Sieben Jahre

Vor 7 Jahren hat das Projekt halbstark begonnen. Ein Viertel meines Lebens hat es mich damit begleitet. Aus diesem Anlass möchte ich ein wenig sentimental werden und ein paar meiner eigenen Lieblinge wieder in Erinnerung rufen, aber auch die Entwicklung des Blogs und meine eigene poetische Krise reflektieren.
Begonnen hat alles mit dem damaligen Plan, tagespolitischen Themen lyrisch und satirisch zu kommentieren. Lange Zeit war dieser Gedanke auch das Hauptaugenmerk dieses Blogs. Mein absoluter Liebling aus diesem Konzept ist nach wie vor mein „Nachruf auf Michael Jackson“. Noch in der Nacht als ich in der Sendung Domian von seinem Tod erfahren habe, floss mir dies Gedicht aus der Feder und sollte sich in den nächsten Wochen eins zu eins bewahrheiten. Ein anderes Gedicht aus den Anfängen, „der Felsen“, viel damals noch ein wenig aus dem Schema. Es war weniger konkret als die anderen, aber es hatte eine Leitmetapher und abgesehen vom eigenartigen Versfuß mag ich es heute noch gerne. Auch das war so ein spontaner Einfall, den ich mir im Prinzip im Vorbeigehen notiert hatte. Ich erinnere mich noch sehr gut daran.
Mit der Zeit wurden meine Gedichte zunehmend politischer und direkter. Es waren weniger satirische Kommentare als klare Positionierungen. Dennoch habe ich weiterhin versucht, mich mit Humor den Dingen zu nähern, denn zu einem dichtenden Politiker wollte ich ganz bestimmt nie werden. Ein paar schöne Beispiele sind „Der Faktor Mensch – Ein Klagelied“ oder natürlich das „Kampflied der Anarchisten“, welches ich auch heute noch gerne spiele. Viele Anarchisten fanden diese Selbstironie übrigens überhaupt nicht witzig. Ich dagegen denke weiterhin, dass sie den Kritikern eher den Wind aus den Segeln nimmt, denn diese Überspitzung zeigt doch, wie bescheuert solche Klischees eigentlich sind. Besonders wichtig war mir immer, neben der Kritik der Arbeit, die Religionskritik: Mein persönlicher Liebling ist dabei sogar recht spät entstanden: „Die Zukunft einer Illusion
In etwa diesem Zeitraum entstand auch „Menschen wie sie jeder kennt“ und dieses Gedicht hielt ich eine ganze Weile für mein bestes. Im Grunde ist es eine typische Anklage der Angepassten, also gar nicht so einfallsreich. Aber ich mag Reim, Rhythmus und vor allem die Pointe. Letztere war mir überhaupt immer sehr wichtig und viele Gedichte basieren im Grunde auf einer Pointe. Eines meiner Lieblingsbeispiele ist da die „Aristokratische Ironie“, meine wohl längste Ballade.
Dass ich nicht nur Dichter, sondern auch Student bin, sollte auch an meinen Gedichten nicht vorübergehen und so entstanden verschiedene Werke, die mal mehr oder weniger direkt Bezug nahmen auf Theorien oder Ideen, auf die ich in meiner wissenschaftlichen Lektüre gestoßen bin. Meine beiden Lieblinge sind dabei „Die letzte Kränkung“, insbesondere die ersten Verse mag ich sehr und sollten stilistisch sehr prägend werden, und „Von großen und kleinen Männern“, welches fast schon eine Art Lehrgedicht ist. Aber auf eine humorvolle Weise. Dieses fast wissenschaftliche Herangehen sollte sich alsbald als Damoklesschwert herausstellen.
Vor kurzem habe ich das tiefromantische „Blume am Wegesrand“ für mich wiederentdeckt. Aus mir unersichtlichen Gründen war es mir komplett entfallen, dabei ist es doch so wunderbar weltverklärend. Zu meiner Verteidigung: natürlich habe ich auch eine Art Gegenentwurf geschrieben, der bitterbösen Spott über die romantische Weltentrückung ausgießt: Die „Romantische Szene bei fröstelnder Mondnacht“. Ein Gedicht, das leider kaum Beachtung erfahren hat.
Ich bin absolut kein Freund von Personenkult oder auch nur vom Gedanken an „Vorbildern“. Trotzdem hatte ich bei Erich Mühsam, dessen fast unbrechbare Renitenz ich sehr bewundernswert finde, das Bedürfnis, ihm ein eigenes Gedicht zu schreiben („Für Erich Mühsam“), welches auch als eine Art Mikrobiographie gelesen werden kann. Inspiration fand ich dazu übrigens bei dem Gedicht „Lessing“ von Erich Kästner.
Bald wichen die politischen Gedichte zunehmend den melancholischen. Das war auch ein Stück Absicht. Mittlerweile erschienen mir einige der frühen Werke doch recht plump. Manche wirkten gar wie ein reines Instrument um eine politische Aussage zu treffen, fern jeder Poesie. Anstatt weiterhin das Politisch-allgemeine direkt beim Namen zu nennen, versuchte ich nun vom Besonderen auszugehen und in ihm das repressive Allgemeine indirekt zu fassen. Und auf diesem Weg sind viele tolle Gedichte entstanden: „Der Tropfen“, „Mann in der Grube“, „Die andere Seite“, „Stille Post“ oder „Ein Besuch“. Letzteres behandelt eine sehr persönliche Erfahrung, aber eine Erfahrung, die wohl viele Menschen machen mussten, denn ich bekam zu ihm einige Male die Rückmeldung, dass es sehr berührt habe. Es ist mittlerweile das Gedicht, was ich immer zuerst nenne, wenn ich auf halbstark aufmerksam machen möchte.
Doch schon vorher kam es zu einer Krise. Das Gedicht „recherche du temps perdu“ stellte für mich persönlich einen Höhe- aber auch einen Wendepunkt dar. Mit ihm erschien mir fast alles gesagt. Die Schmetterlingsstrophe gehört noch immer zu meinen mir liebsten Versen. Was sollte noch kommen? Von da an habe ich nur noch sehr unregelmäßig und selten veröffentlicht. Heute kann ich die Ursache für diesen Bruch genauer bestimmen: Durch das Studium hat der wissenschaftliche Zugang zu Welt eine immer größere Rolle in meinem Leben eingenommen und Schritt für Schritt hat er den poetischen Weltzugang verdrängt und fast verdorren lassen. Nach dieser Erkenntnis begann eine Zeit, in welcher ich die Poesie langsam zurückzugewinnen versuchte, denn es ist doch der so viel schönere und erfüllendere Zugang zur Welt. „Der grauenhafte Blick ins Ich“ stellt daher auch eine Art Selbstkritik dar und ist nicht zufällig das erste Gedicht, welches auf diesem Blog ohne Reim und Versfuß auskommt (obwohl ich schon immer auch formlos geschrieben habe).
Zumindest zum Teil habe ich die Poesie wiederfinden können. Und so ist meine „Bolle“-Paraphrase entstanden, die ich gerne singe. Aber auch der „Versuch über das Glück“ oder jüngst die „Kritik des Pferdes“, mit der ich meine vor Jahren begonnene Trilogie zur Kritik der Nutztiere endlich abgeschlossen habe, entstanden.
Und so muss ich resümieren: Die Wissenschaft ist, wie Wittgensteins Leiter, wegzustoßen, sobald sie erklommen ist. Wenn alles gesagt, bleibt, sich dem Unsagbaren zuzuwenden: der Poesie.

Die Poesie wiederzufinden kann dasselbe sein, wie die Revolution aufs neue zu erfinden. (Situationistische Internationale)

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