Prezidents Thesen oder: zwei Arten, die Gesellschaft nicht zu begreifen

Der Rapper Prezident wettert in seinem neusten Song gegen die vermeintliche Diskurshoheit neulinker Gutmenschen und bedient sich dabei offen neurechter Sprache und Ideen. Neu ist daran allerdings wenig. Anfang des Jahres blies Dobrindt ins gleiche Horn. Die sich in diesem Fall ausdrückende „allgemeine Unfähigkeit, die herrschende Verhältnisse zu begreifen“ lässt sich gut auf die aktuellen Äußerungen Prezidents übertragen. Anstatt daher die Kritik mit leichten Variationen nochmal zu wiederholen, möchte ich sie an dieser Stelle um ein paar Punkte ergänzen.

[Anmerkung 20.6.2018: Ich habe den Text erweitert, um mich von einer anderen Kritik stärker abzugrenzen und zugleich meinen eigene Kritik präziser zu fassen.]

Registratur statt Kritik
Prezidents Schelte ist in vielen Punkten treffend und berechtigt. „Die guten Menschen gehen protestieren, sie sind sehr gut zu Kindern und sehr, sehr gut zu Tieren“ heißt es direkt in den ersten Zeilen und auch ich habe mich an anderer Stelle mit der Frage beschäftigt, woher die aggressive Tier- und Kinderliebe der Wutbürger rührt. Ebenso angemessen ist beispielsweise die Warnung, dass die eigene moralische Überlegenheit rasch in ein Kontrollbedürfnis umschlägt und das AZ so in einen „Käfig“, einen „autonomen Schrebergarten“ verwandelt wird. Doch diese treffenden Beobachtungen laufen zunehmend darauf hinaus, dass er jene linken Positionen mit rechten bzw. faschistischen Ansichten analogisiert, was schließlich in der Schlusszeile mündet: „Die schlimmsten Herrenmenschen: die die keine sein wollen.“ Hier schimmert der im Dunstkreis der neuen Rechten immer wieder gehegte Vorwurf durch, die Antifaschisten seien die neuen, rotlackierten Faschisten. Auch wenn er behauptet, dass man die guten Menschen erst darauf „trainieren“müsse, auf was sie sensibel zu reagieren haben, klingt das unangenehm verschwörungsideologisch. Prezident liefert keine Analyse der von ihm beklagten Phänomene, sondern bescheidet sich damit, Widersprüche aufzuzählen und Doppelmoral anzuklagen. Dass er über einen scharfen Blick verfügt und präzise gesellschaftliche Verhältnisse sezieren kann, hat er in Liedern wie Menschenpyramiden bewiesen. Hier aber kommt ihm die Kritik abhanden, die Fähigkeit zu unterscheiden. Bitter ist es besonders, weil er seine Positionen in einem Interview gerade damit rechtfertigt, dass er ein „Fan davon“ sei, „Dinge qualitativ zu erfassen“.
Statt eine kritische Analyse zu liefern, folgt er dem neurechten Agendasetting und bedient sich, wenn er gegen die vermeintliche Diskurshoheit sogenannter Gutmenschen wettert, ihres Vokabulars. In einem Interview nutzt er neurechte Begriffe wie „Gutmensch“ oder „links-grün-versifft“ affirmativ (auch wenn er durch ironische Untertöne ambig bleibt) und spricht von einer „monatelangen Vorbereitungsphase, wie ich genau den Tonfall treffe, dass es nicht nach Pegida klingt“. Ihm ist also durchaus klar, mit welchen Standpunkten er sich auseinandersetzt. Aber anstatt diese gesellschaftskritisch zu hinterfragen, bemüht er sich darum, die Inhalte in einem anderen „Tonfall“ zu reproduzieren.

Psychotisch sind immer nur die Anderen
Das Problem ist aber nicht nur die Besetzung der Themen, sondern dass Prezident im neurechten Fahrwasser auf genau dasselbe Strohmann-Argument setzt: Es wird eine links-grün-versiffte Diskurshoheit konstruiert, gegen die der tapfere Einzelkämpfer vorgehen muss. Ein Beispiel: Es mag sein, dass es vereinzelte Personen gibt, die sich Flüchtlinge als „edle Wilde“ vorstellen. Dabei handelt es sich um absolut kritikwürdige [4], aber kuriose Einzelpositionen, die in keiner Weise hegemonial oder repräsentativ für den Diskurs sind. Die Diskussionen drehen sich beispielsweise um deren Antisemitismus, Sexismus oder Integrationsfähigkeit, aber nicht um ihre „Güte“, wie Prezident behauptet. Ich weiß nicht, aus welcher Filter-Blase (Hiphop-Medien? [1]) sich diese Wahrnehmung speist, aber die öffentlichen Debatten sind es nicht. In dieser seit Jahren stattfindenden Debatte ist mir kein einziger Beitrag begegnet, der eine derart naive Position ernsthaft vertritt. Insbesondere der Fall um Maischbergers Talkshow hat erst gerade gezeigt, dass nicht diese neulinken, sondern neurechte Deutungen im Diskurs überrepräsentiert sind. Der ‚herzerwärmende, realitätsfremde Flüchtlingskuschler‘ existiert in erster Linie als ein von AfD und co. konstruiertes Feindbild, damit ihre Politik der harten Hand im Gegensatz dazu als realitätsgerechte Maßnahme erscheint. Wenn nun Prezident nur in dem einen Bild („edler Wilder“) eine politisch motivierte Konstruktion erkennt, aber nicht auch in dem anderen („Gutmensch“), dann führt er die Logik nur mit anderen Inhalten fort, bildet also nur einen immanenten Gegensatz und bleibt selbst Teil der „Psychose“, die er den Anderen im Interview vorwirft. Kurzum: Er führt hier offensichtlich einen heroischen Kampf gegen Windmühlen und stört sich leider wenig daran, mit wem er, wenn auch unbeabsichtigt, gemeinsam ins Feld zieht. Ironischerweise ist ihm durchaus bewusst, dass er diese Logik nicht durch Kritik bricht, sondern sie reproduziert: In dem Interview konstatiert er mehrmals etwas hilflos, dass das angekündigte Album ein Rant gegen Rants sei bzw. er ein Wutbürger gegen Wutbürger sei. Zwar räumt er die Absicht ein, darüber hinauszugehen, aber bei der Frage, inwiefern er das schafft, bleibt er bestenfalls vage.

Verkürzte Kritik
Denn als er diese Thesen in dem Interview gesellschaftskritisch einzubetten versucht, stammelt er was vom „Identitätskram“ einer „nicht coolen Linken“, der „neoliberalen Standpunkten“ zuspiele. [2] Dass er kaum mehr als trendy Schlagworte aufzubieten hat, lässt vermuten, dass er den Zusammenhang von politökonomischer Struktur, postmoderner Ideologie und Identitätspolitik [3] nicht bzw. im Sinne der neuen Rechten versteht (was auf das Gleiche hinausläuft).
An dieser Stelle möchte ich mich dazu kurz halten und empfehle dringend, den bereits oben erwähnten Text zu lesen. Materialistische Gesellschaftskritik begreift aber die von ihm angeprangerten Phänomene nicht als genuines Politprojekt der neuen Linken, sondern als den Versuch des Kapitals, die Krise des Fordismus durch flexibilisierte, postfordistische Produktionsverhältnisse zu bewältigen, wozu die 68er ein paar nette Ideen lieferten. Während die neue Linke sich dem neuen Produktionsregime (wegen der damit verbundenen Chancen und trotz der schmerzlichen Ambivalenzen) an den Hals wirft, sehnt die neue Rechte sich in die fordistische Gemütlichkeit zurück: Beide zeichnen sich durch ihr Unvermögen aus, die Verhältnisse kritisch auf den Begriff zu bringen. Robert Kurz brachte einmal treffend das Problem verkürzter Kapitalismuskritik auf den Punkt: „Das negative Ganze wird mit einem seiner Bestandteile oder Pole identifiziert und soll vom Standpunkt eines anderen Bestandteils oder Pols aus überwunden werden. Ideologiekritik hat die Aufgabe, diese immanente, letztlich ausweglose Polarisierung und damit die zu Grunde liegende Reproduktions- und Denkform zu durchbrechen, weil nur so eine Überwindung des negativen Ganzen möglich ist.“ Da sich Prezident innerhalb dieser Polarisierung positioniert, ist er genau das, was er Staiger ankreidet: „Hart hängengeblieben“ auf einem alten Standpunkt, so sehr er sich auch noch als neu herausputzt. Er betreibt mit seinem aktuellen Track weder Analyse noch Gesellschaftskritik, sondern, wie er im Interview zu betonen nicht müde wird, einen „Rant“. Adorno schrieb aber ganz zutreffend einmal: „Wer denkt, ist in aller Kritik nicht wütend: Denken hat die Wut sublimiert.“ Natürlich ist das alles keine kritische Theorie, sondern Rap. Aber wenn Prezident in dem Interview hervorhebt, Inspiration in der klassischen „Ideengeschichte“ zu suchen, wenn er einen Track macht, der dezidiert aktuelle politische und ideologische Formationen kommentiert, dann fordert er eine solche Kritik heraus, insbesondere durch seinen saloppen Umgang mit neurechten Narrativen. Vielleicht schafft Prezident es ja auf dem Album (welches ich vermutlich rezensieren werde), diese Phrasendrescherei mit fadem Beigeschmack um die analytische Präzision anzureichern, die ich nach wie vor an ihm schätze.

[1] In einem Track aus dem März dieses Jahres hat Prezident im Grunde dasselbe Thema schon einmal an der Rezeption von Rapmusik (vorallem) durch die Fachmedien aufgerollt und hier gelingt es ihm auch deutlich besser, sein Anliegen in konkrete Kritik umzumünzen; auch wenn er sich dort ebenso auf schiefe Vergleiche einlässt (insbesondere in Bezug auf Absztrakkt) und ich mich gefragt habe, wo der Prezident geblieben ist, der die Abgeklärtheit und Weltfremdheit besaß, sich dem ganzen Rap-Kindergarten zu entziehen.
[2] Sicherlich könnte man ihm zugutehalten, dass er sich in einem Rap-Interview auf einem Festival äußert. Da er sich aber selbst auf eine lange Diskussion um das Thema einlässt und nicht davor scheut, mit wissenschaftlichen Begriffen und Theorien zu argumentieren, ist es m.E. gerechtfertigt, seine Aussagen auch auf dieser Ebene zu diskutieren.
[3] Vielmehr erfüllt er mit diesem Song, indem er sich als Tabubrecher inszeniert, der endlich einmal Tacheles redet (was dem Selbstbild Neurechter ebenfalls nicht unähnlich ist), seine eigenen postmodernen Distinktionsbedürfnisse und betreibt selbst die von ihm gescholtene Identitätspolitik, wovon insbesondere die Kommentare auf YouTube und Facebook zeugen. Man wird das Gefühl nicht los, dass Prezident sich soweit ins HipHop-Game gewagt hat, dass er unwillkürlich mitzuspielen beginnt.
[4] Ergänzung vom 20.6.2018: Offenbar wurden diese Zeilen aus dem Lied von einigen Personen als rassistisch interpretiert, was ich für eine hanebüchene Unterstellung halte, der ein komplettes Unverständnis des Textes zugrunde liegt. In einem Statement auf Facebook sah sich Prezident genötigt, auf diesen Vorwurf einzugehen und sich zu erklären: „Die Stelle ist schon so zu verstehen, dass sich „Gegenbild“ und „Ebenbild“ gleichermassen auf den edlen Wilden als Zerrbild beziehen. Der karikierte Zelot fühlt sich dem als natürlich und unverkrampft imaginierten „edlen Wilden“ nahe und seinem hässlichen, spießigen, dunkeldeutschen Nächsten fremd. Da er aber tatsächlich selbst dieser hässliche, verkrampfte, spießige deutsche Kontrollfreak in Reinform ist, ist der Bau Savage, das Phantasieprodukt, dem er seine Fernstenliebe widmet, nicht sein Eben-, sondern sein Gegenbild. Und anders als als Zerrbilder und Phantasieprodukte kommen Flüchtlinge oder Fremde oder Dunkle und deren Güte in diesem Text überhaupt nicht vor.“ Ich kann Prezident in diesem Fall nur zustimmen, wodurch meine Kritik allerdings nicht entkräftet wird, weil ich den Produzenten dieses Phantasieprodukts letztlich selbst für ein Phantasieprodukt halte.

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3 Antworten auf „Prezidents Thesen oder: zwei Arten, die Gesellschaft nicht zu begreifen“


  1. 1 NiceGuy 20. Juni 2018 um 12:15 Uhr

    Es geht in der Ganzen Geschichte gar nicht um vermeintliche Diskurshoheit die ja faktisch auch nicht existiert, da viele Diskurse nebeneinander in verschiedenen Gruppen und auf verschiedenen Kanälen geführt werden. Die Schnitt- bzw Kontaktstellen dieser Diskurse sind immer wieder sehr konfliktbeladen und treten prominent in die sogenannte Öffentlichkeit. Tut aber alles nichts zur Sache, denn du hast die Kritik meiner Meinung nach nicht ganz richtig gedeutet.
    Erstmal muss man zugutehalten, dass Rapmusik keine wissenschaftlich-theoretische Analyse ist sondern Musik, eine Kunstform die seit jeher von Überspitzung und Provokation lebt. Außerdem ist es nicht die Aufgabe des Künstlers eine Lösung zu präsentieren, sondern mit scharfen Ton Kritik zu übernehmen und Verhältnisse offen zu legen, einen Spiegel vorzuhalten. Deshalb würde es der Diskussion über Prezident neue Musik nicht Schaden wenn man drei grundsätzliche Punkte mit einbezieht.
    1. Kann man die Lieder auch auffassen als die Sorge eines vermeintlich aufgeklärten und reflektierten, aber auch überaus menschlich fehlerhaften Künstlers, um die gesellschaftliche Wirksamkeit einer sogenannten Linken (finde den Begriff zur Beschreibung so diverser Menschen und Einstellungen zu kategorisch und sollte überwunden werden), unter deren Flagge immer mehr Menschen sich eben nicht mit den von dir angesprochenen Themen befassen sondern nur noch Identitäts- und Distinktionspolitik betreiben. Das verwässert meiner Meinung nach das politische Anliegen die Gesellschaft progressiv zu beeinflussen.
    2. Diese Identitäts- und Distinktionspolitik -einiger- (nicht aller und wahrscheinlich nicht der Mehrheit) läuft ab über moralische Normvorstellungen die ohne Analyse, Reflektion oder Erklärungen zum Hoheitsgesetz im zwischenmenschlichen Zusammenleben erklärt werden ohne jegliches Verständnis für die gegenteilige Position. Moral eignet sich, wenn vernünftig begründet, wunderbar als Fundament, jedoch nicht als Zweck an sich.
    3. Würde es gut tun, wenn man nicht, wie quasi durch die Kritik prophezeit, durch gegebene Ähnlichkeiten mit sogenannten rechten Wortwahlen (ich sage bewusste Wortwahl denn schon bei der Argumentation verlieren sich diese Ähnlichkeiten) nicht direkt eine gemeinsame Kategorisierung geschehen würde. Das sorgt dafür, dass sich mit der Kritik an sich entweder nicht, oder nur ausgewählt (was halt Grad so passt) beschäftigt werden muss. Anstatt zu schauen welche Wörter man vielleicht aus anderen Kontexten (ja andere Kontexte) kennt, wäre es angebracht die Kritik zumindest aufzunehmen (nicht annehmen) um sich Mal kritisch mit dem moralischen Selbstverständnis einer Linken als sozialer Bewegung einerseits auseinanderzusetzen, und anderseits Moral Mal grundsätzlich neu aufzurollen und zu untersuchen auf ihre Möglichkeiten und Einschränkungen sie als manifestes Unterscheidungsmerkmal zu der pitischen Gegnerschaft einzusetzen und ob sie geeignet ist eine Überlegenheit der eigenen Argumentation zu begründen.

    Diese Diskussion birgt meiner Meinung nach auf breiter Ebene die Möglichkeit für viele Linke Mal vom hohen Ross zu steigen und sich nicht als über den Dingen stehend zu betrachten, sondern als Teil der Dinge und auch als solche zu agieren und zu argumentieren.
    Es geht also im Ergebnis nicht um die Kritik einer Linken die Diskurshoheit hätte und diese fälschlicherweise ausnutzen würde, sondern um ein moralisches selbstbildnis, also das konstruierte Selbstverständnis mit dem die eigene Position und somit auch die aller anderen in der Welt beschrieben wird. Und genau wie die gesellschaftlichen Verhältnisse, Wirtschaftssysteme oder Geld konstruiert sind, ist es auch das Selbstverständnis und es würde vielen Menschen gut tun dies Mal zu reflektieren und nicht immer als gegeben hinzunehmen. Peace Out und Grüße

  2. 2 NiceGuy 20. Juni 2018 um 12:18 Uhr

    Ist mein mega länger Kommentar jetzt einfach weg? Ich schreib den nicht nochmal… Schade

  3. 3 Emil 21. Juni 2018 um 14:34 Uhr

    Danke für deinen umfangreichen Kommentar. Er wurde leider nicht automatisch freigeschaltet, sondern ist aus mir unerklärlichen Gründen in die Warteschleife gekommen, die ich eher selten überprüfe. Ich werde in den nächsten Tagen auf deine Punkte eingehen.

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