Drei Jahre

„Und sind meine Worte sarkastisch und voll lauten Lachens – schaut unter die Maske, und ihr werdet den grimmen Ernst erkennen, der die Feder führt. Ob Anklagen oder Glossen, ob Peitschenhiebe oder Nadelstiche – jeder Satz soll ein Ringen sein nach Befreiung, ein Weckruf und ein Gelübde, daß ich’s nicht mehr schleppen will.“ (Erich Mühsam: Nolo)

Nachdem ich schon im letzten Dezember die ersten zwei Jahre habe Revue passieren lassen und ich diese Reflexion interessant und wichtig fand, möchte ich nun auch zum dritten Geburtstag von Halbstark wieder zurückblicken. Ein paar Gedichte erneut hervorrufen, die meiner Meinung nach zu Unrecht wenig Aufmerksamkeit erfahren haben, vielleicht einen roten Faden finden und letztlich schauen, wohin dieser in die Zukunft weist.
Wie schon in den Vorjahren bewegten sich meine Gedichte abermals zwischen Humor und Melancholie. Zu jenen, die eher das Lachen hervorriefen, gehörte zum Beispiel die „Der kommende Anstand“, meine Auseinandersetzung mit den Wutbürger_innen. Es hat mir eine Menge Spaß bereitet, das Gedicht zu schreiben und es kam auch gut an: Bis heute ist es das Gedicht mit den meisten Klicks. Daneben fällt mir direkt die „Kritik des Schafes“ ein, ein Versuch, das Alltägliche dem banalen Alltag zu entziehen und es so bewusst zu machen.
Die melancholisch traurigen Stücke behielten allerdings die Oberhand. War es in „Der Tropfen“ die Retrospektive, so in „Mann in der Grube“ die Furcht vor dem Zukünftigen und schließlich in „Die andere Seite“ die Last des Gegenwärtigen. Aus der Verstricktheit, so frei nach Adorno, scheint es keinen Ausweg zu geben. Wie also dem falschen Ganzen noch beikommen?
Ich versuchte mit Alltagsbeobachtungen zu antworten; im Trivialen das Gewalttätige zu entlarven. Exemplarisch stehen dafür „Der Betrogene“ oder „Blume am Wegesrand“. Inspiriert von Herbert Marcuse überlegte ich, inwieweit das Erinnern subversives Potential birgt. Resultat war die „recherche de temps perdu“, ein Gedicht, Fluch und Segen zugleich. Einerseits empfinde ich es als mein bisher gelungenstes Gedicht, es zu lesen verzückt mich immer wieder. Vielleicht meine schönsten Zeilen:

Als ich mit kindlichem Vergnügen
Den Schmetterling, so wild und bunt,
Bewunderte auf seinen Flügen,
Befiel mich zartes Sehnen und
Verzweifelt bin ich hochgesprungen
Und hoffte, dass der Wind mich trägt.
Was haben die Erinnerungen,
Die ich vergaß, mich doch geprägt.

Andererseits aber hat es meine eigenen Ansprüche enorm nach oben geschraubt. Was ich auch nachfolgend schrieb, erschien mir im Schatten dieses Werkes. So kam es dazu, dass in der zweiten Jahreshälfte weniger Neues kam als in der doch produktiven ersten. Erschwerend kam mein Studienabschluss, ein Umzug, eine neue Stadt usw. dazu. Lücken, die sich drohten aufzutun, habe ich daher mit älteren Gedichten zu füllen versucht, um eine gewisse Kontinuität zu wahren. Infolgedessen habe ich einige persönlichere Werke veröffentlicht, zu denen ich aber nunmehr genügend emotionalen Abstand hatte. Hierzu gehört beispielsweise die „Kurze Romanze“.
Daneben habe ich im letzten Jahr verstärkt Kritiken geschrieben. Einige davon wurden sogar recht weit verbreitet wie „Das System Kapitalismus“. Dadurch ist mein Blog, denke ich, ein ganzes Stück populärer geworden. Seit einiger Zeit befindet es sich beispielsweise automatisch in der Blogroll, wenn ein neues Blog bei blogsport gegründet wird. Das ist natürlich super, verfälscht aber wahrscheinlich die Zahl der wirklichen Leser_innen.
Mittlerweile bin ich ganz gut in meiner neuen Lebenswelt angekommen, schreibe wieder häufiger und hoffe künftig öfters veröffentlichen zu können. Da ich den Versprechungen aus dem letzten Jahr (endlich Lieder und ein Sommergedicht) in keiner Weise nachgekommen bin, werde mir diesmal jegliche verbieten. Auf ein destruktives viertes Jahr!

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2 Antworten auf „Drei Jahre“


  1. 1 Christoph 20. Dezember 2011 um 16:24 Uhr

    Das hört sich doch noch einem im Großen und Ganzen erfreulichen Jahr für dich und den Blog an :-)

    Keep the good shit coming!

    Ein sich vermehrte Lesebesuche vornehmender
    Christoph

  1. 1 Gedichte interessant | Jameseldermusi Pingback am 24. Dezember 2011 um 15:44 Uhr

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