Gedanken zum roten Album von Tocotronic

Als Tocotronic ihr neues Album ankündigten, welches sich der Liebe widmet, war ich skeptisch, weil ich nach dem Großentwurf ihres letzen Albums „Wie wir leben wollen“, welchen sie übrigens selbst als „größenwahnsinnig“ bezeichneten, einen privatistischen Gegenentwurf befürchtete, der nicht davon gefeit sei, einem sentimentalen Liebeskitsch zu verfallen. Glücklicherweise irrte ich mich. Auf dem Album gebe es, wie sie selbst in einem Interview sagten, „keine Lovesongs, sondern Songs zum Thema Liebe“. Auch wenn sich immer wieder Romantizismen finden lassen: Die Liebe ist ihnen, anders als in so vielen anderen Stoffen, nicht einfach das abstrakte Gegenteil einer lieblosen Welt, ein eskapistisches Verschanzen in der romantischen Bastion, sondern stets ein Einspruch gegen diese verhärtete Realität, der diese Engegensetzung in Bewegung bringt. Das Glück, welches diese Liebe verheißt, ist die Aufhebung der schmerzhaften Trennung von Subjekt und Objekt, der Zerfall der harten Grenzen und der Verdinglichung, das Sich-Wiederanschmiegen: „Ich öffne mich / Öffne mich gänzlich für dich / Wir fliehen zu zweit / Aus den Kerkern der Zeit“ (Ich öffne mich) Das Ich löst sich aus seiner Verhärtung, gibt sich dem Anderen hin und will sich den objektiven Strukturen entwinden, die auf ihm lasten. Es kann das, weil es sich an einen Zustand erinnert, indem die alles beherrschende Formleere noch nicht galt: die frühste Kindheit. „Man kann den Erwachsenen nicht trauen / Ihr Haar ist schütter / Ihre Hosen sind es auch […] Denn sie sind grauenvoll/ Wir wollen in unseren Zimmer liegen/ Und knutschen, bis wir müde sind […] Wir sind Babys / Sie verstehen uns nicht“ (Die Erwachsenen). Nicht die Welt an sich, sondern das, was die Erwachsenen in ihrer Lebennot aus ihr gemacht haben, versagt uns beständig das lustvolle Glück der Hingabe, schafft die scheinbar unüberwindbare Kluft. Aber es muss eine künstliche, gewaltvolle bleiben, denn „Wir sind uns fremd / doch gibt es nichts / was uns trennt / Wir haben nie gelebt / Doch sind wir / miteinander verklebt“ (Haft). Es sind Hymnen an das Verzärtelte, das Zerbrechliche, das Nichtidentische, welche den Einspruch gegen diese Realität ausmalen: „Du bist aus Zucker, du bist zart/ Du schmilzt dahin, du wirst nicht hart“( Zucker) oder „Und die monströse Kuppel / Zerbirst in tausend Farben / Check dich mit mir ein / Kannst du mich befreien?“ (Rebel Boy). In dieser Hingabe und Selbstvergessenheit muss das Zweckmäßige auf der Strecke bleiben:„Pädagogisch wertlos / war das Erlebnis / dieser Nacht“ (Diese Nacht). Rot aber symbolisiert nicht nur die Liebe, sondern steht seit jeher für das Aufbegehren gegen eine lieblose Welt voller Zurichtungen und Zumutungen, die jedem Glück noch das tragische Bewusstsein seines alsbaldigen Verschwindens anheftet, denn ein befriedetes Dasein wird niemandem gegönnt. So findet auch die große Waffe gegen diesen unmenschlichen Zustand Einzug, die Solidarität: „Ihr […] / Die, ihr jede Hilfe braucht / unter Spießbürgern Spießruten lauft/ Von der Herde angestielt / Mit ihren Fratzen konfrontiert / Die ihr nicht mehr weiter wisst / Und jede Zuneigung vermisst / Die ihr vor dem Abriss steht / Ihr habt meine Solidarität“ (Solidarität). Wohl nicht zufällig erschien das Album am ersten Mai, der nicht nur als Tag der Arbeiterbewegung den Kristallisationpunkt dieses Protestes bildet, der erste Mai ist auch ein Feiertag und damit wurde zumindest ein Stück weit die Warenförmigkeit der Musik konterkariert, da man sie am Veröffentlichungstag in den Läden nicht kaufen konnte. Musikalisch wurde dem Album gelegentlich Langeweile attestierte. Stattdessen sollte man den Mut loben, dass sich nicht dem spektakulären Rock verschrieben wurde, der sich allzuoft in vermeintlich technischer Virtuosität erschöpft, aber voll und ganz seelenlos bleibt, sondern dass die musikalische Gestaltung eine Stimmung erzeugt und sich gefälligen Melodien verweigert.

Anmerkung:
Dass Album greift insgesamt viele Motive auf, die auch in meinen Gedichten eine bedeutsame Rolle spielen, so in „Recherche du temps perdu“, „Versuch über das Glück“, „Stille Post“ oder „Der grauenhafte Blick ins Ich“.

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