Coco – Lebendiger als das Leben! – Eine ideologiekritische Betrachtung

Märchenstunde
Dass die Disneyfilme seit jeher eine durch und durch konservative Moral lehren, verrät schon die Vorliebe des Konzerns für Märchen. Prinzessinnen und Könige wohin man nur sieht. Vordergründig wird wenig von bürgerlichen und umso lieber von aristokratischen Konflikten erzählt. Aber das täuscht. Insbesondere die Brüder Grimm kanonisierten nicht nur fleißig die zuvor größtenteils mündlich überlieferten Sagen und Mären, sondern gestalteten sie auch inhaltlich um, sodass sie eine moralische Funktion in der bürgerlichen Erziehung erhielten: „Wie einst die Menschen auf ihre Subjektivität verzichteten zugunsten des Einen, des Königs, der stellvertretend für sie alle lebt, so lernen die Kinder im Märchen beizeiten, auf ihre Subjekivität zu verzichten zugunsten des inneren Königs, der dann später das Ichideal heißt. Abgeschnitten von sich selber, von ihren wirklichen Phantasien und Nöten, lernen die Kinder, sich in den vorgeschrieben Bahnen der sozialen Spielregeln zu bewegen.“, so Elisabeth Lenk in „Die unbewusste Gesellschaft“ (S. 64) So sicher zu Beginn des Märchens die Ordnung erschüttert wird, so sicher wird sie zum Ende wieder hergestellt, indem die rein Guten, die sich mit der herrschenden Moral identifizieren, triumphieren und die rein Bösen bestraft, wenn nicht gar vernichtet werden. So wurden insbesondere die Grimmschen Märchen zu einem Verhaltenskodex der bürgerlichen Gesellschaft, der jene Moral nicht nur konserviert, sondern sie als ursprünglich und quasi-natürlich präsentiert.

Familienideologie I
Dreh- und Angelpunkt dieser konservativen Moral ist die Institution Familie, als ihr Inbegriff und ihre Vermittlungsinstanz. Daher ist sie eines der Hauptmotive in den Filmen des Disneykonzerns. Andauernd geht es darum, die Familie zusammenzuhalten, zusammenzuführen usw. Der neue Film der zu Disney gehörenden Pixarstudios treibt diese Ideologie, welche gerne als „familienfreundliche Unterhaltung“ banalisiert wird, auf die Spitze. Protagonist ist der zwölfjährige Junge Miguel, dessen großer Traum Musik zu machen von seiner Familie verhindert und aktiv bekämpft (in einer Szene zerstört seine Großmutter voller Zorn seine Gitarre) wird, weil seine Ururgroßmutter einst von einem Musiker verlassen wurde. Stattdessen soll er sich der Familientradition fügen und Schuhmacher werden. Diese Prämisse, so konstruiert und unglaubwürdig sie doch ist, verwundert zunächst positiv, zeigt sie doch die Enge und Gewalt der Familienbande disneyuntypisch ist aller Deutlichkeit und Drastik. Als Miguel schließlich herauszufinden glaubt, dass jener aus dem Stammbaum gestrichene und aggressiv verdrängte Ururgroßvater sein großes musikalische Vorbild Ernesto de la Cruz ist, macht er sich auf, nun vielmehr in diese Fußspuren zu treten und an einem Musikwettbewerb teilzunehmen. Kurz darauf gelangt er ins Reich der Toten, trifft dort sämtliche verstorbenen Verwandten mit Ausnahme des Ururopas, dessen Suche die zentrale Handlung darstellt. Nachdem er selbstverständlich gefunden wurde, entpuppt sich der Star rasch als Mörder des eigentlichen Familienmitglieds: Miguels Ururopa schrieb Ernesto de la Cruz einst seine großen Hits. Als er allerdings zu seiner Familien zurückkehren wollte, vergiftete de la Cruz ihn und eignet sich sein komplettes Werk an. Die Familie erfährt nun die wahre Geschichte, der Ururopa wird aufgrund seiner Bereitschaft, seine Musik für die Familie wieder aufzugeben, rehabilitiert und jener zuvor verdrängte und verachtete Teil in die Familientradition reintegriert, indem am Ende erstmals, in typischem Disneykitsch im Hause gesungen und selbiges ganz ökonomisch direkt in ein Museum des eigentlichen Musikers umgewandelt wird.

Familienideologie II
Was anfangs als ein begründeter Ausbruch aus der beschränkten und beschränkenden Familienbande inszeniert wird, entlarvt sich durch einige Wendungen als kritiklose und eindimensionale Restitution der Familie. In dutzende Variationen, betonen die einzelnen Figuren immer wieder, dass die Familie das wichtigste, das erste usw. sei. Perfide ist diese brachiale Familienideologie, weil sie Brüche und Entwicklungen vorgaukelt, die aber nie stattfinden. Die Rebellion Miguels, wendet sich nicht gegen die autoritäre Institution Familie, sondern lediglich gegen die spezifische Inkonsequenz seiner Familie, d.h. die Nichtanerkennung der durch den Ururgroßvater begründeten musikalischen Tradition. Daher zeigt das Ende auch keine geläuterte Familie, die nun offen dafür ist, Neues in den familiären Zusammenhang zu integrieren, sondern den Triumph des Konservatismus: Das Neue kann immer nur das wiederentdeckte Alte sein. Wirklich Neues kann, besser: darf es nicht geben. Bestimmend ist das Vergangene, die Tradition, die es mit aller Macht zu konservieren gilt. Wer es auch nur wagt, seine Gedanken auf die Zukunft, auf das Mögliche oder das Neue zu richten, der missachtet nicht nur seine Tradition, was die strafenden Autoritäten der Gegenwart auf den Plan ruft, sondern der tötet die Toten ein weiteres Mal – ein zentrales Motiv des Films, denn sobald man sie vergisst, lösen sie sich auch im Reich der Toten auf. Selbstverständlich ist es notwendig, die Vergangenheit kritisch zu reflektieren, um die aus ihr resultierende Gegenwart begreifen und die Zukunft aktiv gestalten zu können. Beides ist dem Film aber zutiefst fremd. Der Bezug auf die Vergangenheit ist nicht kritisch-reflektierend, sondern geistlos-fetischisierend wird sie zu einer (un)heimlichen Macht, die die Gegenwart und Zukunft bestimmt und der sich der Einzelne schließlich willfährig zu fügen habe. Das Wohl der (familiären) Gemeinschaft ist stets dem individuellen Glück übergeordnet oder in den Worten der Familienideologie ausgedrückt: das wahre Glück findet man nur in der Familie.

Mexiko
Ein Rezensent in der FAZ sieht in dem Film eine „Liebeserklärung an Mexiko, wie es sie aus Hollywood bislang noch nicht gegeben hat“. Wie so oft richtet sich die Liebe aber nicht auf die Wirklichkeit, sondern auf die idealisierte Vorstellung des Liebesobjekts. Das vom Film transportierte Bild der mexikanischen Kultur ist daher vor allem: Mariachi Musik, Sombreros, ein bisschen Lucha Libre und natürlich ganz viel Ayayay. Kaum eine Szene geizt mit sattsam bekannten Stereotypen und Klischees, die man aus sämtlichen kuturindustriellen Darstellungen Mexikos zur Genüge kennt. Dennoch oder vielmehr gerade deswegen ist der Film in Mexiko der bisher erfolgreichste Kinofilm. Der Bevölkerung eines Landes, in dem der seit den 1980er Jahren wütende Neoliberalismus die Produktion und den Handel von Drogen nicht nur duldete, sondern durch strikte neoliberale Politik die verarmenden Massen zunehmend in diese Schattenwirtschaft trieb, sodass sich die Drogenkartelle zu einer derartigen Macht mauserten, die „faktisch keine Grenzen zwischen staatlichen Institutionen und der organisierten Kriminalität“ (Gerd Bedzent: Zusammenbruch der Peripherie S. 123) mehr kennt und das folglich im allgemeinen Bewusstsein als nichts anders als jener Drogensumpf, vor dem es sich in Trumpscher Manier bestmöglich zu schützen gilt, wahrgenommen wird, ist ein solches Konzentrat immerhin positiv-bewerteter Klischees vermutlich eine Art Hoffnungsschimmer auf die Rückkehr in die in diesen Bildern konservierte imaginäre Vergangenheit.

Politik
Aber der Film ist nur vordergründig frei von gegenwärtigen politischen Konflikten. Denn das Reich der Toten wird durch ein rigides und repressives Grenzregime vom Reich der Lebenden geschieden. Nur einmal im Jahr, am Tag der Toten, ist es den Einwohnern des Totenreichs gestattet, als eine Art Geist die Lebenden zu besuchen. Voraussetzung dafür ist, dass die noch lebenden Angehörigen durch das Aufstellen eines Bildes des Verstorbenen ihm diese Ausreisegenehmigung verschaffen, was mithilfe von Personenscannern an den Grenzübergängen überprüft wird. Wer nicht dazu legitimiert ist, kann die magische Brücke auch erst gar nicht passieren und wird dennoch mit Gewalt von Beamten hinter die Grenze zurückgebracht. Es sind all jene, die sich nicht der Familienideologie gefügt haben oder sonst wie ausgeschert sind und deshalb von den Angehörigen mit Missachtung gestraft wurden. Dieses hochpolitische Thema – man denke an die Grenzziehung der USA gegen die Mexikaner – wird im Film äußerst problematisch, weil vollkommen unkritisch dargestellt. Weder der Film, der an jeder Ecke das Zusammenführen von Familien propagiert, noch die handelnden Figuren stellen diese repressive Grenzpolitik in Frage. Einzig eine Figur versucht sich aufgrund seiner fehlenden Ausreisegenehmigung durchzumogeln, ohne dabei aber auch nur im Ansatz diese Institution kritisch zu betrachten. Immer wieder schafft Disney solche fragwürdigen Bilder. In „Alles steht Kopf“ wird die menschliche Psyche in eine Art Fabrik verwandelt, in der die Emotionen die kleinen, alles leitenden Arbeiter sind. Was wie eine kindgerechte Visualisierung komplexer Vorgänge erscheint, vermittelt eine ganz bestimmte Vorstellung vom Menschen: als eine rein gefühlsgeleitete, willenlose Maschine. Ähnlich werden in „Coco“ die metaphysischen Vorstellungen von einem Reich der Toten und dem magischen Übergang zu den Lebenden als riesige Überwachungsinstitution interpretiert, die ganz im Sinne der von Foucault analysierten Disziplinarmacht funktioniert: Durch eine umfassende Strukturierung des Raums werden die Individuen eingeschlossen, aufgeteilt und hierarchisiert, um sie bestmöglich kontrollieren zu können. Diese repressive, die Bewegungsfreiheit massiv einschränkende Ordnung durch eine staatsähnliche Institution wird dem Publikum als unhinterfragbare Normalität präsentiert und somit wird die herrschende Realität von Staatsgrenzen und Abschottungspolitik ideologisch reproduziert. Natürlich ist der Film kein bewusster Propagandastreifen, sondern vielmehr das Resultat notwendig falschen Bewusstseins: Solange die herrschende Realität nicht Gegenstand kritischer Reflexion wird, ist es kaum verwunderlich, dass sich im künstlerischen Schaffen unbewusst Elemente und Strukturen dieser Wirklichkeit widerspiegeln. Und das macht den Film auf eine weitere Weise perfide: Im Gewand kunterbunter Bilder und einer rührseligen, vermeintlich zeitlosen und unpolitischen Geschichte werden äußerst kritikwürdige Ideen über familiäre und politische Ordnungen transportiert. Damit reiht sich der Film bruchlos in Disneys Märchenwelt ein: Hier lernen (nicht nur) Kinder, „sich in den vorgeschrieben Bahnen der sozialen Spielregeln zu bewegen“. Neu ist einzig, dass nun auch mexikanische Folklore dafür herhalten muss.

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