Destruktive Unmündigkeit. Gedanken zur negativen Verarbeitung kapitalistischer Zumutungen

Ist es so weit,
daß nicht einmal der Verbrecher seines Lebens sicher ist?
(Brecht: Über die Auswahl der Bestien)

Um den 6. März 2014 herum sorgt ein Video im Internet für Aufsehen: H. schlägt einem Hund mehrmals brutal auf die Maske, weil er ins Bett gemacht habe. Diese Szenen sind allerdings keineswegs soeben entstanden: Laut der Rhein-Zeitung (RZ) wurde der Täter für diese Tat bereits am 17. Februar angezeigt; die Polizei handelte noch am gleichen Tag und nahm ihm den Hund weg und brachte ihn für mehrere Tage in eine psychiatrische Einrichtung. Neben dieser unmittelbaren Intervention wurde auch ein Strafverfahren eingeleitet. Gemäß dem deutschen Tierschutzgesetz wird mit einer „Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer […] einem Wirbeltier a) aus Rohheit erhebliche Schmerzen oder Leiden oder b) länger anhaltende oder sich wiederholende erhebliche Schmerzen oder Leiden
zufügt.“
In Anbetracht, dass Tierquäler in der Vergangenheit oft zu Geldstrafen verurteilt wurden, begann laut RZ nach Bekanntwerden der Tat eine „lebhafte Diskussion über Tierquälerei“, deren Beiträge allerdings teilweise selbst „Straftatbestände“ erfüllen würden. Betrachtet man die Qualität der Reaktionen, kann diese Beschreibung nur als Verharmlosung begriffen werden. Auf facebook formierte sich rasch eine Gruppe, die nicht nur über Rechtliches diskutieren wollte, sondern ihrer Wut durch Forderung der Todesstrafe für H. ganz unverblümt Ausdruck verlieh. Wohlwissend, dass es in Deutschland die Todesstrafe nicht mehr gibt, musste man es wohl in die eigene Hand nehmen und veröffentlichte Name, Adresse und Telefonnummer des vermuteten Tierquälers (deshalb verlinke ich an dieser Stelle die entsprechende Gruppe nicht). Wer darin keinen Aufruf zur Lynchjustiz sehen kann, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen. Die Kommentare auf facebook und bei entsprechenden youtube Videos, die das Thema behandeln, geben meist noch unverhohlenere Gewaltphantasien preis:
„Ihn im Knast Denn Penis Abschneiden Dannach Ihn Töten“
Oder
„Einliefern?
Mit der vielleicht etwas klarheit in seinen Schädel bekommt???
Aber wahrscheinlich bringt das nix. Auf jeden fall lebenslang im Knast sitzen. Auf die folder spannen. Einfach das selbe mit ihm machen was er mit den extrem armen hundi gemacht hat!!! nur 10000x härter!“
Oder
„Todesstrafe ??? Oh nein mit dem sollte man alle saw Filme nach spielen“ (alle Fehler im Original)
Um nur drei Beispiele zu nennen.

Vereinzelte Kommentare weisen aber auch immer wieder daraufhin, dass es insbesondere jenen Tieren, die in der Fleischindustrie zu Lebensmitteln verarbeitet werden, wahrscheinlich noch schlechter geht als dem Hund, der in diesem Video geschlagen wurde. Zurecht bezeichnen sie diese Empörung daher als Doppelmoral.
Diese Kritik befindet sich aber auf der gleichen und damit auf der falschen Ebene. Wie jene Menschenjäger in spe rekurriert sie ausschließlich auf eine wie auch immer verstandene Moral; damit kann sie jedoch kein Verhalten erklären, sondern lediglich an das richtige Verhalten appellieren. Denn die Bedingung von Ethik ist die Freiheit des Handelns. Entscheidungen, die nicht frei gewählt wurden, sind weder moralisch noch unmoralisch, sondern jenseits von Moral, also amoralisch.
In der kapitalistischen Gesellschaft – deren Grundbewegung die ewige Wertverwertung ist, die als Geldvermehrung erscheint – ist das Handeln aber einzig insoweit frei, wie es der Akkumulation des Kapitals dient. Zwar zwingt kein Mensch einen anderen Menschen sein Leben als Arbeiter zu verdingen und Waren zu produzieren, da dies allerdings die einzige legitime Lebensweise ist, durch welche man die eigene Reproduktion sichern kann, nötigt dieser „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“ (Marx) den Menschen dieses kapitalistisch bestimmtes Handeln auf. Und dieses Handeln geht auf Kosten von Menschen und Natur. Erstere müssen ihre Lebenszeit als Arbeitszeit verausgaben und letztere muss beständig durch Arbeit in Waren verwandelt werden, damit durch deren Verkauf die Wertverwertung exekutiert werden kann. Dass diese Produkte menschliche Bedürfnisse befriedigen, ist bestenfalls ein Abfallprodukt. Güter werden nicht produziert, um Konsumenten glücklich zu machen, sondern um Kapital zu akkumulieren. Deswegen wird auch nicht direkt für die Konsumenten produziert, sondern für einen Markt, auf dem die einzelnen Warenbesitzer um den Verkauf ihrer Ware zu ringen haben. Ziel der Warenproduktion ist somit nur ein abstrakter Konsument: es geht darum, Bedürfnisse überhaupt zu befriedigen und nicht darum, konkrete Bedürfnisse konkreter Menschen zu befriedigen. Wäre dem so, müsste nicht über ein Drittel der produzierten Lebensmittel wieder vernichtet werden, weil sie keine Nachfrage gefunden haben. Die Menschen als Subjekt und Natur und Tiere als Objekt sind diesem Zwang der Verwertung innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft unterworfen, was nichts anderes als strukturelle Gewalt bedeutet. Der Mensch wird zum entsinnlichten Arbeitskraftbehälter, das Tier zur Ware. Indem das kapitalistische Subjekt aber Arbeiten muss, um durch Warenproduktion an der Warenkonsumtion teilhaben zu können (der Prozess, durch den sich die Verwertung vollzieht), begibt es sich in einen unausweichlichen, universellen Schuldzusammenhang. Jeder Warenproduzent und –konsument trägt seine Teilschuld an der gewaltvollen Kommodifizierung der Welt.
Die hoch gepriesene Freiheit des Warensubjekts ist also nicht weiter als verbrämte Unfreiheit. Die Befreiung aus den persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen des Feudalismus hat zwar die persönliche Unabhängigkeit geschaffen, allerdings auf Kosten einer sachlichen Abhängigkeit. D.h. die Ermächtigung des Subjekts ist paradoxerweise Bedingung für seine Entmächtigung. Was Karl Marx anhand der Gesellschaftsentwicklung zeigt, belegt Sigmund Freud an den drei großen narzisstischen Kränkungen der Menschheit durch Naturbeherrschung. Mit der Aufklärung über die Beschaffenheit der Natur durch Kopernikus, Darwin und Freud selbst schlug die Allmacht rasch in die Ohnmacht über, „nicht einmal mehr Herr im eigenen Haus zu sein“, wie Freud die narzisstische Kränkung durch seine Triebtheorie beschreibt.
Die bürgerliche Aufklärung reflektierte diese Widersprüchlichkeit einseitig zugunsten der Macht des Subjekts. Einzig weil der Mensch faul und feige sei, verbleibe er in Unmündigkeit, wie Kant es in seinem berühmten Aufsatz „Was ist Aufklärung?“ ausdrückt. Fortan verwurzelte sich in der aufgeklärten kapitalistischen Moderne (die aber eben nicht über ihre eigenen Bedingungen aufgeklärt war) jene Ideologie des mündigen und mächtigen Subjekts. Gewalt und Herrschaft sind keinem metaphysischen Wesen geschuldet, sondern im Subjekt zu verorten. Mit dem Kapitalismus entwickelte sich aber zugleich die Realmetaphysik der Verwertung, die dieser Ideologie bedurfte, wenn sie sie auch konterkarierte. Obwohl die Verhältnisse die Menschen in sachliche Unmündigkeit entließen, appellierten sie immer auch an die persönliche Mündigkeit (im Rahmen der Verwertung).
Nun kann zum eigentlichen Thema zurückgekommen werden und der merkwürdige Umstand erläutert werden, dass ein einzelner Tierquäler Hass, Zorn und Progromlust in den Massen entfacht, während sie gleichzeitig die universelle Qual von Mensch und Tier in dieser Gesellschaft entweder schulterzuckend hinnehmen oder komplett ignorieren. Weil sie selber Teil des allgemeinen, aus den versachlichten Verhältnissen sich ergebenden Schuldzusammenhangs sind, dem sie nicht entkommen können und der ihre Selbstverständnis als mündiges Subjekt dementiert, müssen sie die strukturelle Gewalt abspalten und auf einen einzelnen Tierquäler projizieren. Dass Millionen Tiere auf absolut fragwürdige Art gehalten werden, um sie möglichst effektiv in Waren zu verwandeln, ist dann kein Skandal mehr, sondern lediglich das emotionenweckende Internetvideo mit dem geschlagenen Hund. Nicht das System ist der Fehler, sondern das Subjekt, das als Personifizierung des destruktiven Systemlogik erscheint. In manächistischer Manier gilt es, das Gute zu ermöglichen, indem das Böse oder vielmehr der Böse physisch vernichtet wird. Er hat sich falsch verhalten und dadurch das Böse in die Gesellschaft getragen.
Jene, die diese Doppelmoral bemängeln, potenzieren diese Argumentation aber lediglich. Dann ist es nicht nur ein einzelner Tierquäler, sondern eben ein einzelnes Unternehmen oder eine Branche, die sich falsch verhält. Auch dort wird der Systemzwang, indem er ausgeblendet wird, blind reproduziert: siehe dazu meinen Artikel „Das System Kapitalismus“.
Spannend ist die Frage, warum gerade bei Gewalt gegen Tieren und gegen Kindern dem kapitalistischen Subjekt endgültig alle Birnen durchbrennen. Vielleicht erahnt es seine Verstrickung in den universellen Schuldzusammenhang und kann sich nicht mehr über die Gewalt empören, die seinesgleichen geschieht, weil ohnehin niemand frei von Schuld ist. Abgesehen von Kindern, die gemeinhin als fleischgewordene Unschuld imaginiert werden, und Tieren, die im emphatischen Sinne gar nicht Handeln und sich daher jenseits von Moral und Schuld bewegen. Nur die Gewalt, die sie trifft, trifft wirklich noch Unschuldige und kann der kalten Bürgerlichkeit so etwas wie Mitgefühl mit dem Opfer abringen, welches in der Konkurrenzgesellschaft aber nur als Vernichtung des Täters erscheinen kann.
Eine solche negative Verarbeitung der kapitalistischen Zumutungen, die für strukturelle Gewalt Sündenböcke sucht, hat Tradition. Vorallem Juden galten immer wieder als Konkretion der abstrakten Herrschaft des Kapitals. In Krisenzeiten, in denen die Gewalt zunehmend manifester wird, steigt zumeist das Bedürfnis, Menschen für die unhinterfragt akzeptierte Vergesellschaftung zu jagen und umzubringen. In manchen längst abgehängten Regionen der Welt steht das Pogrom längst wieder auf der Tagesordnung. Da der Kapitalismus aus seiner inneren Logik heraus zum Niedergang verdammt ist, ist Rosa Luxemburgs am Vorabend des ersten Weltkriegs aufgestelltes Diktum nach wie vor aktuell: Sozialismus oder Barbarei.

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