diese Vorfall nicht das eigentliche Problem, sondern nur eine, wenn auch besonders unangenehme, Erscheinungsform dessen war. Auch eine dezidierte Subkultur wie die Punkszene ist durchsetzt von einer toxischen und aggressiven Männlichkeit, was sowohl der Werfer, Jora als auch ein Gros des Publikums demonstrierten.

Männlichkeit ist äußerst fragil und bedarf daher beständiger Selbstversicherung: Ein Mann muss beweisen, dass er ein Mann ist – also autonom, handlungsmächtig, unberührbar, eben der „Herr“ der Lage –, sonst ist er kein Mann mehr. Ein solcher Angriff, der selbstverständlich zu verurteilen ist, stellt diese männliche „Ehre“ in Frage, weil er aus dem Mann ein Opfer (nicht zufällig mittlerweile ein beliebtes Schimpfwort insbesondere unter männlichen Jugendlichen) macht. Um seine Männlichkeit wiederherzustellen, appelliert er an die Männlichkeit („die Eier“) des feigen Angreifers, es wie echte Männer zu klären: nämlich in einer direkten Konfrontation. Sobald der Angegriffene dem Angreifer nun eines in die „Fresse“ haut, ist beider Männlichkeit rehabilitiert: Das Opfer konnte zur Tat schreiten, also „Täter“ werden, und damit die Situation wieder beherrschen, dem Angreifer wird durch das stoische Ertragen der Gegengewalt (Eine Junge weint nicht!) seine unmännliche Feigheit verziehen und schon ist die Männerwelt wieder heile – bis zur nächsten Kränkung.
Auffallend sind die Ähnlichkeiten zu einem Vorfall auf einem Konzert von Kollegah: Als ein auf die Bühne gebetener Fan nach der Brille des Rappers greift und damit dessen männliche Autonomie in Frage zu stellen droht, zögert dieser nicht lange und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Ordner müssen dazwischen gehen; das Publikum johlt. Auch wenn beide Vorfälle sich unterscheiden und keinesfalls gleichzusetzen sind, drückt sich in beiden jene aggressiv zu verteidigende Männlichkeit aus, die bei Kollegah nicht zufällig auch mit Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und kruden Verschwörungstheorien verknüpft ist, wie an anderer Stelle herausgearbeitet wurde.

In den Liedern von Slime finden sich keine derartigen menschenfeindlichen Positionen; ein Großteil ihres musikalischen Schaffens richtet sich sogar explizit gegen Faschismus, Nationalismus und andere chauvinistischen Ideologien.
Eine Ausnahme bildet allerdings der Sexismus. Nach einer eher oberflächlichen und schnellen Durchsicht des mir seit vielen Jahren bekannten Werks der Band habe ich keinen einzigen Song entdeckt (ich würde mich über Hinweise freuen, wenn ich mich irre), der sich dezidiert kritisch mit dem Geschlechterverhältnis auseinander setzt. Natürlich gibt es keine Verpflichtung für Punkbands, bestimmte Themen zu beackern (auch wenn man bei den immergleichen Sujets einen anderen Eindruck erhalten mag). Aber bei einer Punkband, die eine radikale und weitreichende Gesellschaftskritik (gegen Nazis, Nationalismus, Kapitalismus, Krieg, Umweltverschmutzung, Gentrifizierung; kurzum beinahe alle typisch linken Themen) übt, macht diese Lücke stutzig. Nicht zuletzt weil Feministinnen seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass eine Gesellschaftskritik ohne eine Kritik des Geschlechterverhältnisses keine ist.
Bei Slime findet Geschlechtlichkeit aber höchstens im Nebensatz statt, wenn beispielsweise pubertäre Voyeur-Phantasien besungen (2) werden oder den „Discowichsern“, vielleicht nicht ohne einen gewissen Neid, angekreidet wird, dass die „Girls“ für sie zum „Ficken“ bereit ständen (3). Abgesehen von solchen Liedern, die sie wahrscheinlich sogar selbst als Jugendsünden abtun, spielen sie noch heute das Lied ACAB („All cops are bastards“), das abgesehen von seinem zutiefst plumpen Text mit „Bastard“ auf einem sexistisch und rassistisch konnotierten Schimpfwort basiert, weshalb diese populäre Parole innerhalb der linken Szene seit Jahren kritisiert wird. Was Slime allerdings offenbar unbeeindruckt lässt. Linke Selbstkritik ist nicht ihre Sache, denn – soviel sei vorweggenommen – Aktionismus und Zusammenhalt sind wichtiger. Fehler einzugestehen, bedeutet natürlich immer auch, an der Illusion des männlichen Genies zu kratzen. Dass das männliche Selbstbewusstsein ddurchaus eine solche Kränkung überstehen kann, bewies kürzlich die Terrorgruppe, die einen Song, in welchem sie Ernst August ironisch huldigte, nach weiteren Informationen über diesen massiv umschrieb.
Slime ist nicht die einzige Punkband, die bei aller Gesellschaftskritik, wenig zu Sexismus zu sagen hat oder diesen gar noch reproduziert. Dennoch gab und gibt es immer wieder gute Lieder zu diesem Thema. Erinnert sei an dieser Stelle an das Lied „R.t.b.a.m.“ von …But Alive, einer früheren Band des heutigen Kettcar Frontmanns Marcus Wiebusch, welches Slime durchaus bekannt sein dürfte, haben sie doch mit Wiebusch bei ihrem Song „Aufrecht gehen“ zusammengearbeitet. Im erstgenannten Song thematisiert Wiebusch sein Mann-sein (allein das ist schon bemerkenswert) als Resultat eines weitreichenden und zum größten Teil unbewusst ablaufenden Sozialisationsprozesses, dessen Reflexion die Voraussetzung dafür ist, diese aggressive Männlichkeit nicht mehr zu reproduzieren, nicht mehr „einer von ihnen“ zu sein. Hier der komplette Text:

„Ich fang gar nicht erst an, von wegen ich wäre anders, Die selben Effekte und Reaktionen.
Die Rolle artig gelernt – ohne eine Wahl -Und „Jungs weinen nicht“ und wenn doch, muß es lohnen.
Und nicht mal belogen, halt nur beigebogen, anständig erzogen.
Im Fußballverein, in der Raucherecke, auf der Discotoilette: Bringen sie’s dir bei.
Auf 20 Kanälen, in deinem Plattenschrank, auf deinem Bücherregal: Bringen sie’s dir bei.
Doch niemand erklärt dir den Unterschied zwischen Sexismus und Sexualität,
Und im Alter von 12 da hast du’s gelernt: Die erste Bravo – sonst bist du zu spät.
Und jetzt findest du für alles einen Grund – Damit es bleibt wie es ist
Für jeden Schwachsinn eine Rechtfertigung – Und du dann einer von ihnen bist.
Einer von ihnen bist.“

Man möchte diese Worte Slime ins Poesiealbum schreiben, denn gerade auf ihren frühen Veröffentlichungen, zelebrieren sie, kaum selbst dem Teenageralter entwachsen, die für die männliche Sozialisation bedeutenden Initiationsriten. Durch exzessiven Alkoholkonsum („Karlsquell“, „1,7 Promille Blues“), Gewalt („Bullenschweine“, „Streetfight“) und die aggressive Abgrenzung gegenüber andern Gruppen bzw. Männlichkeiten („D.i.s.c.o.“) wird stereotypes männliches Verhalten innerhalb einer Männergruppe eingeübt und gelernt. Nur durch fremd- und selbstschädigendes Verhalten kann der Junge zu einem wahren Mann heranreifen, der austeilen wie einstecken kann. Interessant ist der Vergleich mit der ersten Platte der Band Ton Steine Scherben (von welcher Slime auch mehrere Songs gecovert hat), da sie ganz ähnliche Probleme behandelt: Anders jedoch als bei Slime implizieren sie keine unbewusste Affirmation mit der herrschenden Männlichkeit, sondern eine bewusste Abgrenzung von dieser: „Ich will nicht werden was mein Vater ist“. In dem Lied „Warum geht es mir so dreckig?“ werden die Ursachen von Kränkung und Aggressionen ergründet und selbst in „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ richtet sich die Aggression nur gegen Objekte. Kurzum: Während Ton Steine Scherben in ihren frühen Songs den männlichen Sozialisationsprozess durchaus kritisieren, wird er von Slime stellenweise stark reproduziert und glorifiziert, obgleich es in ihrem Frühwerk natürlich auch interessante und gute Stücke wie „Deutschland“ gab.

Nun mag man einwenden, dass die behandelten Lieder aus den frühen Jahren der Band und der Musiker selbst waren und spätere Stücke gewiss nicht mehr so offen diese toxische Männlichkeit voraussetzen.
Daher möchte ich zurück zum Konzert und damit zur jüngsten Vergangenheit kommen, um diese Maskulinität nicht nur im Werk, sondern auch im aktuellen Verhalten zu verorten. Mehrmals hat der Sänger Jora mit seinen Händen das Halten und Schießen eines Gewehres imitiert. Einmal hielt er seine imaginäre Waffe sogar ins Publikum (in die Richtung des Becherwerfers) und drückte ab. Auf den ersten Blick scheinen sich Schusswaffen mit dem männlichen Ehrenkodex zu beißen und in der Tat galten Distanzwaffen im Mittelalter als unritterlich, weshalb u.a. noch heute die Schurken in mittelalterlichen Geschichten stets als hinterhältige Schützen dargestellt werden. Psychoanalytische Theoretiker haben dagegen wiederholt eine Verknüpfung von Schusswaffen und männlicher Aggression herausgearbeitet. (4) Ohne ins Detail gehen zu wollen, ist es leicht ersichtlich, dass Schusswaffen gerade jene männlichen Phantasien von der Distanz zum (zu beherrschenden) Objekt, von Autonomie und Allmacht, die sich in der Praxis immer wieder schmerzhaft als Illusionen entlarven müssen, zu einer ungeahnten Realität verhelfen können. Wer eine Schusswaffe trägt, vermag die zuvor unkontrollierbaren Anderen zu beherrschen und sogar über Leben und Tod entscheiden. Sie bedient die phallische Vorstellung von Unabhängigkeit und Macht ideal.

Die Interaktion mit dem Publikum war, insbesondere für ein Punkkonzert, eigenartig standardisiert: Es gab den obligatorischen Mitklatschsong mit vorangehender Animation durch die Band; um die Stimmung anzuheizen, wurden rhetorische Fragen gestellt („Wollt ihr noch was hören?“) und zum Schluss durfte das Publikum durch ritualisierte Zugabeforderungen die Band wieder auf die Bühne rufen. Als Kontrast kann eine Situation auf einem Fatoni-Konzert dienen: Sorgsam konditionierte der Rapper sein Publikum darauf, ihm jeden Unsinn nachzubrüllen, um schließlich mit dem Ausruf „Sieg Heil!“ zu enden, welches von einigen Zuhörern damals im Leipziger Conny Island ebenso reflexartig wiederholt wurde. Hier wurde mit drastischen Mitteln eine normierte und kritikwürdige Publikumsinteraktion wunderbar brüskiert.
Zurück zu Slime: Nach einem Lied skandierte das Publikum „Alerta, alerta Antifascista “. Ein Konzert von Slime, einer ausgewiesen antifaschistischen Band, ist wohl einer der wenigen Orte, bei dem Antifaschisten nicht in Alarmbereitschaft sein müssen und wo vielmehr an die Wachsamkeit von Antisexisten hätte erinnert werden sollen. Auch an dieser Stelle kann ein Gegenbeispiel wieder einen möglichen Umgang mit der Situation aufzeigen: Auf dem aktuellen Live-Album von die Ärzte kritisiert Farin Urlaub spontan das ebenso parolenrufendes Publikum: „So schön es ist, dass ihr hier ‚Nazis raus‘ brüllt; hier ist es nicht so richtig sinnvoll oder heldenhaft. Machts lieber da, wo sie sich ab und zu versammeln.“ Slime stößt den eigenen Fans natürlich nicht dergestalt vor den Kopf.
Hier geht es im Gegenteil immer wieder um Gruppenbildung und Zugehörigkeitsgefühle: „Du sagst früher waren wir tausende, jetzt denkst du du bist allein.“ aber: „Fünf Finger sind eine Faust“ und sowieso: „Let’s get united“. Soviel Aktionismus und Zusammenhalt ist aber nicht ohne den gewissen Hauch Antiintellektualismus zu machen: „Der rechte Mob steht in Bereitschaft / Für die Schlacht um die Nation / Aber wir sitzen noch im Plenum/ Bei der achten Diskussion / Obwohl wir eigentlich doch einig sind / Reiben wir uns auf an tausenden von Kleinigkeiten.“
In der Konkret wurden diese Tendenzen mit ziemlich harten Worten gescholten: „Hier wird nicht gedacht, hier feiert die Dumpfheit der Norm ein Festival der hohlen Parolen, von denen die meisten auf auf einem Pegida-Aufmarsch gegröhlt werden könnten. Wenn derart risiko- und phantasielose Wutbürgerei also links sein soll, dann nur als Kopie des irgendwie authentischernwirkenden rechten Originals.“ (Michael Sailer in: Konkret 10/2017) Ich schließe mich nur zum Teil der Kritik an. Denn dass die Parole den unbedingten Vorrang vor wirklicher Kritik erhält, ist in einem gewissen Maße sicherlich auch dem Medium Musik geschuldet. Wer sich ernsthaft mit einer kritischen Theorie der Gesellschaft befassen will, muss nun einmal Bücher lesen. Richtig bleibt auf jeden Fall, dass die Inhalte auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen werden, um ein klares Identitätangebot zu schaffen. Weder Album noch Konzert werfen irgendwelche Fragen auf oder stellen gar etwas dem Publikum liebgewonnenes in Frage. Noch das Slime-Lied, welches einer linken Selbstkritik am nächsten kommt, „Linke Spießer“, kennt nur die billige Gegenüberstellungen von spießigen Realos und den coolen Radikalinskis, bei der sich alle Anwesenden ganz bestimmt auf der richtigen Seite wissen. Einst war Punk der Inbegriff von Provokation, gestern präsentierte es sich als eindeutige Konsensveranstaltung. Man weiß genau was man bekommt: ein wohliges Zugehörigkeitsgefühl, die immergleichen Parolen und in diesem Fall auch ganz viel Akzeptanz für männliches Dominanzgebaren. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Punk längst vom Rap als die zentrale Protestmusik abgelöst wurde. Bands oder Künstler wie die Antilopen Gang, Zugezogen Maskulin oder Prezident zeigen, dass es zwischen Parolengedresche und einem oberlehrerhaften Dozieren einen Weg gibt, Gesellschaftskritik auf eine lyrische, kluge und humorvolle Art zu transportieren. Ich verweise an dieser Stelle nur beispielhaft auf „Lebensmotto Tarnkappe“, „Der ewige Ikea“ oder „Häuserkampf“.

Diese aggressive Männlichkeit wurde gestern natürlich nicht nur auf der Bühne, sondern – und sogar in einem deutlich höheren Maße – im Publikum zu Schau gestellt. Auch wenn Pogo immer absolut männerdominiert ist, liegt ihm doch eine unausgesprochene Vereinbarung zugrunde, dass man zwar ruppig, aber dennoch solidarisch miteinander umgeht. Man schubst sich wild herum, hilft aber Gefallenen mit aller Selbstverständlichkeit direkt wieder auf. Dass ändert aber nichts daran, dass sich manch ein Konzertbesucher oder eine Konzertbesucherin dazu entschieden hat, das Konzert anders zu genießen. Es ist daher zutiefst rücksichtslos und beinahe übergriffig, wenn – wie ich es auch gestern wieder erlebt habe – betrunkene Männer sich von hinten in Richtung des Pogopulks buchstäblich hindurchkämpfen und dabei Leuten ihre Ellbogen in den Rücken rammen oder sie zur Seite schubsen als befänden sie sich schon in dem Raum der unausgesprochenen Pogo-Vereinbarung. Seit einiger Zeit sehe ich es auch häufiger auf Konzerten, dass tendenziell eher größere Männer die Vorderperson an beiden Schultern packen und sie wie einen Stuhl zur Seite schieben. Man könnte wahrscheinlich noch etliche weitere Beispiele von Sexismus und männlichem Dominanzverhalten auflisten.

Gerade in der Masse tendiert der Einzelne zur Regression wie es Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ herausarbeitete: „Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet. […] Sie hat das Gefühl der Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen. Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit. Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Verdacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum wilden Haß.“ Dieser Rückschritt d.h. die Wiederbelebung des Verdrängten, kann, sofern sie im gegenseitigen Vertrauen geschieht, ein erfüllendes und befreiendes Erlebnis sein. Unter dem Vorzeichen latenter oder manifester Aggression stellt er aber eine immense Gefahr dar, weswegen es unverantwortlich war, das Publikum gegen den Becherwerfer aufzustacheln.

All diese mal kleinen, mal großen Demonstrationen von toxischer Männlichkeit schaffen eine generell aggressive Stimmung, die nichts mit berechtigter Wut auf gesellschaftliche Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zu tun hat, sondern diese, im Glauben sie zu kritisieren, teilweise reproduzieren. Vielleicht mag es ungerecht erscheinen, dass dieses umfassende Problem, welches wahrscheinlich bei anderen Bands/ in anderen Bereichen noch viel stärker zutage tritt, ausschließlich bei Slime aufgezeigt wurde. Aber gerade einer Band, die sich stets als radikal und kritisch gebärdet, muss gründlicher auf den Zahn gefühlt werden. Und da bleibt ein ernüchterndes Ergebnis: Punk ist nicht mehr sehr viel, aber vor allem eines noch: Männersache.

P.S.: Einige meiner besten Freunde sind Männer

(1) So hätte Jora beispielsweise kurz in sich gehen können, sich mit einem Bandmitglied über den Vorfall austauschen können und schließlich den Werfer dazu auffordern können, dass man sich nach dem Konzert am Merchstand (oder sonstwo) trifft und er sich entschuldigt.

(2) „All those mucky things, I would see them all
She walks around in a flimsy little nighty
And when she takes that nighty off, oh gosh, oh lord how mighty“ („I wish I was auf“: Slime 1)

(3) Samstag Nacht – Discozeit / Girls girls girls zum Ficken bereit („D.i.s.c.o.“ auf: Slime 1)

(4) Die männliche Potenz zum Töten und zum Zeugen werden immer wieder in soldatischen Zusammenhängen analogisiert, wie beispielsweise in einem us-amerikanischen Lied: „Hab Kanone und Schießeisen. Das eine macht Kinder. Das andere Waisen.“ Psychoanalytisch wurde aber auch auf darüber hinausgehende Zusammenhänge hingewiesen. So einerseits, inwiefern einige Männer ihren Penis als Waffe imaginieren und einsetzten oder andererseits, inwiefern die Waffe beim militärischen Drill bewusst erotisiert wurde, um die Kampfbereitschaft zu stärken. Mehr dazu bei Theweleit (Männerphantasien) oder Pohl (Feindbild Frau).

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Coco – Lebendiger als das Leben! – Eine ideologiekritische Betrachtung http://halbstark.blogsport.de/2017/12/06/coco-lebendiger-als-das-leben-eine-ideologiekritische-betrachtung/ http://halbstark.blogsport.de/2017/12/06/coco-lebendiger-als-das-leben-eine-ideologiekritische-betrachtung/#comments Wed, 06 Dec 2017 16:37:39 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2017/12/06/coco-lebendiger-als-das-leben-eine-ideologiekritische-betrachtung/ Märchenstunde
Dass die Disneyfilme seit jeher eine durch und durch konservative Moral lehren, verrät schon die Vorliebe des Konzerns für Märchen. Prinzessinnen und Könige wohin man nur sieht. Vordergründig wird wenig von bürgerlichen und umso lieber von aristokratischen Konflikten erzählt. Aber das täuscht. Insbesondere die Brüder Grimm kanonisierten nicht nur fleißig die zuvor größtenteils mündlich überlieferten Sagen und Mären, sondern gestalteten sie auch inhaltlich um, sodass sie eine moralische Funktion in der bürgerlichen Erziehung erhielten: „Wie einst die Menschen auf ihre Subjektivität verzichteten zugunsten des Einen, des Königs, der stellvertretend für sie alle lebt, so lernen die Kinder im Märchen beizeiten, auf ihre Subjekivität zu verzichten zugunsten des inneren Königs, der dann später das Ichideal heißt. Abgeschnitten von sich selber, von ihren wirklichen Phantasien und Nöten, lernen die Kinder, sich in den vorgeschrieben Bahnen der sozialen Spielregeln zu bewegen.“, so Elisabeth Lenk in „Die unbewusste Gesellschaft“ (S. 64) So sicher zu Beginn des Märchens die Ordnung erschüttert wird, so sicher wird sie zum Ende wieder hergestellt, indem die rein Guten, die sich mit der herrschenden Moral identifizieren, triumphieren und die rein Bösen bestraft, wenn nicht gar vernichtet werden. So wurden insbesondere die Grimmschen Märchen zu einem Verhaltenskodex der bürgerlichen Gesellschaft, der jene Moral nicht nur konserviert, sondern sie als ursprünglich und quasi-natürlich präsentiert.

Familienideologie I
Dreh- und Angelpunkt dieser konservativen Moral ist die Institution Familie, als ihr Inbegriff und ihre Vermittlungsinstanz. Daher ist sie eines der Hauptmotive in den Filmen des Disneykonzerns. Andauernd geht es darum, die Familie zusammenzuhalten, zusammenzuführen usw. Der neue Film der zu Disney gehörenden Pixarstudios treibt diese Ideologie, welche gerne als „familienfreundliche Unterhaltung“ banalisiert wird, auf die Spitze. Protagonist ist der zwölfjährige Junge Miguel, dessen großer Traum Musik zu machen von seiner Familie verhindert und aktiv bekämpft (in einer Szene zerstört seine Großmutter voller Zorn seine Gitarre) wird, weil seine Ururgroßmutter einst von einem Musiker verlassen wurde. Stattdessen soll er sich der Familientradition fügen und Schuhmacher werden. Diese Prämisse, so konstruiert und unglaubwürdig sie doch ist, verwundert zunächst positiv, zeigt sie doch die Enge und Gewalt der Familienbande disneyuntypisch ist aller Deutlichkeit und Drastik. Als Miguel schließlich herauszufinden glaubt, dass jener aus dem Stammbaum gestrichene und aggressiv verdrängte Ururgroßvater sein großes musikalische Vorbild Ernesto de la Cruz ist, macht er sich auf, nun vielmehr in diese Fußspuren zu treten und an einem Musikwettbewerb teilzunehmen. Kurz darauf gelangt er ins Reich der Toten, trifft dort sämtliche verstorbenen Verwandten mit Ausnahme des Ururopas, dessen Suche die zentrale Handlung darstellt. Nachdem er selbstverständlich gefunden wurde, entpuppt sich der Star rasch als Mörder des eigentlichen Familienmitglieds: Miguels Ururopa schrieb Ernesto de la Cruz einst seine großen Hits. Als er allerdings zu seiner Familien zurückkehren wollte, vergiftete de la Cruz ihn und eignet sich sein komplettes Werk an. Die Familie erfährt nun die wahre Geschichte, der Ururopa wird aufgrund seiner Bereitschaft, seine Musik für die Familie wieder aufzugeben, rehabilitiert und jener zuvor verdrängte und verachtete Teil in die Familientradition reintegriert, indem am Ende erstmals, in typischem Disneykitsch im Hause gesungen und selbiges ganz ökonomisch direkt in ein Museum des eigentlichen Musikers umgewandelt wird.

Familienideologie II
Was anfangs als ein begründeter Ausbruch aus der beschränkten und beschränkenden Familienbande inszeniert wird, entlarvt sich durch einige Wendungen als kritiklose und eindimensionale Restitution der Familie. In dutzende Variationen, betonen die einzelnen Figuren immer wieder, dass die Familie das wichtigste, das erste usw. sei. Perfide ist diese brachiale Familienideologie, weil sie Brüche und Entwicklungen vorgaukelt, die aber nie stattfinden. Die Rebellion Miguels, wendet sich nicht gegen die autoritäre Institution Familie, sondern lediglich gegen die spezifische Inkonsequenz seiner Familie, d.h. die Nichtanerkennung der durch den Ururgroßvater begründeten musikalischen Tradition. Daher zeigt das Ende auch keine geläuterte Familie, die nun offen dafür ist, Neues in den familiären Zusammenhang zu integrieren, sondern den Triumph des Konservatismus: Das Neue kann immer nur das wiederentdeckte Alte sein. Wirklich Neues kann, besser: darf es nicht geben. Bestimmend ist das Vergangene, die Tradition, die es mit aller Macht zu konservieren gilt. Wer es auch nur wagt, seine Gedanken auf die Zukunft, auf das Mögliche oder das Neue zu richten, der missachtet nicht nur seine Tradition, was die strafenden Autoritäten der Gegenwart auf den Plan ruft, sondern der tötet die Toten ein weiteres Mal – ein zentrales Motiv des Films, denn sobald man sie vergisst, lösen sie sich auch im Reich der Toten auf. Selbstverständlich ist es notwendig, die Vergangenheit kritisch zu reflektieren, um die aus ihr resultierende Gegenwart begreifen und die Zukunft aktiv gestalten zu können. Beides ist dem Film aber zutiefst fremd. Der Bezug auf die Vergangenheit ist nicht kritisch-reflektierend, sondern geistlos-fetischisierend wird sie zu einer (un)heimlichen Macht, die die Gegenwart und Zukunft bestimmt und der sich der Einzelne schließlich willfährig zu fügen habe. Das Wohl der (familiären) Gemeinschaft ist stets dem individuellen Glück übergeordnet oder in den Worten der Familienideologie ausgedrückt: das wahre Glück findet man nur in der Familie.

Mexiko
Ein Rezensent in der FAZ sieht in dem Film eine „Liebeserklärung an Mexiko, wie es sie aus Hollywood bislang noch nicht gegeben hat“. Wie so oft richtet sich die Liebe aber nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf die idealisierte Vorstellung des Liebesobjekts. Das vom Film transportierte Bild der mexikanischen Kultur ist daher vor allem: Mariachi Musik, Sombreros, ein bisschen Lucha Libre und natürlich ganz viel Ayayay. Kaum eine Szene geizt mit sattsam bekannten Stereotypen und Klischees, die man aus sämtlichen kuturindustriellen Darstellungen Mexikos zur Genüge kennt. Dennoch oder vielmehr gerade deswegen ist der Film in Mexiko der bisher erfolgreichste Kinofilm. Der Bevölkerung eines Landes, in dem der seit den 1980er Jahren wütende Neoliberalismus die Produktion und den Handel von Drogen nicht nur duldete, sondern durch strikte neoliberale Politik die verarmenden Massen zunehmend in diese Schattenwirtschaft trieb, sodass sich die Drogenkartelle zu einer derartigen Macht mauserten, die „faktisch keine Grenzen zwischen staatlichen Institutionen und der organisierten Kriminalität“ (Gerd Bedzent: Zusammenbruch der Peripherie S. 123) mehr kennt und das folglich im allgemeinen Bewusstsein als nichts anders als jener Drogensumpf, vor dem es sich in Trumpscher Manier bestmöglich zu schützen gilt, wahrgenommen wird, ist ein solches Konzentrat immerhin positiv-bewerteter Klischees vermutlich eine Art Hoffnungsschimmer auf die Rückkehr in die in diesen Bildern konservierte imaginäre Vergangenheit.

Politik
Aber der Film ist nur vordergründig frei von gegenwärtigen politischen Konflikten. Denn das Reich der Toten wird durch ein rigides und repressives Grenzregime vom Reich der Lebenden geschieden. Nur einmal im Jahr, am Tag der Toten, ist es den Einwohnern des Totenreichs gestattet, als eine Art Geist die Lebenden zu besuchen. Voraussetzung dafür ist, dass die noch lebenden Angehörigen durch das Aufstellen eines Bildes des Verstorbenen ihm diese Ausreisegenehmigung verschaffen, was mithilfe von Personenscannern an den Grenzübergängen überprüft wird. Wer nicht dazu legitimiert ist, kann die magische Brücke auch erst gar nicht passieren und wird dennoch mit Gewalt von Beamten hinter die Grenze zurückgebracht. Es sind all jene, die sich nicht der Familienideologie gefügt haben oder sonst wie ausgeschert sind und deshalb von den Angehörigen mit Missachtung gestraft wurden. Dieses hochpolitische Thema – man denke an die Grenzziehung der USA gegen die Mexikaner – wird im Film äußerst problematisch, weil vollkommen unkritisch dargestellt. Weder der Film, der an jeder Ecke das Zusammenführen von Familien propagiert, noch die handelnden Figuren stellen diese repressive Grenzpolitik in Frage. Einzig eine Figur versucht sich aufgrund seiner fehlenden Ausreisegenehmigung durchzumogeln, ohne dabei aber auch nur im Ansatz diese Institution kritisch zu betrachten. Immer wieder schafft Disney solche fragwürdigen Bilder. In „Alles steht Kopf“ wird die menschliche Psyche in eine Art Fabrik verwandelt, in der die Emotionen die kleinen, alles leitenden Arbeiter sind. Was wie eine kindgerechte Visualisierung komplexer Vorgänge erscheint, vermittelt eine ganz bestimmte Vorstellung vom Menschen: als eine rein gefühlsgeleitete, willenlose Maschine. Ähnlich werden in „Coco“ die metaphysischen Vorstellungen von einem Reich der Toten und dem magischen Übergang zu den Lebenden als riesige Überwachungsinstitution interpretiert, die ganz im Sinne der von Foucault analysierten Disziplinarmacht funktioniert: Durch eine umfassende Strukturierung des Raums werden die Individuen eingeschlossen, aufgeteilt und hierarchisiert, um sie bestmöglich kontrollieren zu können. Diese repressive, die Bewegungsfreiheit massiv einschränkende Ordnung durch eine staatsähnliche Institution wird dem Publikum als unhinterfragbare Normalität präsentiert und somit wird die herrschende Realität von Staatsgrenzen und Abschottungspolitik ideologisch reproduziert. Natürlich ist der Film kein bewusster Propagandastreifen, sondern vielmehr das Resultat notwendig falschen Bewusstseins: Solange die herrschende Realität nicht Gegenstand kritischer Reflexion wird, ist es kaum verwunderlich, dass sich im künstlerischen Schaffen unbewusst Elemente und Strukturen dieser Wirklichkeit widerspiegeln. Und das macht den Film auf eine weitere Weise perfide: Im Gewand kunterbunter Bilder und einer rührseligen, vermeintlich zeitlosen und unpolitischen Geschichte werden äußerst kritikwürdige Ideen über familiäre und politische Ordnungen transportiert. Damit reiht sich der Film bruchlos in Disneys Märchenwelt ein: Hier lernen (nicht nur) Kinder, „sich in den vorgeschrieben Bahnen der sozialen Spielregeln zu bewegen“. Neu ist einzig, dass nun auch mexikanische Folklore dafür herhalten muss.

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Spiderman Homecoming – eine ideologiekritische Betrachtung http://halbstark.blogsport.de/2017/08/18/spiderman-homecoming-eine-ideologiekritische-betrachtung/ http://halbstark.blogsport.de/2017/08/18/spiderman-homecoming-eine-ideologiekritische-betrachtung/#comments Fri, 18 Aug 2017 15:34:47 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2017/08/18/spiderman-homecoming-eine-ideologiekritische-betrachtung/ Das postmoderne Kino kennt nichts Orginäres mehr, nur noch das ewige Zitat, die Interpretation verweist, wie Foucault, der Betvater der Postmoderne einmal schrieb, auf keine interpretationsbedürftige Materie mehr und darum sind ihm die Superheldenverfilmungen das liebste Kind: die immergleichen archaischen Konflikte zwischen quasi-mythologischen Halbgöttern. Und so schafft es Spiderman innerhalb von 15 Jahren zum zweiten Reboot. Aber seitdem hat sich die Kinolandschaft gewandelt. Fristeten Superheldenfilme lange Zeit ihr Dasein als belächelte Nerdfilme, die bestenfalls B-Movie-Qualität aufwiesen, haben insbesondere die Marvel Studios (unter der Ägide von Disney, wo nun ja auch Star Wars gedeihen darf) sich der filmischen Fließbandproduktion verschrieben und erdrücken den Kinozuschauer mindestens zweimal jährlich mit hundert Millionen Dollar Produktionen, von denen sich viel zu viele in die Liste der erfolgreichsten Filme (gemäß Einspielergebnis) drängeln. Der Superheld hat sich im Kino zu einer leider nicht mehr wegzudenkenden Institution gemausert. Diese Institutionalisierung drückt sich auch in Spiderman Homecoming aus: Die Superhelden sind kaum noch was Aufsehenerregendes. Man kennt sie von Youtube, sie geben Presskonferenzen, die Zentrale der Avangers erinnert an einen globalen Konzern vom Schlage Apple oder Google. Und bei diesem Unternehmen will Spiderman, hier als nervtötender Teenager gezeichnet, unbedingt arbeiten. Leider wird ihm diese Anerkennung bisher verwehrt und er verharrt, so prägend für seine Generation, im ewigen Praktikantenstatus. Also macht er sich eigenständig auf die Socken, um seine Leistungsbereitschaft zu demonstrieren bzw. seinen Lebenslauf aufzufrischen.
Erscheint sein Handeln vordergründig durch seinen Sinn nach Recht und Ordnung motiviert, steckt dahinter doch stets der Drang, bei den großen Superhelden mitmischen zu dürfen. Jegliches Handeln Spidermans in diesem Film ist nur Teil seiner Bewerbung für den Superheldenkonzern; der Kampf gegen das Böse ein umfassendes Assessment-Center, das seine Leistungsfähigkeit überprüfen soll. So wird Spiderman zum idealen postfordistischen Subjekt, das, flexibel und belastbar, sich mit Haut und Haaren dem Kapital andient.
Die Propagandierung eines High-Tech-Kapitalismus drückt sich insbesondere im allseits präsenten Technikfetisch aus. Andauernd quasselt Peter Parker mit seinem hochmodernen Multifunktionsanzug, der etliche Interaktion mit der Außenwelt in virtuelle Berechnungen verbannt. Seine Überforderung gereicht dabei höchstens einmal zu einer plumpen Slapstickeinlage. Überhaupt ist der bemühte Humor und die auf Entwaffnung der Kritiker zielende Selbstironie nur schwer zu ertragen. Kaum eine Szene vergeht, ohne dass Spiderman sie mit einem „coolen“ Spruch kommentiert. Natürlich sollen auch Comedy-Fans auf ihre Kosten kommen. Spiderman soll ein Film für jedermann sein. Ein „action movie for the whole family“ wie Arnold Schwarzenegger einmal sagte. Passend dazu schreibt sich der Film das diversity management, eine Sternstunde des flexiblen Kapitalismus, auf die Fahnen: Wieso Differenz ausgrenzen, wenn man sie auch ausbeuten kann? Seine afroamerikanische Angebetete Liz und sein philippinischstämmiger Freund Ned sind dabei nichts weiter als charakterlose Klischeefiguren: die schöne Frau und der pummelig-witzige Sidekick.
Aber einen Verlierer kennt der postfordistische Kapitalismus dann doch noch: den weißen Industriearbeiter aus der Mittelschicht. Sein Niedergang darf daher gleich den Film eröffnen: Während Adrian Toomes gerade hart arbeitend den Müll der Avangers beseitigt, erfährt er, dass sein Job wegrationalisiert wird. In seiner Wut auf die „Reichen und Mächtigen“ beginnt er nun aus den dort gefundenen Alienartefakten irgendwelche Superwaffen zu bauen, schnallt sich Metallflügel um und wird so zum Superbösewicht, der es allen mal so richtig zeigen will. Ein Gefühl, das vor allem Trumpanhänger, Männerrechtsbewegte und AfD-Wähler kennen. Während gerade die erste Filmreihe ihre Antagonisten gewissermaßen aus einer Dialektik von wissenschaftlichem Fort- und Rückschritt entwickelte (der grüne Kobold oder Doc Ock) und so auch immer eine direkte Verbindung zum wissenschaftlich-gebildeten und -interessierten Peter Parker schlug, wurde die Neuinterpretation in ihrem eindimensionalen Technikfetischismus um diese spannende Dimension erleichtert und versieht seinen Gegner mit jenen schnöden Motiven.
Insgesamt wurde der Film um die zentrale Widersprüchlichkeit gebracht, die Spiderman stets auszeichnete: Der Konflikt zwischen dem privaten Glück und der sozialen, nicht frei gewählten Verantwortung Peter Parkers. Überspitzt gesagt kennt er keines von beiden mehr. Im postmodernen Subjekt verschwimmen die Grenzen von Lust und Arbeit bis zur Unkenntlichkeit miteinander. Dem neuen Spiderman ist es die größte vorstellbare Lust, im Superheldenkonzern zu schuften. Natürlich ist damit kein Happy End zu machen und so wird am Ende doch noch das kleinbürgerliche Herz erweicht: Spiderman lehnt den langersehnten Job ab und widmet sich in Bürgerwehrmanier wieder den Kleinkriminellen – vorerst, Fortsetzung folgt, folgt, folgt…
Unter der Fassade quasi-mythologischer Konflikte, bekommt man also ganz (post)moderne Ideologie serviert. Dieser Umstand macht solche Filme nicht nur zu schlechten, sondern auch zu perfiden. Sie vereinen zwei der schrecklichsten Momente des aktuellen Kinos: die Wiederholung des Ewiggleichen mit der reflexionslosen Wiedergabe des herrschenden Zeitgeistes.

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Fragmente des Schreckens http://halbstark.blogsport.de/2016/10/13/fragmente-des-schreckens/ http://halbstark.blogsport.de/2016/10/13/fragmente-des-schreckens/#comments Thu, 13 Oct 2016 14:18:38 +0000 Emil Allgemein http://halbstark.blogsport.de/2016/10/13/fragmente-des-schreckens/ Mit Freunden habe ich diesen Kurzfilm produziert:

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Männlichkeit, Gewalt und Projektionen (kurze Version) http://halbstark.blogsport.de/2016/01/09/ein-kurzer-kommentar-zu-maennlichkeit-gewalt-und-projektionen/ http://halbstark.blogsport.de/2016/01/09/ein-kurzer-kommentar-zu-maennlichkeit-gewalt-und-projektionen/#comments Sat, 09 Jan 2016 14:37:52 +0000 Emil Kritik http://halbstark.blogsport.de/2016/01/09/ein-kurzer-kommentar-zu-maennlichkeit-gewalt-und-projektionen/ Die rechtspopulistische Tenor zu den Ereignissen aus der Kölner Silvesternacht ist eindeutig: Männer aus „arabischen“ kulturellen Kontexten „importieren“ eine neue sexuelle Gewalt in die westlichen Gesellschaften. Die linke Gegenreaktion: Das ist falsch, denn beispielsweise am Oktoberfest sehe man, dass es auch im Westen eine rape culture gebe. Ich möchte diese Diskussion um eine paar grundlegende Gedanken über das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt ergänzen, die ich in dieser Form bisher noch nicht wiedergefunden habe. Wohlgemerkt unvollständig und kursorisch.
Wenn es eine eindeutige definierbare Tätergruppe gibt, die sexuelle Gewalt ausübt, dann sind es Männer. Je nach Studie leiden 33 -37% der Frauen weltweit mindestens einmal unter männlicher Gewalt. Sicherlich gibt es auch Frauen, die Gewalt ausüben, aber das Ausmaß steht in keinem „vergleichbaren Verhältnis zur männlichen (physischen) Gewaltausübung und vor allem fehlt die (fast) ausschließlich bei Männern vorhandene Verknüpfung mit eindeutig sexuellen Motiven“, so der Psychoanalytiker Rolf Pohl in seiner umfangreichen Studie „Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen.“ Dieses Ausmaß berechtigt daher zur Annahme, dass es eine fließende Grenze zwischen „normaler“ und „pathologisch-gewalttätiger“ männlicher Geschlechtsidentität gebe, die Täter also „ganz normale Männer“ seien. Wie ist dieses Ausmaß theoretisch zu erklären? Gemäß Pohl finden in sämtlichen Kulturen sehr ähnliche Initiationsriten statt, sodass von gewissen kulturübergreifenden „Universalien der männlichen Erfahrung“ ausgegangen werden kann. Diese Initiationen folgen dem „Grundschema: nach einer radikalen, häufig gewaltsamen Trennung von der weiblichen Welt, werden die Initianden komplizierten, mythologisch begründeten, symbolischen und realen Inszenierungen und Prüfungen unterworfen, um alle Spuren des Weiblichen aus Geist und Körper auszutreiben“. Die für das Männlichkeitskonzept zentrale Autonomie wird gewonnen, indem alles, was auf Endlichkeit, Abhängigkeit, Passivität, Leiblichkeit, kurz: das mit dem Weiblichen verknüpfte, was als Bedrohung wahrgenommen wird, abgespalten wird (Besonders deutlich wird es in der Homophobie, d.h. in der Angst vor und im Hass auf den schwulen, als verweiblicht wahrgenommenen Mann). Aber gerade diese starre Autonomie muss wieder in ein Gefühl der Heteronomie umschlagen, weil sie zur Abhängigkeit vom Weiblichen zwingt, schließlich muss sich die männliche Potenz an irgendetwas darstellen. Somit ist die „Herabsetzung und Erniedrigung der Frauen konstitutiver Bestandteil der (brüchigen) männlichen Identität und keineswegs nur eine temporäre, auf die Dauer der Initiation begrenzte Zwischenphase […]. Die erneute Hinwendung zu den Frauen bleibt […] auch nach der Initiation weiterhin zutiefst ambivalent, von Verachtung und (Angst-)Lust geprägt. Unzählige Äußerungsformen sexueller Gewalt (auch in westlichen Gesellschaften) bestätigen diese Beobachtung dauerhafter feindseliger Einstellungen gegenüber Weiblichkeit in den vorherrschenden Typen männlicher Subjektkonstitution.“ Während dieser Hass auf das Weibliche und auf Frauen zwar konstitutiv in das männliche Subjekt eingeht, sind in dieser Gesellschaft Frauen mittlerweile formal als freie und gleiche Subjekte anerkannt worden (was nicht bedeutet, dass es de facto noch unzählige Ungleichheiten und Unfreiheiten für Frauen gibt). Daher müssen diese Regungen des männlichen Subjekts allerdings strikt abgewehrt werden. Eine naheliegende Möglichkeit, diese Triebregungen zu übertragen oder zu verlagern, ist es, sie auf andere Personen, Objekte oder eben Menschengruppe zu projizieren und sie an dieser zu bekämpfen: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ (Freud) Und genau dies findet hier statt. Die omnipräsente sexuelle Gewalt gegen Frauen, die insbesondere in der Aufschrei-Debatte von Männern (aber auch von einigen Frauen) kleingeredet wurde, bis hin zur Verleugnung in Form des victim blamings, kann nun an einer anderen Gruppe ausagiert werden. Dies bedeutet keinesfalls das Kleinreden der Geschehnisse in Köln, sondern erklärt lediglich die unterschiedliche Wahrnehmung.
Gerne wird auch betont, dass das Zusammenfinden zum gewalttätigen Mob (obwohl sich noch gar nicht geklärt hat, ob eine solche bewusste Kollektivbildung überhaupt stattgefunden hat) ein „Import“ aus einer anderen Kultur sei. An dieser Stelle muss man sich fragen, welcher ungeheuren Leistungen es bedarf, derart die Realität zu leugnen, um nicht wahrnehmen zu müssen, dass seit Monaten wieder aggressiv der deutsche Mob in einer ganz ähnlichen Motorik gegen Asylbewerber hetzt, sie angreift, ihre Wohnung attackiert und offen auf sie Jagd macht. Auch hierbei handelt es sich wieder um ein fast ausschließlich männliches Kollektiv, welches physische Gewalt gegen jene als Fremde imaginierten Menschen ausübt. Dabei stellt die „aus tiefen Ängsten vor Sexualität und Weiblichkeit entspringende Frauenverachtung […] gleichsam den Prototyp und das Vorbild für die nach außen gelenkte Feinderklärung, -verfolgung und -vernichtung dar“, so Pohl. So speist sich der Hass großer Teile der bundesdeutschen Gesellschaft auf die Asylsuchenden, der sich dann in männlicher Gewalt materialisiert, insbesondere (natürlich nicht nur) aus eigenen sozialen (Abstiegs)-Ängsten: „Die bekommen, was uns zusteht“. Vollkommen abstrus werden Asylbewerberheime als Luxusunterkünfte imaginiert und Falschnachrichten von vermeintlichen riesigen Geldbeträgen oder gar kostenlosen Bordellbesuchen, die Asylbewerber erhalten, machen eine große Runde. Sachliche Argumente, Fakten und Widerlegungen sind dabei nutzlos (mehr dazu: hier), denn der nach außen gelenkte Hass schützt davor, das eigene geliebte Kollektiv, welches einem aber die immensen Versagungen aufzwingt (Stichwort: Hartz 4), und damit die eigene Identität angreifen zu müssen. Soviel in aller Kürze und Unvollständigkeit. In der aktuellen Debatte wirken diese beiden projektiven Abwehrmechanismen unheilvoll zusammen, bestätigen sich gegenseitig und schaukeln sich aneinander hoch.
Die hier angestellten Überlegungen nötigen Männer natürlich dazu, dahin zu gehen wo es weh tut; sich zu fragen, inwieweit die eigene Subjektkonstitution sie zur Gewalt zwar nicht determiniert, aber sehr wohl prädestiniert. Darum werden sie ebenso abgewehrt werden müssen. Aber es bleibt mit Freud zu hoffen:

Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch.

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Sieben Jahre http://halbstark.blogsport.de/2015/12/21/sieben-jahre/ http://halbstark.blogsport.de/2015/12/21/sieben-jahre/#comments Mon, 21 Dec 2015 17:29:26 +0000 Emil Allgemein http://halbstark.blogsport.de/2015/12/21/sieben-jahre/ Vor 7 Jahren hat das Projekt halbstark begonnen. Ein Viertel meines Lebens hat es mich damit begleitet. Aus diesem Anlass möchte ich ein wenig sentimental werden und ein paar meiner eigenen Lieblinge wieder in Erinnerung rufen, aber auch die Entwicklung des Blogs und meine eigene poetische Krise reflektieren.
Begonnen hat alles mit dem damaligen Plan, tagespolitischen Themen lyrisch und satirisch zu kommentieren. Lange Zeit war dieser Gedanke auch das Hauptaugenmerk dieses Blogs. Mein absoluter Liebling aus diesem Konzept ist nach wie vor mein „Nachruf auf Michael Jackson“. Noch in der Nacht als ich in der Sendung Domian von seinem Tod erfahren habe, floss mir dies Gedicht aus der Feder und sollte sich in den nächsten Wochen eins zu eins bewahrheiten. Ein anderes Gedicht aus den Anfängen, „der Felsen“, viel damals noch ein wenig aus dem Schema. Es war weniger konkret als die anderen, aber es hatte eine Leitmetapher und abgesehen vom eigenartigen Versfuß mag ich es heute noch gerne. Auch das war so ein spontaner Einfall, den ich mir im Prinzip im Vorbeigehen notiert hatte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran.
Mit der Zeit wurden meine Gedichte zunehmend politischer und direkter. Es waren weniger satirische Kommentare als klare Positionierungen. Dennoch habe ich weiterhin versucht, mich mit Humor den Dingen zu nähern, denn zu einem dichtenden Politiker wollte ich ganz bestimmt nie werden. Ein paar schöne Beispiele sind „Der Faktor Mensch – Ein Klagelied“ oder natürlich das „Kampflied der Anarchisten“, welches ich auch heute noch gerne spiele. Viele Anarchisten fanden diese Selbstironie übrigens überhaupt nicht witzig. Ich dagegen denke weiterhin, dass sie den Kritikern eher den Wind aus den Segeln nimmt, denn diese Überspitzung zeigt doch, wie bescheuert solche Klischees eigentlich sind. Besonders wichtig war mir immer, neben der Kritik der Arbeit, die Religionskritik: Mein persönlicher Liebling ist dabei sogar recht spät entstanden: „Die Zukunft einer Illusion
In etwa diesem Zeitraum entstand auch „Menschen wie sie jeder kennt“ und dieses Gedicht hielt ich eine ganze Weile für mein bestes. Im Grunde ist es eine typische Anklage der Angepassten, also gar nicht so einfallsreich. Aber ich mag Reim, Rhythmus und vor allem die Pointe. Letztere war mir überhaupt immer sehr wichtig und viele Gedichte basieren im Grunde auf einer Pointe. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist da die „Aristokratische Ironie“, meine wohl längste Ballade.
Dass ich nicht nur Dichter, sondern auch Student bin, sollte auch an meinen Gedichten nicht vorübergehen und so entstanden verschiedene Werke, die mal mehr oder weniger direkt Bezug nahmen auf Theorien oder Ideen, auf die ich in meiner wissenschaftlichen Lektüre gestoßen bin. Meine beiden Lieblinge sind dabei „Die letzte Kränkung“, insbesondere die ersten Verse mag ich sehr und sollten stilistisch sehr prägend werden, und „Von großen und kleinen Männern“, welches fast schon eine Art Lehrgedicht ist. Aber auf eine humorvolle Weise. Dieses fast wissenschaftliche Herangehen sollte sich alsbald als Damoklesschwert herausstellen.
Vor kurzem habe ich das tiefromantische „Blume am Wegesrand“ für mich wiederentdeckt. Aus mir unersichtlichen Gründen war es mir komplett entfallen, dabei ist es doch so wunderbar weltverklärend. Zu meiner Verteidigung: natürlich habe ich auch eine Art Gegenentwurf geschrieben, der bitterbösen Spott über die romantische Weltentrückung ausgießt: Die „Romantische Szene bei fröstelnder Mondnacht“. Ein Gedicht, das leider kaum Beachtung erfahren hat.
Ich bin absolut kein Freund von Personenkult oder auch nur vom Gedanken an „Vorbildern“. Trotzdem hatte ich bei Erich Mühsam, dessen fast unbrechbare Renitenz ich sehr bewundernswert finde, das Bedürfnis, ihm ein eigenes Gedicht zu schreiben („Für Erich Mühsam“), welches auch als eine Art Mikrobiographie gelesen werden kann. Inspiration fand ich dazu übrigens bei dem Gedicht „Lessing“ von Erich Kästner.
Bald wichen die politischen Gedichte zunehmend den melancholischen. Das war auch ein Stück Absicht. Mittlerweile erschienen mir einige der frühen Werke doch recht plump. Manche wirkten gar wie ein reines Instrument um eine politische Aussage zu treffen, fern jeder Poesie. Anstatt weiterhin das Politisch-allgemeine direkt beim Namen zu nennen, versuchte ich nun vom Besonderen auszugehen und in ihm das repressive Allgemeine indirekt zu fassen. Und auf diesem Weg sind viele tolle Gedichte entstanden: „Der Tropfen“, „Mann in der Grube“, „Die andere Seite“, „Stille Post“ oder „Ein Besuch“. Letzteres behandelt eine sehr persönliche Erfahrung, aber eine Erfahrung, die wohl viele Menschen machen mussten, denn ich bekam zu ihm einige Male die Rückmeldung, dass es sehr berührt habe. Es ist mittlerweile das Gedicht, was ich immer zuerst nenne, wenn ich auf halbstark aufmerksam machen möchte.
Doch schon vorher kam es zu einer Krise. Das Gedicht „recherche du temps perdu“ stellte für mich persönlich einen Höhe- aber auch einen Wendepunkt dar. Mit ihm erschien mir fast alles gesagt. Die Schmetterlingsstrophe gehört noch immer zu meinen mir liebsten Versen. Was sollte noch kommen? Von da an habe ich nur noch sehr unregelmäßig und selten veröffentlicht. Heute kann ich die Ursache für diesen Bruch genauer bestimmen: Durch das Studium hat der wissenschaftliche Zugang zu Welt eine immer größere Rolle in meinem Leben eingenommen und Schritt für Schritt hat er den poetischen Weltzugang verdrängt und fast verdorren lassen. Nach dieser Erkenntnis begann eine Zeit, in welcher ich die Poesie langsam zurückzugewinnen versuchte, denn es ist doch der so viel schönere und erfüllendere Zugang zur Welt. „Der grauenhafte Blick ins Ich“ stellt daher auch eine Art Selbstkritik dar und ist nicht zufällig das erste Gedicht, welches auf diesem Blog ohne Reim und Versfuß auskommt (obwohl ich schon immer auch formlos geschrieben habe).
Zumindest zum Teil habe ich die Poesie wiederfinden können. Und so ist meine „Bolle“-Paraphrase entstanden, die ich gerne singe. Aber auch der „Versuch über das Glück“ oder jüngst die „Kritik des Pferdes“, mit der ich meine vor Jahren begonnene Trilogie zur Kritik der Nutztiere endlich abgeschlossen habe, entstanden.
Und so muss ich resümieren: Die Wissenschaft ist, wie Wittgensteins Leiter, wegzustoßen, sobald sie erklommen ist. Wenn alles gesagt, bleibt, sich dem Unsagbaren zuzuwenden: der Poesie.

Die Poesie wiederzufinden kann dasselbe sein, wie die Revolution aufs neue zu erfinden. (Situationistische Internationale)

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Kritik des Pferdes http://halbstark.blogsport.de/2015/11/09/kritik-des-pferdes/ http://halbstark.blogsport.de/2015/11/09/kritik-des-pferdes/#comments Mon, 09 Nov 2015 10:29:49 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/11/09/kritik-des-pferdes/ Ich gehe gerne mal bei Zeiten
auf einen Hof zum Ponyreiten.
Prompt wird sich zu dem Pferd bequemt,
Bewegung ist mir nun verfemt.
Ich throne stolz auf seinem Rücken
und lock‘ das Vieh mit Zuckerstücken.
Da sprech‘ ich klug zum dummen Gaul:
„Hier oben sitz’ ich träg‘ und faul,
genieße all das Pittoreske:
die Landschaft Kunst, der Himmel Freske.
Die Schönheit dieser Welt berührt
mich tief und du du wirst geführt:
Nach meinem Willen musst du trappen;
dein Blick verstellt durch Augenklappen.
Ich bin der Herr und du der Knecht.
Man zwang dich nieder, es ist Recht.“
Da dringt ein Schnaufen aus den Nüstern,
aus tiefer Stille kommt ein Flüstern:
„Es ist beachtlich“ sprach der Hengst
„was du, du Mensch, so lauthals denkst.
In euren kleinen Menschenköpfen
regiert die Kunst, doch herrscht das Schröpfen.
Jedoch, mein Herr, sei dir gewiss,
dass das noch nicht das Ende is‘.
Du hast mich nötig, denn ich trage
all deine Lasten ohne Frage.
So bleibst du schwach und ich werd‘ stark
und irgendwann schon kommt der Tag,
An welchem meine großen Mühen
in neuem Glanze werden blühen.
Dann werf ich dich von deinem Thron:
und galoppier befreit davon.“

Anmerkung:
Der Abschluss meiner drei großen Kritiken.
Kritik der Kuh
Kritik des Schafes

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Ante mortem http://halbstark.blogsport.de/2015/09/07/ante-mortem/ http://halbstark.blogsport.de/2015/09/07/ante-mortem/#comments Mon, 07 Sep 2015 10:30:21 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/09/07/ante-mortem/ Sein Lebensweg ist schnell erzählt:
Geburt, geschafft, Gebrechen.
Es hatte ihn seit je gequält,
Doch trug er stolz das Stechen.

Er nahm sein Los verzagt in Kauf:
Er wurd‘ geleimt, blieb kleben.
Sein makelloser Lebenslauf:
Ein nicht gelebtes Leben.

Es hatte ihn verdorben
Eh’ sich ein Ausweg bot.
So ist er längst gestorben
Und wartet auf den Tod.

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Der grauenhafte Blick ins Ich http://halbstark.blogsport.de/2015/07/11/der-grauenhafte-blick-ins-ich/ http://halbstark.blogsport.de/2015/07/11/der-grauenhafte-blick-ins-ich/#comments Sat, 11 Jul 2015 10:27:08 +0000 Emil Gedichte http://halbstark.blogsport.de/2015/07/11/der-grauenhafte-blick-ins-ich/ I. Faszinosum
Wie merkwürdig es klingt,
dass du des Merkens würdig.
Und wie eigenartig,
dass du von eigener Art.
Darum
keines Reimes bedürftig.
Und meiner Unzulänglichkeit wegen.

II. Kommensurabilität
Die Macht des Tausches,
welche all jene verhärmte,
die ihm unterworfen,
aber doch willfährig
sich ihm andienen,
erhoffend sein Glanz
füllte, was er doch aushöhlte.
Bis da nichts mehr war
als leere Form
Furchtbares musste es sein
und furchtbar ist es noch immer.
A = B
asphaltierte die Straßen
Ins Menschenschlachthaus.
Seine Tore verkünden
was niemals mehr darf sein.

III. Midas
Das glitzernde Metall,
das farbige Papier:
die Allheit am Hosenbund
betrügt uns ewig
ums Versprochene.
Entbehrt doch jeder Erfüllung,
denn niemals wars ein Kindertraum.
An den Ufern des Paktolos
vergraben sich Füße.
Zaudernd,
in ihm zu treiben.
Gleichfalls ozeanisch.

IV. Insomnia
Goya irrte
Der Albdruck beharkt uns
im grausamen Wachen.
Der Nachtmahr grüßt
freundlichst am Jägerzaun
Und packt deine Tüten
Im Supermarkt.
Galant bespielt er
die Klaviatur der Vernunft:
Kein Misston trübt die Melodie.
Wo kein Schlaf,
da auch kein Traum.
Die Ruhe gebiert
das Hingebungsvolle,
dem doch nichts
als Fäulnis und Moder
innezuwohnen scheint.

V. Apotheose
Sei Göttin!
Der Verlorene findet
sich nur im Verlieren.
Sei Göttin!
Das Absolute
verspricht Absolution.
Sei…
aber lieb macht dich dein Fehler
wie Karl Kraus wusste.
Doch das Wort verging.

VI. Entelechie
Erinnerend
dem einstigen Glück
sich Gewahr werden.
Dem vermaledeiten Jetzt,
seiner schablonierten Lust,
den Dienst versagen:
Dem Entschlafenden
die Augen schließen.
Der irre Zwang vergeht
Mit der Scheu
vor der Sinnlosigkeit.
Lass schneien
die Schneekugel!
Was da einst Kulisse
und Requisite
atmet;
Der Figurant
entblättert sich.
Matrjoschkenhaft.
Was bleibt?

Anmerkungen:
Für M.

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