Männlichkeit, Gewalt und Projektion (lange Version)

Anlässlich des heutigen internationalen Tags gegen Gewalt gegen Frauen (One billion rising) habe ich meinen Artikel über „Männlichkeit, Gewalt und Projektion“ grundlegend überarbeitet und massiv theoretisch erweitert. Mein damaliger Ausgangspunkt war die problematische öffentliche Diskussion über die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht. Der rechtspopulistische Tenor war eindeutig: Männer aus „arabischen“ kulturellen Kontexten „importieren“ eine neue sexuelle Gewalt in die westlichen Gesellschaften. Die linke Gegenreaktion: Das ist falsch, denn beispielsweise am Oktoberfest sehe man, dass es auch im Westen eine rape culture gebe. In dieser Debatte blieb meines Erachtens das Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt unterbelichtet bzw. verkam zur bloßen Phrase. Daher möchte ich an dieser Stelle grundlegende Gedanken formulieren, die ich bisher in dieser Form noch nicht wiedergefunden habe.
Wenn es eine eindeutige definierbare Tätergruppe gibt, die sexuelle Gewalt ausübt, dann sind es Männer. Je nach Studie leiden 33 -37% der Frauen weltweit mindestens einmal unter männlicher Gewalt. Sicherlich gibt es auch Frauen, die Gewalt ausüben, aber das Ausmaß steht in keinem „vergleichbaren Verhältnis zur männlichen (physischen) Gewaltausübung und vor allem fehlt die (fast) ausschließlich bei Männern vorhandene Verknüpfung mit eindeutig sexuellen Motiven“, so der Psychoanalytiker Rolf Pohl in seiner umfangreichen Studie „Feindbild Frau. Männliche Sexualität, Gewalt und die Abwehr des Weiblichen.“ Dieses Ausmaß berechtigt daher zur Annahme, dass es eine fließende Grenze zwischen „normaler“ und „pathologisch-gewalttätiger“ männlicher Geschlechtsidentität gebe, die Täter also „ganz normale Männer“ seien.
Wie ist dieses Ausmaß theoretisch zu erklären und worin wurzelt der sich in dieser Gewalt ausdrückende Hass auf Frauen? Nach Pohl (alle weiteren nicht ausgewiesenen Zitate beziehen sich auf das genannte Buch) unterliege die menschliche Sexualität einer ambivalenten Konstitution: Eine wichtige Erkenntnis Freuds ist, dass Trieb und Objekt nicht apriorisch miteinander verlötet sind, sondern die Richtung der Objektbezüge gesellschaftlich bestimmt wird. Zwangsheterosexualität (aber ebenso Zwangshomosexualität) ist ein Sozialisationsprodukt. Erst im Laufe der psychosexuellen Entwicklung wird die freie Beweglichkeit der Libido zu einem gebundenen Zustand. Dies geschehe im Sinne von Freuds Anlehnungsthese: Die Sexualität und die Objektbindung resultieren aus der Selbsterhaltung. In diesem Sinne wird die nährende Mutterbrust das erste Sexualobjekt des Kindes. Und diese Objektbindungen unterliegen von Beginn an „einer Spaltung der affektiven Einstellungen in Zuneigung und Feindseligkeit […]. Beide zielen auf die Herstellung und Beeinflussung einer Realität, die dem Kind die Reproduktion einer als lustvoll erfahrenen Wahrnehmung erlaubt oder verwehrt.“ D.h. Liebe und Hass sind zumeist auf das gleiche Objekt gerichtet. Denn das Ich liebt nicht nur das Objekt, das Lust erzeugt, sondern kann es ebenso hassen, weil es Lust versagt und zugleich den Objekthunger weckt. Damit schaffen sowohl Befriedigung als auch Versagung eine Abhängigkeit vom Objekt. Dieses Sexualitätsdilemma ist zunächst geschlechtsneutral und lässt daher die Frage aufkommen, warum diese allgemeine Ambivalenz sich in einem solchen Ausmaß im männlichen Hass auf das weibliche, begehrte Objekt ausdrückt (ich bleibe hier im psychoanalytitischen Duktus, weil er eine Realität, in denen Frauen real objektifiziert werden und sich aber auch häufig mit dieser Rolle identifizieren, treffend wiedergibt).
Pohl vertritt die These, dass diese Legierung von Sexualität und Aggression mit dem Genitalprimat, der Transformation des Penis zum Phallus verbunden ist. Der kleine Junge beginne, durch die „autoerotischen Erfahrungen befördert, im Penis den narzißtisch besetzten Brennpunkt seines eigenen Begehrens und seiner Aufmerksamkeit zu lieben und nährt damit seine unbewußte Illusion, im Besitz eines kontrollierbaren Instruments zur erwünschten Triebabfuhr zu sein.“ Der Penis hat einen eigenen Wert und scheint die Ablösung von der Mutter und die Setzung als eigenes Subjekt zu erleichtern. Diese narzisstische Besetzung des Penis durch die Autoerotik lädt ihn zum Phallus auf, die männliche Sexualität wird „penifiziert und phallokratisiert“. Der Phallus repräsentiert sowohl die Separierung von der Mutter als auch die männliche Potenz. „Die grandiose Phantasie des Phallus liegt darin, daß er sein anderes nicht braucht“ (Raewyn Conell). Damit basiert die Errichtung des Phallus und damit die männliche Geschlechtsidentität auf dem Ausschluss (und der Abwertung) des Weiblichen mit dem Ziel der absoluten Autonomie. Zugleich drängt der Penis auf das neu wahrgenommene (mütterliche) Sexualobjekt. Daher gibt die Verdopplung in Penis und Phallus den Widersprüchen und Dilemmata einen kulturellen Ausdruck, aber verschärft sie zugleich: „in ihrer phallischen Gestalt bedarf die männliche Sexualität keine(n) ‚andere(n)‘, in ihrer genitalen Lustdimension dagegen um so mehr.“ So transformiert sich das Sexualitätsdilemma in ein geschlechterspezifisches Männlichkeitsdilemma. Der Phallus nährt die Illusion der vollkommenen Autonomie von der weiblichen Welt, die der Penis zugleich als gefährlichen Schein entlarvt, da Lust und Befriedigung vom (weiblichen) Objekt abhängen. Allen patriarchalen Kulturen ist nun gemein, diese Illusion als zentrale Leitidee der (hegemonialen) Männlichkeit zu setzen. So könne von gewissen kulturübergreifenden „Universalien der männlichen Erfahrung“ ausgegangen werden. Mannwerdung erfolgt durch Initiationsriten gemäß folgendem „Grundschema: nach einer radikalen, häufig gewaltsamen Trennung von der weiblichen Welt, werden die Initianden komplizierten, mythologisch begründeten, symbolischen und realen Inszenierungen und Prüfungen unterworfen, um alle Spuren des Weiblichen aus Geist und Körper auszutreiben“. Die für das Männlichkeitskonzept zentrale Autonomie wird gewonnen, indem alles, was auf Endlichkeit, Abhängigkeit, Passivität, Leiblichkeit, kurz: das mit dem Weiblichen verknüpfte, was als Bedrohung wahrgenommen wird, abgespalten wird.“ An unzähligen Beispielen lässt sich die Abspaltung und Ausgrenzung des Weiblichen aufzeigen: Während Frauen sich beispielsweise mittlerweile fast alle männlichen Kleidungsstücke angeeignet haben – selbst den phallischen Strick um den Hals, die Krawatte –, ist es noch immer verpönt, wenn Männer „weibliche“ Kleidung tragen. Ähnlich dienen die Überraschungseier für Mädchen, wie Antje Schrupp bemerkte, dazu, dass Jungen nicht die Gefahr laufen, mit „Mädchenspielzeug“ konfrontiert zu werden. Es ließe sich wohl endlos weiterführen. Damit wird auch deutlich, dass der Prozess „keine naturgegebene Entwicklungskonstante, sondern das Ergebnis einer mehrschichtigen Überlagerung der psychosexuellen Reifungsvorgänge mit den Reproduktionserfordernissen einer männlich-hegemonialen Kultur und ihren körperlichen Einschreibungsprozessen.“ Eben sowenig liegt er in der Anatomie begründet, sondern diese wird von den genannten gesellschaftlichen Anforderungen besetzt. Vielmehr führt die Phallokratisierung des Genitals zu einer Verarmung sämtlicher anderer körperlicher Vorgänge. Die männliche Sexualität wird dabei zu einem „sexualphysiologischen Automatismus“ transformiert. Um die Gefahren der sich in der Sexualität ausdrückenden Abhängigkeit möglichst abzuwehren, wird der Geschlechtsakt auf das Rein-Raus-Spiel, wie es so treffend in Clockwork Orange heißt, reduziert. Sexualität wird zu einer reinen, dem Anschein nach quasi-instinkthaften, Reaktion auf einen äußerlichen Reiz. In dieser Logik gilt dann nicht selten das Opfer sexueller Gewalt als (mit)schuldig, weil es den Täter durch seine Reize provoziert habe (victim blaming). Aber auch gegen die Männer selbst richtet sich dieses Bild des Sexuellen, wenn, vor allem von konservativer Seite, Männern unterstellt wird, dass sie quasi-instinkthaft zur Pädophilie neigten, sobald sie als Kinderpfleger oder Väter dem Kind nahe sind.
Eine andere Form der Abwehr vermeintlich gefährlicher Abhängigkeit ist die Dehumanisierung von Frauen: Nach Pohl vollzieht sie sich in zwei Schritten. Zuerst werden Frauen depersonalisiert; sie werden zum Objekt der sexuellen Phantasien. Darauf folgt eine reale oder imaginäre Fragmentierung des weiblichen Körpers: Er wird auf ausgewählte Körperöffnungen reduziert, die beherrsch- und penetrierbar sind (ein überaus hässliches, aber treffendes Beispiel ist dieses Lied) Die Verherrlichung der männlichen Autonomie geht damit mit der Unterwerfung der Frauen zusammen, die immer wieder schmerzhaft daran erinnern, dass es sich um eine fast wahnhafte Illusion handelt: Die „Herabsetzung und Erniedrigung der Frauen [ist] konstitutiver Bestandteil der (brüchigen) männlichen Identität und keineswegs nur eine temporäre, auf die Dauer der Initiation begrenzte Zwischenphase […]. Die erneute Hinwendung zu den Frauen bleibt […] auch nach der Initiation weiterhin zutiefst ambivalent, von Verachtung und (Angst-)Lust geprägt. Unzählige Äußerungsformen sexueller Gewalt (auch in westlichen Gesellschaften) bestätigen diese Beobachtung dauerhafter feindseliger Einstellungen gegenüber Weiblichkeit in den vorherrschenden Typen männlicher Subjektkonstitution.“ Wenn der Trieb schon nicht kontrollierbar ist, so soll es doch das begehrte Objekt sein, indem es objektifiziert, gedemütigt und unterworfen wird. Es wird versucht, das Objekt des Triebes unter Kontrolle zu bringen, um ihm die Macht zu nehmen, etwas im Manne auszulösen, was er nicht kontrollieren kann (Begehren, Erektion) und ihm damit die illusionäre Autonomie vor Augen führt. Körperliche Übergriffe und Vergewaltigungen sind in diesem Sinne Versuche, das Sexualitäts- und das Männlichkeitsdilemma aggressiv und gewalttätig am Objekt auszuagieren. Deswegen kritisiert Pohl auch vehement die Annahme, dass diese Gewalt keinen sexuellen Charakter besitzt, sondern es sich um sexualisierte Gewalt handle. Diese mittlerweile allgemeingültige Position und Sprachreglung tilge all die oben benannten Widersprüche aus der Sexualität und erkläre die Gewalt damit zu etwas äußerlichem.
Pohl betont insbesondere, dass dieser brüchigen Männlichkeit eine „paranoide Abwehr-Kampf-Haltung“ zugehört, d.h, dass das Objekt angegriffen werden muss, um der Bedrohung, die vermeintlich von ihm ausgeht, zuvorzukommen. Und so begründen männliche Gewalttäter ihre (nicht nur gegen Frauen gerichteten) Taten häufig als Notwehr. Man wolle der „eigenen Zerstörung durch die Zerstörung des Angsterregenden zuvorzukommen“. Wenn schon der Trieb, der sie in diese Abhängigkeit zwingt, nicht zerstört werden kann, so muss die Destruktion an den Objekten ansetzen, um die ersehnte Triebruhe zu erreichen. Indem versucht wird, Spannungen durch die Zerstörung von Triebbindungen abzubauen, kann man nach Pohl von einer „Affinität von Männlichkeit und dem Prinzip des Todestriebs“ sprechen. Bei nicht wenigen männlichen Gewaltverbrechen geht die Zerstörung des Objekts auch mit der Zerstörung des Triebs in Form der Selbsttötung einher, die im Grunde nur die letzte Konsequenz dieser Destruktivität darstellt. Man denke nur an sogenannte Selbstmordattentäter. Aber auch Amokläufe enden häufig mit dem Suizid des Täters. Nachweislich misogyne Motive gab es dabei bei den Amokläufen von Winnenden oder von Kalifornien. Oder man denke an die sogenannten und damit verharmlosten „Familientragödien“, bei denen ein ‚ganz normaler Familienvater‘ seine Frau (und seine Kinder) und dann sich selbst erschießt. Hinzu kommt eine deutlich höhere Suizidrate bei Männern.
Männliche Gewalt richtet sich aber nicht nur gegen Frauen, sondern auch, und sogar in der Mehrheit, gegen andere Männer. Dies beginnt mit den zu dieser Sozialisation gehörenden und natürlich über diese hinausgehenden Konflikten und ‚Raufereien‘ zwischen Jungen und Männern, die durch ihre desolate Geschlechtsidentität sich ständig aufs Neue beweisen müssen, dass sie ‚echte Männer‘ sind, also Anteil an der hegemonialen Männlichkeit haben. Neben diesem im Prinzip gesellschaftlich akzeptierten Konkurrenzgehabe, welches nur noch bei übermäßiger Gewalt sanktioniert wird, richten sich Männer vor allem gegen marginalisierte Männlichkeiten, insbesondere gegen schwule Männer. Gerade in der Pubertät, wenn Trieb und Objekt noch nicht allzu fest verlötet sind, schleichen sich auch bei heterosexuellen Jugendlichen homoerotische Neigungen ein, die eine neue Bedrohung darstellen, denn sie zeigen auf, dass nicht nur die Abhängigkeit vom Objekt droht, sondern man auch selbst zum Objekt werden kann. Der Schwule ist der verweiblichte Mann, der nicht (nur) penetriert, sondern sich penetrieren lässt und damit zum Lustobjekt wird. Homophobie ist daher in erster Linie eine Abwehr imaginierter Verweiblichung. Bezeichnend und entlarvend ist, dass gerade Männer sich, unter expliziten Ausschluss von Frauen, zu Bünden zusammenschließen. Dies kann als eine unbewusste Neuwendung homoerotischer Spannungen verstanden werden, die sich gerade wegen dieser Aufladung, explizit von der Homosexualität distanzieren muss. So kann homophile Körperlichkeit ausgelebt und Schwule können zugleich verachtet werden.
Kurzum: die männliche Gewalt gegen Frauen und andere Männer basiert auf einer wahnhaften Autonomievorstellungen, die schon in der psychosexuellen Subjektkonstitution wurzelt und gerade wegen ihres illusionären Charakters ständig bereit für den Präventivschlag sein muss, damit diese brüchige Identität nicht als solche zu Bewusstsein kommt. Der misogyne Antisemit Otto Weininger brachte es affirmativ auf den Punkt: „Der Haß gegen die Frauen ist immer nur noch nicht überwundener Haß gegen die eigene Sexualität“. Daher rührt letztlich auch die Aufspaltung der Weiblichkeitsvorstellungen in die Heilige und die Hure. Auf der einen Seite die vergötterte und entsexualisierte heilige Mutter – die Mutter Maria und ihr Wunder der unbefleckten Empfängnis. Und auf der anderen Seite die dämonisierte, lüsternde Hure, die den Mann und seine Autonomie (vaginal) zu verschlingen droht. Ganz aktuell sind die kulturellen Codes auch im Gangsta-Rap vorzufinden, der nur die eigene Mutter, deren Ehre über alles steht, und die ‚bitches‘ kennt, die mit Gewalt gezüchtigt gehören.
Wenn dieser Hass auf und Gewaltbereitschaft gegen Frauen so tief in der Struktur herrschender Männlichkeit wurzelt, warum muss diese Realität, die sich durchaus als rape culture beschreiben lässt, so intensiv verdrängt und verleugnet werden? Während die Abwehr und Entwertung alles Weiblichen konstitutiv in das männliche Subjekt eingeht, sind in dieser Gesellschaft Frauen mittlerweile formal als freie und gleiche Subjekte anerkannt worden (was nicht bedeutet, dass es de facto noch unzählige Ungleichheiten und Unfreiheiten für Frauen gibt). Daher müssen diese Regungen des männlichen Subjekts allerdings strikt abgewehrt werden. Eine naheliegende Möglichkeit, diese Triebregungen zu übertragen oder zu verlagern, ist es, sie auf andere Personen, Objekte oder eben Menschengruppe zu projizieren und sie an dieser zu bekämpfen: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen.“ (Freud) Und genau dies fand in der Debatte um die Geschehnisse in der Kölner Silvesternacht statt: Die omnipräsente sexuelle Gewalt gegen Frauen, die insbesondere in der Aufschrei-Debatte von Männern (aber auch von einigen Frauen) kleingeredet wurde, bis hin zur Verleugnung in Form des victim blamings, kann nun an einer anderen Gruppe ausagiert werden. Dies bedeutet keinesfalls das Kleinreden der Geschehnisse, sondern erklärt lediglich die unterschiedliche Wahrnehmung.
Gerne wurde in der Debatte auch betont, dass das Zusammenfinden zum gewalttätigen Mob (obwohl gemäß der Polizei eine solche bewusste Kollektivbildung überhaupt nicht stattgefunden hat) ein „Import“ aus einer anderen Kultur sei. An dieser Stelle muss man sich fragen, welcher ungeheuren Leistungen es bedarf, derart die Realität zu leugnen, um nicht wahrnehmen zu müssen, dass seit Monaten wieder aggressiv der deutsche Mob in einer ganz ähnlichen Motorik gegen Asylbewerber hetzt, sie angreift, ihre Wohnung attackiert und offen auf sie Jagd macht. Auch hierbei handelt es sich wieder um ein fast ausschließlich männliches Kollektiv, welches physische Gewalt gegen jene als Fremde imaginierten Menschen ausübt. Aus den vorangegangenen Erläuterungen haben wir gelernt, dass Jungen und Männer qua ihrer Subjektkonstitution eher zu einer Ausgrenzung des „Fremden“ neigen, um ihre eigene Identität zu wahren. Auch wenn dieser Hass keinesfalls monokausal auf psychische Strukturen zurückgeführt werden sollte, bildet doch die „aus tiefen Ängsten vor Sexualität und Weiblichkeit entspringende Frauenverachtung […] gleichsam den Prototyp und das Vorbild für die nach außen gelenkte Feinderklärung, -verfolgung und -vernichtung“, gemäß Pohl.
Der Hass großer Teile der bundesdeutschen Gesellschaft auf die Asylsuchenden, der sich dann in männlicher Gewalt materialisiert, speist sich insbesondere (natürlich nicht nur) aus eigenen sozialen (Abstiegs)-Ängsten: „Die bekommen, was uns zusteht“. Vollkommen abstrus werden Asylbewerberheime als Luxusunterkünfte imaginiert und Falschnachrichten von vermeintlich riesigen Geldbeträgen oder gar kostenlosen Bordellbesuchen, die Asylbewerber erhalten, machen eine große Runde. Das Feindobjekt muss dabei dem Feindbild nicht entsprechen, sondern es kann flexibel daran angepasst werden: So wird mal die sogenannte Armutsmigration gegeißelt oder eben der vermeintliche Reichtum, wenn Flüchtlinge über „Luxusgüter“ wie Handys verfügen. Man dreht und wendet es, wie es gerade passt, denn es geht einzig darum, die Anderen zu bekämpfen und alles kann diesen Wahn bestätigen. Diese Karte belegt die Vielzahl der paranoiden Gerüchte um Flüchtlinge. Sachliche Argumente, Fakten und Widerlegungen sind dabei nutzlos (mehr dazu: hier), denn der nach außen gelenkte Hass schützt davor, das eigene geliebte Kollektiv, welches einem aber die immensen Versagungen aufzwingt (Stichwort: Hartz 4), und damit die eigene Identität angreifen zu müssen. In der aktuellen Debatte wirken diese beiden projektiven Abwehrmechanismen unheilvoll zusammen, bestätigen sich gegenseitig und schaukeln sich aneinander hoch.
Die hier angestellten Überlegungen nötigen Männer natürlich dazu, dahin zu gehen wo es weh tut; sich zu fragen, inwieweit die eigene Subjektkonstitution sie zur Gewalt zwar nicht determiniert, aber sehr wohl prädestiniert. Darum werden sie ebenso abgewehrt werden müssen. Aber es bleibt mit Freud zu hoffen:

Wir mögen noch so oft betonen, der menschliche Intellekt sei kraftlos im Vergleich zum menschlichen Triebleben, und recht damit haben. Aber es ist doch etwas Besonderes um diese Schwäche; die Stimme des Intellekts ist leise, aber sie ruht nicht, ehe sie sich Gehör geschafft hat. Am Ende, nach unzählig oft wiederholten Abweisungen, findet sie es doch.

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