Und sie rocken für Deutschland – beide

Für eine bunte Republik Deutschland“, so der Titel des Musikfestivals, „rockte“ die Stadt Jena spontan, aufgrund der Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU). Nicht unweit von Jena, in Gera, findet seit Jahren das Festival „Rock für Deutschland“ statt. Allerdings wird dieses von Neonazis und der NPD organisiert.
Dass beide, Nazi wie ihre bürgerlichen Gegner_innen, „für […] Deutschland“ rocken ist keineswegs Zufall. Das kapitalistische Hauen und Stechen ermöglicht es den Menschen, sich lediglich als Konkurrierende zu begegnen. Sie konkurrieren um Arbeits- und Studienplätze, Aufmerksamkeit, staatliche Wohlfahrt, Liebe. Die komplette Durchdringung der Gesellschaft durch das Konkurrenzprinzip verunmöglicht somit, dass Menschen sich als gesellschaftliche Wesen anerkennen können. Was ihnen der Alltag nicht bieten kann, schaffen Nationen und ihre Events. Ob zur Fußball WM oder beim Eurovision Song Contest: Das Zwangskollektiv Nation scheint jene Wärme zu stiften, derer die erkalteten Menschen bedürfen. Diese „Wärme“ aber endet an den Grenzen der Nation. Jener innere Zusammenhalt transportiert das Konkurrieren somit lediglich auf eine andere Ebene. Die Nation, also Deutschland, muss zusammen für den „Standort Deutschland“ einstehen. Auf dieser Ebene treten somit vor allem Menschen die anderen Nationen zugeschrieben werden als Konkurrierende auf. Auf zwei Arten kann innerhalb der kapitalistischen Konkurrenzlogik auf sie reagiert werden. Sie können in Nützliche und Unnütze aufgeteilt werden und die Unnützen werden abgeschoben, während man sich mit den Nützlichen einen Wettbewerbsvorteil erhofft oder die eigene Nation wird vollends als homogene Gruppe verstanden und die als die Anderen identifizierten werden folglich ausgemerzt. Erstere Variante verweist auf den bürgerlichen, letztere auf den völkisch, rassistischen Nationalismus. Beiden ist der positive Bezug auf das Zwangskollektiv der Nation gemein, das die kapitalistischen Verhältnisse wahrt und notwendig Menschen ausschließt. Gerade in wirtschaftlichen Notlagen kann der bürgerliche Nationalismus sich schnell in einen völkischen wandeln, da die zu verteilenden Ressourcen noch knapper sind und der Konkurrenzdruck steigt.
Die Ausrichtung des Konzerts zeigt, dass es sich bei dieser Kritik nicht um weltfremdes Theoretisieren handelt, sondern die Beschreibung realer Verhältnisse. Jena habe, so posaunt es aus sämtlichen Blättern, dadurch dass die Morde des NSU fortwährend mit der Stadt in Verbindung gebracht wurden (die „Jenaer Terrorbande“), einen Imageschaden erlitten. Ein ZDF Beitrag, bei dem ein Schriftsteller – augenscheinlich nicht-deutscher Herkunft – sich äußerte, Angst in Jena sowie in ganz Ostdeutschland zu haben, hat in der Jenaer Bevölkerung Empörung hervorgerufen: Jena sei nicht dieses Nazikaff als das es derzeit dargestellt wird. Entsprechend sollte dieses Konzert zeigen, dass Jena wie auch Deutschland bunt ist, um diese negativen Ruf wieder abzuschütteln. Denn dieser Imageschaden ist vor allem aus einem Grund schwer erträglich; weil die Stadt mit anderen Städten konkurriert: um neue Student_innen, den Wirtschaftsstandort usw. Image ist Kapital.
Die Veranstaltung selbst war kaum zu ertragen: Politisch weitgehend entkernte Rockmusik (von Maffay bis Lindenberg war alles vertreten, *hust*), welche zwischen den Künstler_innen unreflektiert dem Nationalismus weiter huldigte. Kaum überraschten dann noch Phrasen wie „Wir sind das Volk“ oder „Wir lassen uns Deutschland von den Nazis nicht nehmen.“ (und von den Muslim_innen wahrscheinlich auch nicht). Fortwährend wurde behauptet, der Osten unterscheide sich nicht vom Westen, da er kein spezifisches Naziproblem hätte. Während der Unterschiedslosigkeit zuzustimmen ist, wäre sie allerdings so zu verstehen, dass sowohl der Westen als auch der Osten ein Naziproblem haben. Auch im „Westen“ gibt es Neonazihochburgen wie Dortmund oder Aachen. Ihren Tiefpunkt erreichte die Veranstaltung als Peter Maffay einen schwarzen Jungen auf die Bühne holte und das Publikum aufforderte, für ihn zu singen. Wenn selbst die vermeintlichen Nazigegner_innen sich auf die Nation berufend, Menschen als die Anderen identifizieren, kann die Forderung nur noch lauten: Rock gegen Rechts muss immer zugleich Rock gegen das Zwangskollektiv Nation sein. Kein „buntes Deutschland“ gilt es zu erreichen, sondern eine von Staat, Nation und Kapital befreite Gesellschaft, eine Assoziation freier Menschen.

Anmerkung:
Falls wer rumnörgelt, dass ich da überhaupt hingegangen bin: Adorno in your face: „Die Absage ans herrschende Unwesen der Kultur setzt voraus, daß man an diesem selber genug teilhat, um es gleichsam in den eigenen Fingern zucken zu fühlen, daß man aber zugleich aus dieser Teilhabe Kräfte zog, sie zu kündigen.“ (Minima Moralia: Wenn dich die bösen Buben locken)
Was ich noch vergessen habe: Die „Rede“ oder besser das etwas ziellose Geschimpfe vom Stadtjugendpfarrer Lothar König war der einzige Lichtblick an diesem Abend.
Hier ist noch ein interessanter Text zu diesem Thema: „Die Verteidigung des schönen Scheins

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