Faktenwissen versus Ideologiekritik

Ziel des kritischen Denkens ist die Erkundung der Möglichkeit einer Realisierung der Utopie, nicht die bloße Datenregistratur. Es arbeitet getrieben von dem Verdacht, daß es in der Welt mehr Fetische als Fakten gibt.
(Helmut Dahmer: Libido und Gesellschaft)

Derzeit wird in den verschiedenen sozialen Netzwerken von Linken begeistert das Ergebnis einer Studie des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) verbreitet. Das Fazit der Studie gemäß Spiegel online ist: „Demnach zahlte 2012 jeder in Deutschland lebende Ausländer durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhielt. Insgesamt sorgten die 6,6 Millionen Menschen ohne deutschen Pass so für ein Plus von 22 Milliarden Euro.“ Die deutsche Bevölkerung sieht das bisher allerdings anders: „im selben Jahr [waren] zwei Drittel der Deutschen überzeugt, dass Zuwanderung die Sozialsysteme belaste.“ (Deutschlandfunk) Hinter dem vermeintlich ökonomischen Kalkül des haushälterisch und statistisch hoch geschulten deutschen Stammtisches verbergen sich, wenig verwunderlich, nichts anders als xenophobe Ressentiments.
Als immanente Kritik ist das Ergebnis dieser Studie als Gegenargument natürlich zulässig. Empirisch unterfüttert belegt es, dass das Argument des ideellen deutschen Gesamtstammtisches falsch ist. Aber es tangiert in keiner Weise die Prämissen, die diesem Argument zugrunde liegen und in etwa lauten: Zuwanderung bzw. Menschen überhaupt sind nach ihrer Profitabilität zu bewerten. Wird diese Studie nun kommentarlos mit dem Gestus des „Ha! Ich habs doch immer gesagt“ verbreitet, gerät einzig das Argument in die Kritik, nicht aber seine Prämisse, Menschen danach zu beurteilen, ob sie schwarze oder rote Zahlen einbringen. Dies wird spätestens zum Einfallstor, wenn die nächste Studie belegt, dass „Zuwanderer“ doch mehr Kosten als sie einzahlen. Empirie kann immer nur einen Auszug der gesellschaftlichen Totalität fassen; eine andere Studie mag einen anderen Teil fokussieren und damit zu einem anderen Ergebnis kommen. Nicht umsonst gibt es Metastudien, Studien über verschiedene Studien zum selben Thema, die auswerten, wie viele zur Konklusion A bzw. B kommen (Faustregel: Es gibt für jeden Dreck mindestens eine Studie, die ihn rechtfertigt). Aber auch sonst kann man das Ergebnis natürlich interpretieren wie man mag, d.h. zwischen guten-ausgebildeten und schlechten-unausgebildeten Migranten differenzieren, denn, wie Spiegel Online die Studie zitiert, ginge es vor allem darum,“Flüchtlinge zunehmend als potenzielle ‚Leistungsträger für Deutschland‘“ zu sehen. Die Prämisse der Studie bleibt, Menschen nach ihrer Verwertbarkeit zu beurteilen und damit bleibt sie kompatibel mit einer rassistischen Flüchtlingspolitik, die „Einwanderung in die Sozialsysteme“ bekämpfen will, wonach Deutschland nicht die „soziale Reparaturwerkstatt Europas“ werden solle, wie Spiegel Online den CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer zitiert.
Ein weiteres Problem dieser Argumentation ist die implizite Annahme, Unmündigkeit resultiere aus mangelndem Wissen und könne daher qua Erarbeitung positiven Faktenwissens, d.h. Wissen, das mit den gesellschaftlichen Tatsachen im Einklang ist, behoben werden. Aber schon Ludwig Feuerbach zeigte, dass der Gläubige nicht etwa glaubt, weil er von den Priestern mit falschem Wissen hinters Licht geführt wird (Priestertrugstheorien), sondern weil der Glauben ein Bedürfnis befriedigt. Ebenso ist Menschenfeindlichkeit jeder Art nicht einfach Produkt des mangelhaften Wissens Einzelner (wie u.a. dieses Video zeigt). Der Irrationalität solcher Gedankenkonstrukte ist nicht positivistisch mit Rationalität beizukommen, weil ein intrinsisches Bedürfnis nach (irrationaler) Welterklärung besteht. Xenopobie bietet den unter versachlichten Herrschaftsverhältnissen leidenden kapitalistischen Subjekten ein einfaches Ventil: Das Tag um Tag real erfahrene Leid (Ausbeutung, Entfremdung, Leistungsdruck usw.) entspringt nicht strukturell der Gesellschaft, sondern wandert von außen personell ein. Die Abspaltung der Ursachen des Leids in ein Äußeres entlastet die Subjekte psychisch und stimmt sie mit der eigentlichen Ursache – mit den Verhältnissen, in denen sie zu leben gezwungen sind – harmonisch. In der Absicht, vom verrückten System nicht selber verrückt zu werden, rationalisieren sie das Bestehende auf eine destruktiv irrationale Weise, die nur Ausdruck ihre Verrücktgewordenseins ist (vergleiche hierzu meinen umfangreicheren Artikel „Destruktive Unmündigkeit“). Mit bloßen Fakten ist dem Ressentiment also nicht beizukommen. Im Gegenteil: Wer Gegen-Argumente formuliert, hebt diese herbei phantasierte Gefahr auf die Ebene des Diskutierbaren, erkennt diese wahnhaften Projektionen damit grundsätzlich an und lässt zumindest die Möglichkeit offen, es handle sich um eine reale Gefahr.
In Anschluss an die Feuerbachsche Religionskritik konstatierte Marx, was nötig sei, um ein falsches, weil die repressive Vergesellschaftung bestätigendes, Bedürfnis abzuschütteln: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ Nicht idealistische Bewusstwerdung, positivistisches Faktenwissen, sondern der Umsturz der materiellen Verhältnisse zerstört jene Ideologien, die die verkehrte Gesellschaft benötigt. Und so heißt es bei Marx wenige Seiten später: „Die Kritik der Religion endet mit der Lehre, daß der Mensch das höchste Wesen für den Menschen sei, also mit dem kategorischen Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.“

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