Spiderman Homecoming – eine ideologiekritische Betrachtung

Das postmoderne Kino kennt nichts Orginäres mehr, nur noch das ewige Zitat, die Interpretation verweist, wie Foucault, der Betvater der Postmoderne einmal schrieb, auf keine interpretationsbedürftige Materie mehr und darum sind ihm die Superheldenverfilmungen das liebste Kind: die immergleichen archaischen Konflikte zwischen quasi-mythologischen Halbgöttern. Und so schafft es Spiderman innerhalb von 15 Jahren zum zweiten Reboot. Aber seitdem hat sich die Kinolandschaft gewandelt. Fristeten Superheldenfilme lange Zeit ihr Dasein als belächelte Nerdfilme, die bestenfalls B-Movie-Qualität aufwiesen, haben insbesondere die Marvel Studios (unter der Ägide von Disney, wo nun ja auch Star Wars gedeihen darf) sich der filmischen Fließbandproduktion verschrieben und erdrücken den Kinozuschauer mindestens zweimal jährlich mit hundert Millionen Dollar Produktionen, von denen sich viel zu viele in die Liste der erfolgreichsten Filme (gemäß Einspielergebnis) drängeln. Der Superheld hat sich im Kino zu einer leider nicht mehr wegzudenkenden Institution gemausert. Diese Institutionalisierung drückt sich auch in Spiderman Homecoming aus: Die Superhelden sind kaum noch was Aufsehenerregendes. Man kennt sie von Youtube, sie geben Presskonferenzen, die Zentrale der Avangers erinnert an einen globalen Konzern vom Schlage Apple oder Google. Und bei diesem Unternehmen will Spiderman, hier als nervtötender Teenager gezeichnet, unbedingt arbeiten. Leider wird ihm diese Anerkennung bisher verwehrt und er verharrt, so prägend für seine Generation, im ewigen Praktikantenstatus. Also macht er sich eigenständig auf die Socken, um seine Leistungsbereitschaft zu demonstrieren bzw. seinen Lebenslauf aufzufrischen.
Erscheint sein Handeln vordergründig durch seinen Sinn nach Recht und Ordnung motiviert, steckt dahinter doch stets der Drang, bei den großen Superhelden mitmischen zu dürfen. Jegliches Handeln Spidermans in diesem Film ist nur Teil seiner Bewerbung für den Superheldenkonzern; der Kampf gegen das Böse ein umfassendes Assessment-Center, das seine Leistungsfähigkeit überprüfen soll. So wird Spiderman zum idealen postfordistischen Subjekt, das, flexibel und belastbar, sich mit Haut und Haaren dem Kapital andient.
Die Propagandierung eines High-Tech-Kapitalismus drückt sich insbesondere im allseits präsenten Technikfetisch aus. Andauernd quasselt Peter Parker mit seinem hochmodernen Multifunktionsanzug, der etliche Interaktion mit der Außenwelt in virtuelle Berechnungen verbannt. Seine Überforderung gereicht dabei höchstens einmal zu einer plumpen Slapstickeinlage. Überhaupt ist der bemühte Humor und die auf Entwaffnung der Kritiker zielende Selbstironie nur schwer zu ertragen. Kaum eine Szene vergeht, ohne dass Spiderman sie mit einem „coolen“ Spruch kommentiert. Natürlich sollen auch Comedy-Fans auf ihre Kosten kommen. Spiderman soll ein Film für jedermann sein. Ein „action movie for the whole family“ wie Arnold Schwarzenegger einmal sagte. Passend dazu schreibt sich der Film das diversity management, eine Sternstunde des flexiblen Kapitalismus, auf die Fahnen: Wieso Differenz ausgrenzen, wenn man sie auch ausbeuten kann? Seine afroamerikanische Angebetete Liz und sein philippinischstämmiger Freund Ned sind dabei nichts weiter als charakterlose Klischeefiguren: die schöne Frau und der pummelig-witzige Sidekick.
Aber einen Verlierer kennt der postfordistische Kapitalismus dann doch noch: den weißen Industriearbeiter aus der Mittelschicht. Sein Niedergang darf daher gleich den Film eröffnen: Während Adrian Toomes gerade hart arbeitend den Müll der Avangers beseitigt, erfährt er, dass sein Job wegrationalisiert wird. In seiner Wut auf die „Reichen und Mächtigen“ beginnt er nun aus den dort gefundenen Alienartefakten irgendwelche Superwaffen zu bauen, schnallt sich Metallflügel um und wird so zum Superbösewicht, der es allen mal so richtig zeigen will. Ein Gefühl, das vor allem Trumpanhänger, Männerrechtsbewegte und AfD-Wähler kennen. Während gerade die erste Filmreihe ihre Antagonisten gewissermaßen aus einer Dialektik von wissenschaftlichem Fort- und Rückschritt entwickelte (der grüne Kobold oder Doc Ock) und so auch immer eine direkte Verbindung zum wissenschaftlich-gebildeten und -interessierten Peter Parker schlug, wurde die Neuinterpretation in ihrem eindimensionalen Technikfetischismus um diese spannende Dimension erleichtert und versieht seinen Gegner mit jenen schnöden Motiven.
Insgesamt wurde der Film um die zentrale Widersprüchlichkeit gebracht, die Spiderman stets auszeichnete: Der Konflikt zwischen dem privaten Glück und der sozialen, nicht frei gewählten Verantwortung Peter Parkers. Überspitzt gesagt kennt er keines von beiden mehr. Im postmodernen Subjekt verschwimmen die Grenzen von Lust und Arbeit bis zur Unkenntlichkeit miteinander. Dem neuen Spiderman ist es die größte vorstellbare Lust, im Superheldenkonzern zu schuften. Natürlich ist damit kein Happy End zu machen und so wird am Ende doch noch das kleinbürgerliche Herz erweicht: Spiderman lehnt den langersehnten Job ab und widmet sich in Bürgerwehrmanier wieder den Kleinkriminellen – vorerst, Fortsetzung folgt, folgt, folgt…
Unter der Fassade quasi-mythologischer Konflikte, bekommt man also ganz (post)moderne Ideologie serviert. Dieser Umstand macht solche Filme nicht nur zu schlechten, sondern auch zu perfiden. Sie vereinen zwei der schrecklichsten Momente des aktuellen Kinos: die Wiederholung des Ewiggleichen mit der reflexionslosen Wiedergabe des herrschenden Zeitgeistes.

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