Kritik des Pferdes

Ich gehe gerne mal bei Zeiten
auf einen Hof zum Ponyreiten.
Prompt wird sich zu dem Pferd bequemt,
Bewegung ist mir nun verfemt.
Ich throne stolz auf seinem Rücken
und lock‘ das Vieh mit Zuckerstücken.
Da sprech‘ ich klug zum dummen Gaul:
„Hier oben sitz’ ich träg‘ und faul,
genieße all das Pittoreske:
die Landschaft Kunst, der Himmel Freske.
Die Schönheit dieser Welt berührt
mich tief und du du wirst geführt:
Nach meinem Willen musst du trappen;
dein Blick verstellt durch Augenklappen.
Ich bin der Herr und du der Knecht.
Man zwang dich nieder, es ist Recht.“
Da dringt ein Schnaufen aus den Nüstern,
aus tiefer Stille kommt ein Flüstern:
„Es ist beachtlich“ sprach der Hengst
„was du, du Mensch, so lauthals denkst.
In euren kleinen Menschenköpfen
regiert die Kunst, doch herrscht das Schröpfen.
Jedoch, mein Herr, sei dir gewiss,
dass das noch nicht das Ende is‘.
Du hast mich nötig, denn ich trage
all deine Lasten ohne Frage.
So bleibst du schwach und ich werd‘ stark
und irgendwann schon kommt der Tag,
An welchem meine großen Mühen
in neuem Glanze werden blühen.
Dann werf ich dich von deinem Thron:
und galoppier befreit davon.“

Anmerkung:
Der Abschluss meiner drei großen Kritiken.
Kritik der Kuh
Kritik des Schafes

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4 Antworten auf „Kritik des Pferdes“


  1. 1 earendil 12. November 2015 um 1:00 Uhr

    Ein würdiger Abschluss dieser kritisch-poetischen Trilogie, danke dafür.

    Na gut, man könnte fragen, ob – ganz unpoetisch gesagt – die Arbeit die Proleten wirklich dafür stärkt, ihre Herren abzuwerfen, oder bemerken, dass vor „Nüstern“ ein „die“ für die korrekte Metrik fehlt. Aber schön bleiben die drei Fabeln trotzdem.

  2. 2 Emil 12. November 2015 um 1:40 Uhr

    Den Fehler habe ich korrigiert. Danke für den Hinweis. Aber: welche Proleten? Hier gehts um Ponys!

  3. 3 earendil 12. November 2015 um 21:31 Uhr

    Na wenn du meinst, du Tierrechtler…

  4. 4 Emil 12. November 2015 um 23:39 Uhr

    Um noch mal ernsthaft zu antworten: Ich denke auch, dass es nicht sinnvoll ist, die Herr-Knecht-Dialektik auf das Klassenverhältnis zu übertragen. In etlichen Gedichten habe ich ja auch dargelegt, dass ich Arbeit keinesfalls für den Standpunkt der Kritik oder gar der Revolution halte. Das Thema aller drei Gedichte ist der Perspektivenwechsel, durch den eine intellektuelle Selbstgefälligkeit vorgeführt werden soll. Am besten bringt das natürlich das Pferd auf den Punkt, wenn es sagt: „In euren kleinen Menschenköpfen, regiert die Kunst doch herrscht das Schröpfen“ Und dazu eignete sich die Herr-Knecht-Dialektik natürlich wunderbar. Die Tiere dienen dann auch eher als Symbol für eine Position, die das lyrische Ich nicht auf Augenhöhe anerkennt.

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