Punk bleibt Männersache! Mackertum am Beispiel eines Slime-Konzerts

Anlass dieses Textes war ein Ereignis auf dem gestrigen Konzert der Band Slime im Berliner Astra. Zu Beginn des Konzerts wurde Sänger Dirk Jora von einem aus dem Publikum geworfenen Plastikbecher am Kopf getroffen. Ob es ein gezielter Wurf war oder ob er versehentlich getroffen wurde – denn auf diesem wie auf etlichen Konzerten werden andauernd Becher herumgeworfen – , kann ich nicht beurteilen. Verständlicherweise war Jora aufgrund eines solchen Auftakts ziemlich wütend. Verschiedene Reaktionen wären denkbar gewesen. (1) Jora unterbrach das Lied, pöbelte aggressiv in Richtung des Werfers (ich gehe davon aus, dass es sich um einen Mann handelt), beleidigte ihn und forderte ihn schließlich dazu auf, sofern er „die Eier“ dazu habe, auf die Bühne zu kommen, damit Jora ihm was auf die „Fresse“ hauen könne. Als sich wenig verwunderlich niemand auf die Bühne begab, appellierte er an das restliche Publikum, dass es sich darum „kümmern“ möge, d.h. er animierte eine Gruppe größtenteils angetrunkener, tendenziell aggressiv gestimmter Männer (auch dazu später mehr) dazu, einem Einzelnen Gewalt anzutun. Das muss ganz klar so benannt werden, da diese Aufforderung mit aggressivem Ernst herausgeschrien wurde, der keine augenzwinkernde Überspitzung erkennen ließ. Ob es kurz darauf oder nach dem Konzert zu körperlichen Übergriffen kam oder ob sich die beiden vielleicht sogar ganz friedlich ausgesprochen haben, kann ich ebenfalls nicht beurteilen. Aber das tut nichts zur Sache, weil diese Vorfall nicht das eigentliche Problem, sondern nur eine, wenn auch besonders unangenehme, Erscheinungsform dessen war. Auch eine dezidierte Subkultur wie die Punkszene ist durchsetzt von einer toxischen und aggressiven Männlichkeit, was sowohl der Werfer, Jora als auch ein Gros des Publikums demonstrierten.

Männlichkeit ist äußerst fragil und bedarf daher beständiger Selbstversicherung: Ein Mann muss beweisen, dass er ein Mann ist – also autonom, handlungsmächtig, unberührbar, eben der „Herr“ der Lage –, sonst ist er kein Mann mehr. Ein solcher Angriff, der selbstverständlich zu verurteilen ist, stellt diese männliche „Ehre“ in Frage, weil er aus dem Mann ein Opfer (nicht zufällig mittlerweile ein beliebtes Schimpfwort insbesondere unter männlichen Jugendlichen) macht. Um seine Männlichkeit wiederherzustellen, appelliert er an die Männlichkeit („die Eier“) des feigen Angreifers, es wie echte Männer zu klären: nämlich in einer direkten Konfrontation. Sobald der Angegriffene dem Angreifer nun eines in die „Fresse“ haut, ist beider Männlichkeit rehabilitiert: Das Opfer konnte zur Tat schreiten, also „Täter“ werden, und damit die Situation wieder beherrschen, dem Angreifer wird durch das stoische Ertragen der Gegengewalt (Eine Junge weint nicht!) seine unmännliche Feigheit verziehen und schon ist die Männerwelt wieder heile – bis zur nächsten Kränkung.
Auffallend sind die Ähnlichkeiten zu einem Vorfall auf einem Konzert von Kollegah: Als ein auf die Bühne gebetener Fan nach der Brille des Rappers greift und damit dessen männliche Autonomie in Frage zu stellen droht, zögert dieser nicht lange und schlägt ihm mit der Faust ins Gesicht. Ordner müssen dazwischen gehen; das Publikum johlt. Auch wenn beide Vorfälle sich unterscheiden und keinesfalls gleichzusetzen sind, drückt sich in beiden jene aggressiv zu verteidigende Männlichkeit aus, die bei Kollegah nicht zufällig auch mit Sexismus, Homophobie, Antisemitismus und kruden Verschwörungstheorien verknüpft ist, wie an anderer Stelle herausgearbeitet wurde.

In den Liedern von Slime finden sich keine derartigen menschenfeindlichen Positionen; ein Großteil ihres musikalischen Schaffens richtet sich sogar explizit gegen Faschismus, Nationalismus und andere chauvinistischen Ideologien.
Eine Ausnahme bildet allerdings der Sexismus. Nach einer eher oberflächlichen und schnellen Durchsicht des mir seit vielen Jahren bekannten Werks der Band habe ich keinen einzigen Song entdeckt (ich würde mich über Hinweise freuen, wenn ich mich irre), der sich dezidiert kritisch mit dem Geschlechterverhältnis auseinander setzt. Natürlich gibt es keine Verpflichtung für Punkbands, bestimmte Themen zu beackern (auch wenn man bei den immergleichen Sujets einen anderen Eindruck erhalten mag). Aber bei einer Punkband, die eine radikale und weitreichende Gesellschaftskritik (gegen Nazis, Nationalismus, Kapitalismus, Krieg, Umweltverschmutzung, Gentrifizierung; kurzum beinahe alle typisch linken Themen) übt, macht diese Lücke stutzig. Nicht zuletzt weil Feministinnen seit Jahrzehnten darauf hinweisen, dass eine Gesellschaftskritik ohne eine Kritik des Geschlechterverhältnisses keine ist.
Bei Slime findet Geschlechtlichkeit aber höchstens im Nebensatz statt, wenn beispielsweise pubertäre Voyeur-Phantasien besungen (2) werden oder den „Discowichsern“, vielleicht nicht ohne einen gewissen Neid, angekreidet wird, dass die „Girls“ für sie zum „Ficken“ bereit ständen (3). Abgesehen von solchen Liedern, die sie wahrscheinlich sogar selbst als Jugendsünden abtun, spielen sie noch heute das Lied ACAB („All cops are bastards“), das abgesehen von seinem zutiefst plumpen Text mit „Bastard“ auf einem sexistisch und rassistisch konnotierten Schimpfwort basiert, weshalb diese populäre Parole innerhalb der linken Szene seit Jahren kritisiert wird. Was Slime allerdings offenbar unbeeindruckt lässt. Linke Selbstkritik ist nicht ihre Sache, denn – soviel sei vorweggenommen – Aktionismus und Zusammenhalt sind wichtiger. Fehler einzugestehen, bedeutet natürlich immer auch, an der Illusion des männlichen Genies zu kratzen. Dass das männliche Selbstbewusstsein ddurchaus eine solche Kränkung überstehen kann, bewies kürzlich die Terrorgruppe, die einen Song, in welchem sie Ernst August ironisch huldigte, nach weiteren Informationen über diesen massiv umschrieb.
Slime ist nicht die einzige Punkband, die bei aller Gesellschaftskritik, wenig zu Sexismus zu sagen hat oder diesen gar noch reproduziert. Dennoch gab und gibt es immer wieder gute Lieder zu diesem Thema. Erinnert sei an dieser Stelle an das Lied „R.t.b.a.m.“ von …But Alive, einer früheren Band des heutigen Kettcar Frontmanns Marcus Wiebusch, welches Slime durchaus bekannt sein dürfte, haben sie doch mit Wiebusch bei ihrem Song „Aufrecht gehen“ zusammengearbeitet. Im erstgenannten Song thematisiert Wiebusch sein Mann-sein (allein das ist schon bemerkenswert) als Resultat eines weitreichenden und zum größten Teil unbewusst ablaufenden Sozialisationsprozesses, dessen Reflexion die Voraussetzung dafür ist, diese aggressive Männlichkeit nicht mehr zu reproduzieren, nicht mehr „einer von ihnen“ zu sein. Hier der komplette Text:

„Ich fang gar nicht erst an, von wegen ich wäre anders, Die selben Effekte und Reaktionen.
Die Rolle artig gelernt – ohne eine Wahl -Und „Jungs weinen nicht“ und wenn doch, muß es lohnen.
Und nicht mal belogen, halt nur beigebogen, anständig erzogen.
Im Fußballverein, in der Raucherecke, auf der Discotoilette: Bringen sie’s dir bei.
Auf 20 Kanälen, in deinem Plattenschrank, auf deinem Bücherregal: Bringen sie’s dir bei.
Doch niemand erklärt dir den Unterschied zwischen Sexismus und Sexualität,
Und im Alter von 12 da hast du’s gelernt: Die erste Bravo – sonst bist du zu spät.
Und jetzt findest du für alles einen Grund – Damit es bleibt wie es ist
Für jeden Schwachsinn eine Rechtfertigung – Und du dann einer von ihnen bist.
Einer von ihnen bist.“

Man möchte diese Worte Slime ins Poesiealbum schreiben, denn gerade auf ihren frühen Veröffentlichungen, zelebrieren sie, kaum selbst dem Teenageralter entwachsen, die für die männliche Sozialisation bedeutenden Initiationsriten. Durch exzessiven Alkoholkonsum („Karlsquell“, „1,7 Promille Blues“), Gewalt („Bullenschweine“, „Streetfight“) und die aggressive Abgrenzung gegenüber andern Gruppen bzw. Männlichkeiten („D.i.s.c.o.“) wird stereotypes männliches Verhalten innerhalb einer Männergruppe eingeübt und gelernt. Nur durch fremd- und selbstschädigendes Verhalten kann der Junge zu einem wahren Mann heranreifen, der austeilen wie einstecken kann. Interessant ist der Vergleich mit der ersten Platte der Band Ton Steine Scherben (von welcher Slime auch mehrere Songs gecovert hat), da sie ganz ähnliche Probleme behandelt: Anders jedoch als bei Slime implizieren sie keine unbewusste Affirmation mit der herrschenden Männlichkeit, sondern eine bewusste Abgrenzung von dieser: „Ich will nicht werden was mein Vater ist“. In dem Lied „Warum geht es mir so dreckig?“ werden die Ursachen von Kränkung und Aggressionen ergründet und selbst in „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ richtet sich die Aggression nur gegen Objekte. Kurzum: Während Ton Steine Scherben in ihren frühen Songs den männlichen Sozialisationsprozess durchaus kritisieren, wird er von Slime stellenweise stark reproduziert und glorifiziert, obgleich es in ihrem Frühwerk natürlich auch interessante und gute Stücke wie „Deutschland“ gab.

Nun mag man einwenden, dass die behandelten Lieder aus den frühen Jahren der Band und der Musiker selbst waren und spätere Stücke gewiss nicht mehr so offen diese toxische Männlichkeit voraussetzen.
Daher möchte ich zurück zum Konzert und damit zur jüngsten Vergangenheit kommen, um diese Maskulinität nicht nur im Werk, sondern auch im aktuellen Verhalten zu verorten. Mehrmals hat der Sänger Jora mit seinen Händen das Halten und Schießen eines Gewehres imitiert. Einmal hielt er seine imaginäre Waffe sogar ins Publikum (in die Richtung des Becherwerfers) und drückte ab. Auf den ersten Blick scheinen sich Schusswaffen mit dem männlichen Ehrenkodex zu beißen und in der Tat galten Distanzwaffen im Mittelalter als unritterlich, weshalb u.a. noch heute die Schurken in mittelalterlichen Geschichten stets als hinterhältige Schützen dargestellt werden. Psychoanalytische Theoretiker haben dagegen wiederholt eine Verknüpfung von Schusswaffen und männlicher Aggression herausgearbeitet. (4) Ohne ins Detail gehen zu wollen, ist es leicht ersichtlich, dass Schusswaffen gerade jene männlichen Phantasien von der Distanz zum (zu beherrschenden) Objekt, von Autonomie und Allmacht, die sich in der Praxis immer wieder schmerzhaft als Illusionen entlarven müssen, zu einer ungeahnten Realität verhelfen können. Wer eine Schusswaffe trägt, vermag die zuvor unkontrollierbaren Anderen zu beherrschen und sogar über Leben und Tod entscheiden. Sie bedient die phallische Vorstellung von Unabhängigkeit und Macht ideal.

Die Interaktion mit dem Publikum war, insbesondere für ein Punkkonzert, eigenartig standardisiert: Es gab den obligatorischen Mitklatschsong mit vorangehender Animation durch die Band; um die Stimmung anzuheizen, wurden rhetorische Fragen gestellt („Wollt ihr noch was hören?“) und zum Schluss durfte das Publikum durch ritualisierte Zugabeforderungen die Band wieder auf die Bühne rufen. Als Kontrast kann eine Situation auf einem Fatoni-Konzert dienen: Sorgsam konditionierte der Rapper sein Publikum darauf, ihm jeden Unsinn nachzubrüllen, um schließlich mit dem Ausruf „Sieg Heil!“ zu enden, welches von einigen Zuhörern damals im Leipziger Conny Island ebenso reflexartig wiederholt wurde. Hier wurde mit drastischen Mitteln eine normierte und kritikwürdige Publikumsinteraktion wunderbar brüskiert.
Zurück zu Slime: Nach einem Lied skandierte das Publikum „Alerta, alerta Antifascista “. Ein Konzert von Slime, einer ausgewiesen antifaschistischen Band, ist wohl einer der wenigen Orte, bei dem Antifaschisten nicht in Alarmbereitschaft sein müssen und wo vielmehr an die Wachsamkeit von Antisexisten hätte erinnert werden sollen. Auch an dieser Stelle kann ein Gegenbeispiel wieder einen möglichen Umgang mit der Situation aufzeigen: Auf dem aktuellen Live-Album von die Ärzte kritisiert Farin Urlaub spontan das ebenso parolenrufendes Publikum: „So schön es ist, dass ihr hier ‚Nazis raus‘ brüllt; hier ist es nicht so richtig sinnvoll oder heldenhaft. Machts lieber da, wo sie sich ab und zu versammeln.“ Slime stößt den eigenen Fans natürlich nicht dergestalt vor den Kopf.
Hier geht es im Gegenteil immer wieder um Gruppenbildung und Zugehörigkeitsgefühle: „Du sagst früher waren wir tausende, jetzt denkst du du bist allein.“ aber: „Fünf Finger sind eine Faust“ und sowieso: „Let’s get united“. Soviel Aktionismus und Zusammenhalt ist aber nicht ohne den gewissen Hauch Antiintellektualismus zu machen: „Der rechte Mob steht in Bereitschaft / Für die Schlacht um die Nation / Aber wir sitzen noch im Plenum/ Bei der achten Diskussion / Obwohl wir eigentlich doch einig sind / Reiben wir uns auf an tausenden von Kleinigkeiten.“
In der Konkret wurden diese Tendenzen mit ziemlich harten Worten gescholten: „Hier wird nicht gedacht, hier feiert die Dumpfheit der Norm ein Festival der hohlen Parolen, von denen die meisten auf auf einem Pegida-Aufmarsch gegröhlt werden könnten. Wenn derart risiko- und phantasielose Wutbürgerei also links sein soll, dann nur als Kopie des irgendwie authentischernwirkenden rechten Originals.“ (Michael Sailer in: Konkret 10/2017) Ich schließe mich nur zum Teil der Kritik an. Denn dass die Parole den unbedingten Vorrang vor wirklicher Kritik erhält, ist in einem gewissen Maße sicherlich auch dem Medium Musik geschuldet. Wer sich ernsthaft mit einer kritischen Theorie der Gesellschaft befassen will, muss nun einmal Bücher lesen. Richtig bleibt auf jeden Fall, dass die Inhalte auf den kleinsten gemeinsamen Nenner heruntergebrochen werden, um ein klares Identitätangebot zu schaffen. Weder Album noch Konzert werfen irgendwelche Fragen auf oder stellen gar etwas dem Publikum liebgewonnenes in Frage. Noch das Slime-Lied, welches einer linken Selbstkritik am nächsten kommt, „Linke Spießer“, kennt nur die billige Gegenüberstellungen von spießigen Realos und den coolen Radikalinskis, bei der sich alle Anwesenden ganz bestimmt auf der richtigen Seite wissen. Einst war Punk der Inbegriff von Provokation, gestern präsentierte es sich als eindeutige Konsensveranstaltung. Man weiß genau was man bekommt: ein wohliges Zugehörigkeitsgefühl, die immergleichen Parolen und in diesem Fall auch ganz viel Akzeptanz für männliches Dominanzgebaren. Es ist daher kaum verwunderlich, dass Punk längst vom Rap als die zentrale Protestmusik abgelöst wurde. Bands oder Künstler wie die Antilopen Gang, Zugezogen Maskulin oder Prezident zeigen, dass es zwischen Parolengedresche und einem oberlehrerhaften Dozieren einen Weg gibt, Gesellschaftskritik auf eine lyrische, kluge und humorvolle Art zu transportieren. Ich verweise an dieser Stelle nur beispielhaft auf „Lebensmotto Tarnkappe“, „Der ewige Ikea“ oder „Häuserkampf“.

Diese aggressive Männlichkeit wurde gestern natürlich nicht nur auf der Bühne, sondern – und sogar in einem deutlich höheren Maße – im Publikum zu Schau gestellt. Auch wenn Pogo immer absolut männerdominiert ist, liegt ihm doch eine unausgesprochene Vereinbarung zugrunde, dass man zwar ruppig, aber dennoch solidarisch miteinander umgeht. Man schubst sich wild herum, hilft aber Gefallenen mit aller Selbstverständlichkeit direkt wieder auf. Dass ändert aber nichts daran, dass sich manch ein Konzertbesucher oder eine Konzertbesucherin dazu entschieden hat, das Konzert anders zu genießen. Es ist daher zutiefst rücksichtslos und beinahe übergriffig, wenn – wie ich es auch gestern wieder erlebt habe – betrunkene Männer sich von hinten in Richtung des Pogopulks buchstäblich hindurchkämpfen und dabei Leuten ihre Ellbogen in den Rücken rammen oder sie zur Seite schubsen als befänden sie sich schon in dem Raum der unausgesprochenen Pogo-Vereinbarung. Seit einiger Zeit sehe ich es auch häufiger auf Konzerten, dass tendenziell eher größere Männer die Vorderperson an beiden Schultern packen und sie wie einen Stuhl zur Seite schieben. Man könnte wahrscheinlich noch etliche weitere Beispiele von Sexismus und männlichem Dominanzverhalten auflisten.

Gerade in der Masse tendiert der Einzelne zur Regression wie es Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ herausarbeitete: „Die Masse ist impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom Unbewußten geleitet. […] Sie hat das Gefühl der Allmacht, für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen. Die Masse ist außerordentlich beeinflußbar und leichtgläubig, sie ist kritiklos, das Unwahrscheinliche existiert für sie nicht. Sie denkt in Bildern, die einander assoziativ hervorrufen, wie sie sich beim Einzelnen in Zuständen des freien Phantasierens einstellen, und die von keiner verständigen Instanz an der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit gemessen werden. Die Gefühle der Masse sind stets sehr einfach und sehr überschwenglich. Die Masse kennt also weder Zweifel noch Ungewißheit. Sie geht sofort zum Äußersten, der ausgesprochene Verdacht wandelt sich bei ihr sogleich in unumstößliche Gewißheit, ein Keim von Antipathie wird zum wilden Haß.“ Dieser Rückschritt d.h. die Wiederbelebung des Verdrängten, kann, sofern sie im gegenseitigen Vertrauen geschieht, ein erfüllendes und befreiendes Erlebnis sein. Unter dem Vorzeichen latenter oder manifester Aggression stellt er aber eine immense Gefahr dar, weswegen es unverantwortlich war, das Publikum gegen den Becherwerfer aufzustacheln.

All diese mal kleinen, mal großen Demonstrationen von toxischer Männlichkeit schaffen eine generell aggressive Stimmung, die nichts mit berechtigter Wut auf gesellschaftliche Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse zu tun hat, sondern diese, im Glauben sie zu kritisieren, teilweise reproduzieren. Vielleicht mag es ungerecht erscheinen, dass dieses umfassende Problem, welches wahrscheinlich bei anderen Bands/ in anderen Bereichen noch viel stärker zutage tritt, ausschließlich bei Slime aufgezeigt wurde. Aber gerade einer Band, die sich stets als radikal und kritisch gebärdet, muss gründlicher auf den Zahn gefühlt werden. Und da bleibt ein ernüchterndes Ergebnis: Punk ist nicht mehr sehr viel, aber vor allem eines noch: Männersache.

P.S.: Einige meiner besten Freunde sind Männer

(1) So hätte Jora beispielsweise kurz in sich gehen können, sich mit einem Bandmitglied über den Vorfall austauschen können und schließlich den Werfer dazu auffordern können, dass man sich nach dem Konzert am Merchstand (oder sonstwo) trifft und er sich entschuldigt.

(2) „All those mucky things, I would see them all
She walks around in a flimsy little nighty
And when she takes that nighty off, oh gosh, oh lord how mighty“ („I wish I was auf“: Slime 1)

(3) Samstag Nacht – Discozeit / Girls girls girls zum Ficken bereit („D.i.s.c.o.“ auf: Slime 1)

(4) Die männliche Potenz zum Töten und zum Zeugen werden immer wieder in soldatischen Zusammenhängen analogisiert, wie beispielsweise in einem us-amerikanischen Lied: „Hab Kanone und Schießeisen. Das eine macht Kinder. Das andere Waisen.“ Psychoanalytisch wurde aber auch auf darüber hinausgehende Zusammenhänge hingewiesen. So einerseits, inwiefern einige Männer ihren Penis als Waffe imaginieren und einsetzten oder andererseits, inwiefern die Waffe beim militärischen Drill bewusst erotisiert wurde, um die Kampfbereitschaft zu stärken. Mehr dazu bei Theweleit (Männerphantasien) oder Pohl (Feindbild Frau).

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