Die an der Kasse

Sie zieht die Ware übers Band:
„Fünf neunundneunzig bitte …“
Es geht mechanisch und rasant.
Wer merkte, wenn sie litte?

Sie zieht die Ware übers Band:
Der Reichtum der Gesellschaft
Geht jeden Tag durch ihre Hand,
Wobei er ihr kaum Geld schafft.

Sie zieht die Ware übers Band,
Die Qualität ist nichtig.
Es ist für sie der gleiche Tand -
Das Ziehen, das ist wichtig.

Sie zieht die Ware übers Band,
Das nennt sich dann „Verkäuferin“.
Gelegentlich empfängt sie Pfand
Von irgendeiner Säuferin.

Sie zieht die Ware übers Band:
Das scheinbar Triviale
Verpuppt im glänzenden Gewand
Das hinterrücks Brutale.

Sie zieht die Ware übers Band
Und monoton machts Piep.
Der Morsecode ist schnell erkannt:
„Gar niemand hat sich lieb.“

Sie zieht die Ware übers Band,
Ihr Blick stirbt beim Kassieren.
Vielleicht ein kleiner Widerstand,
Vielleicht ein Resignieren.

Sie zieht die Ware übers Band.

Anmerkung:
„Dem Individuum kann nicht dadurch geholfen werden, dass man es begießt wie eine Blume. Besser dient es dem Menschlichen, wenn die Menschen unverhüllt der Stellung inne werden, an die sie der Zwang der Verhältnisse band, als wenn man sie im Wahn bestärkt, sie seien dort Subjekte, wo sie im Innersten recht wohl wissen, dass sie sich fügen müssen. Nur wenn sie es ganz erkennen, können sie es ändern.“ (Adorno)

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • email
  • Tumblr

11 Antworten auf „Die an der Kasse“


  1. 1 David 08. Februar 2012 um 9:57 Uhr

    Leider viel zu wahr. Jeder der mal an der Kasse gearbeitet hat, wird dir zustimmen.

  2. 2 bettina 08. Februar 2012 um 18:55 Uhr

    da ist es ja endlich! :) wird es übergeben werden?

  3. 3 Emil 08. Februar 2012 um 20:05 Uhr

    Lieber David,
    ich selbst habe nie an der Kasse gearbeitet. Das Gedicht resultiert aus kritischer Beobachtung, Empathie und der Gewissheit, in der verkehrten Gesellschaft zu leben.

    Liebe Bettina,
    vielleicht wäre es gut, denn wie schon Marx schrieb:
    „Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche.“ Ist die Kette aber gegenwärtig abwerfbar? Oder entlässt die Kritik die Menschen nur in eine noch trostlosere Welt, wo der Schein gebrochen ist, ohne aber dass der Bruch mit dem Sein in Aussicht steht? „Es genügt nicht, daß der Gedanke zur Verwirklichung drängt“ so schreibt Marx weiter im Text, „die Wirklichkeit muß sich selbst zum Gedanken drängen.“ Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage, inwiefern es zu verantworten ist, den Menschen die Illusionen zu nehmen und sie dann ratlos zurückzulassen. Diese Ambivalenz ist in der „Enttäuschung“ wunderbar aufgehoben: Ist uns das Ende einer Täuschung theoretisch eine Besserung, so geht die Ent-Täuschung praktisch nur allzu oft mit Verbitterung einher.

  4. 4 David 09. Februar 2012 um 10:24 Uhr

    Wobei ich ganz ehrlich sein muss, dass es einen Unterschied gibt wo man kassiert. Bei Niedrig-Preis habe ich es einen ganzen Monat ausgehalten. Neben den miesen Arbeitsbedingungen hat man es da noch mit anderen Problemen, als denen die du beschreibst, zu tun: Den Kunden. Ist es richtig einem Kunden jeden Tag 3L Alkohol zu verkaufen? Ist das nicht eher total unverantwortlich? Beim Discounter habe ich mich eher um die Kundschaft gesorgt und die Frage gestellt ob es richtig ist, diesen Menschen weiter in ihren Abgrund zu treiben.

    Bei teureren Supermärkten (in meinem Fall EDEKA) ist es in der Tat so, dass du nach getaner Arbeit um die 6000€ in der Kasse hast und dein Tageslohn bei um die 50€ dümpelt. Falls man miese in der Kasse hast, musst die natürlich begleichen ;) . Also genau wie du beobachtet hast.

  5. 5 Emil 09. Februar 2012 um 12:38 Uhr

    Ich habe vor der Veröffentlichung noch zwei Strophen rausgestrichen, wovon eine lautet:

    „Sie zieht die Ware übers Band,
    Das nennt sich dann „Verkäuferin“.
    Gelegentlich empfängt sie Pfand
    Von irgendeiner Säuferin.“

    Mir gefiel sie wegen des Gender-Krams nicht so gut. Vielleicht nehm ich sie jetzt wieder mit rein. Ich werd mir nochmal darüber Gedanken machen.

  6. 6 Moritz 09. Februar 2012 um 18:10 Uhr

    Das liest sich ein bisschen wie eine modernisierte Neuauflage von Heines Webern. Find ich super, auch wenn das wahrscheinlich an deiner Intention haarscharf vorbeihielt ^

  7. 7 Emil 09. Februar 2012 um 20:08 Uhr

    Lieber Moritz,
    ich glaube, im Gegensatz zu den schlesischen Webern ist „die an der Kasse“ noch weit davon entfernt, die Verhältnisse zu verfluchen, geschweige denn dreifach! Aber der Anfangsvers „Im düstern Auge keine Thräne“ passt wirklich gut zu diesem Gedicht, wenngleich er dann eine andre Bedeutung erhält.
    Naja, ein Vergleich mit Heine ist nicht die schlechteste Kritik, denn wie schon Erich Mühsam wusste:
    „Der ist ein großer Schweinehund,
    dem je der Sinn für Heine schwund.“

  8. 8 Moritz 10. Februar 2012 um 10:56 Uhr

    Ja, der Kassiererin fehlt natürlich die unterschwellige, bedrohliche Vorahnung der Revolution. Aber das ist ja auch schon ein interessanter Unterschied: Sie findet offensichtlich die Produktionsverhältnisse derart naturalisiert vor, dass sie schon ihre eigene Natur verfluchen müsste, wenn sie auch es dem Weber gleichtun wollte.

  9. 9 realismusundtraum 18. Februar 2012 um 22:47 Uhr

    Klasse. Wirklich, gefällt mir sehr gut.
    Auch weil das Bild der Kassiererin so ungeschönt dargestellt wird.. wenn das Ungewollte, Schlechte zur Routine wird, erkennt man es irgendwann nicht mehr und nimmt es einfach hin.
    Die rausgestrichene Strophe finde ich gar nicht mal schlecht, aber sie fällt sprachlich auf. war das von dir so gewollt, dass diese Strophe so brachial ist? Denn das unterscheidet sie ja ziemlich vom Rest des Gedichts.

  10. 10 Emil 18. Februar 2012 um 23:34 Uhr

    Liebe_r realismusundtraum,

    ich habe nun unter das Gedicht ein Zitat von Theodor W. Adorno gesetzt, das meine Absicht noch ein wenig verdeutlicht. Außerdem habe ich die herausgestrichene Strophe nun ins Gedicht integriert.
    Wenn du mit „brachial“ die Formulierung „irgendeine Säuferin“ meinst, war es Absicht. Ich wollte damit zeigen, wie auch schon David in einem Kommentar schrieb, dass „die an der Kasse“ mit dem Schicksal des saufenden Menschen nichts zu tun hat. Sie begegnen sich zwar, vielleicht gar Tag um Tag, aber einzig als Tauschende.

  11. 11 realismusundtraum 19. Februar 2012 um 13:16 Uhr

    Lieber Emil,
    Ja,diese Forulierung meinte ich.Dachte mir, dass das wohl deine Absicht sein könnte.Nochmals: Respekt, eine Leserin mehr hast du :)

    Liebe Grüße,
    Realismusundtraum (w)

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


sieben × sieben =