Sonett von der Empfindsamkeit

Du, der durch lange Fiebernächte
Mit Wahnsinn und mit Zweifel ringt;
Dem krank und traurig nichts gelingt
Was Menschen Glück und Frieden brächte.

Der lieber heute noch als Morgen
Mit einem letzen Todesschuss,
Voll Pathos sich in Hochgenuss
Entledigt aller seiner Sorgen.

Lass ab von deinen Todesplänen,
Zu viele starben deren Leid
In Menschen hätte Licht entfacht.

Und weine tapfer deine Tränen.
Es lebe die Empfindsamkeit,
Die Menschen erst zu Menschen macht.

Anmerkung:
„Hamm, seine Klappe loslassend: ‚Was macht er?‘
Clov hebt den Deckel von Naggs Mülleimer an und bückt sich. Clov: ‚Er weint.‘
Hamm: ‚Also lebt er.‘“ (Samuel Beckett, Endspiel)

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6 Antworten auf „Sonett von der Empfindsamkeit“


  1. 1 judith 06. Dezember 2011 um 15:39 Uhr

    wunderschön…

  2. 2 Emil 06. Dezember 2011 um 15:50 Uhr

    Danke. :-)

  3. 3 Stefan 12. Dezember 2011 um 23:59 Uhr

    Sind es nicht die Empfindsamen auf die wir hören müssen? Ach, wüssten wir nur ein Mittel sie zu starken Menschen zu machen. Dienend wären sie für uns ein Korrektiv um das Menschsein nicht zu verlernen.

  4. 4 Emil 13. Dezember 2011 um 1:50 Uhr

    Mir war bewusst, dass dieses Gedicht auch als Instrumentalisierung der leidenden Menschen gelesen werden kann, wenn ihr Leid nicht als ein gesellschaftlich bedingtes aufgefasst wird. Wenn aber die Normalen in dieser Gesellschaft als die Kränksten und die Kranken als die Gesündesten verstanden werden, weil die Gesellschaft krank ist, so Fromm, ist dieses Leid ein suberversives, ein Resultat aus der Unvereinbarkeit mit den herrschenden Verhältnissen. Erich Kästner behandelte dieses Thema auf eine etwas andere Art und schließt sein Gedicht „Warnung vor den Selbstschüssen“ mit folgenden Zeilen ab:

    „Ja, die Bösen und Beschränkten
    Sind die Meisten und die Stärkern.
    Aber spiel nicht den Gekränkten.
    Bleib am Leben, sie zu ärgern!“

  5. 5 Moritz 01. Januar 2012 um 22:10 Uhr

    Stefans Kommentar hat mich an das „gehorchende Befehlen“ der EZLN erinnert. Darin wird auch das Problem zum Ausdruck gebracht, dass die diejenigen, die etwas Wichtiges zu sagen hätten, tendenziell nicht die gleichen sind wie die, welche die Macht dazu haben. --> Also doch spanisch lernen ^^

  1. 1 Empfindsamkeit « it’s a sad owl story. Pingback am 16. Januar 2012 um 17:09 Uhr

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