Das System Kapitalismus

Mit verlässlicher Regelmäßigkeit wird durch verschiedene Medien „Ausbeutung“ problematisiert und kritisiert. Die ARD ReportageDas System Wiesenhof – Wie ein Geflügelkonzern Menschen, Tiere und die Umwelt ausbeutet“ schlägt in die gleiche Kerbe und sorgte für ebenso berechenbare Empörung bei den internetaffinen Wutbürger_innen über die Produktionsbedingungen des Geflügelkonzerns. Thematisiert werden in der Reportage „besonders brutale Bilder“ über Tiertötungen, nicht „artgerechte“ Haltung, niedrige Löhne usw. die „das System Wiesenhof“ ausmachen sollen. Das Problem an diesem Unternehmen ist schnell eruiert: „Bei Wiesenhof geht es nur um eins: Gewinnmaximierung.“ oder „Ein System [Wiesenhof], in dem Rendite ganz oben steht“. Glücklicherweise ist mit Paul-Heinz Wesjohann der Verantwortliche aka. der Schuldige gefunden, denn er „steht für dieses System“.

Die Kritik an dieser Praxis ist richtig und wichtig, die Schlüsse aber, die daraus gezogen werden, sind falsch, regressiv und kontraproduktiv. Was in der Reportage als Besonderheit des Wiesenhofkonzerns dargestellt wird – Gewinnmaximierung, Rendite, Ausbeutung – ist in keiner Weise das Eigentümliche eines Konzerns, sondern die allgemeine Norm kapitalistisch produzierender Gesellschaften. Für den Kapitalismus kann man noch so viele Euphemismen wie „(soziale) Marktwirtschaft“ oder ähnliches erfinden; sie ändern nichts daran, dass das herrschende Grundprinzip die ewige Selbstverwertung des Kapitals ist. G – W – G’: Geld (G) wird als Kapital eingesetzt, um mehr Geld (G’) zu bekommen. Auch wenn die Medien es gerne in Szene setzten, wie ein klug Tauschender geschickt eine Büroklammer gegen ein Haus getauscht hat, ist das nicht der Regelfall. Das Grundprinzip des Kapitalismus ist der Äquivalententausch. Folglich muss in der oben genannten Formel beim W, der Ware, etwas passieren. Hier kommt die Ausbeutung ins Spiel: Die Ware Arbeitskraft ist in der Lage mehr Wert zu produzieren, als sie zu ihrer Reproduktion bedarf. Dieser Mehrwert behält derjenigen, der die Ware Arbeitskraft aufgekauft hat. Nur mittels dieser Ausbeutung des Mehrwerts ist die Selbstverwertung des Kapitals möglich.

Es ist aus mehreren Gründen problematisch, einem einzelnen Konzern diese Praxis anzulasten.
Nach diesem Prinzip wirtschaften alle kapitalistischen Betriebe, weil sie sonst über kurz oder lang nicht mit den anderen mithalten könnten und Pleite gingen. Was bei Wiesenhof als besonders verwerfliche Ausnahme dargestellt wird, ist nicht weiter als kapitalistischer Alltag.
Die Inszenierung der Reportage mit „besonders brutalen Bildern“ von getöteten und gequälten Tieren zielt nicht darauf ab, das System zu begreifen und seine Strukturen zu kritisieren, kurz: Aufklärung zu schaffen; sondern Gefühle anzusprechen und affektives Handeln zu provozieren, was ebensolche falschen Schlüsse hervorrufen kann.
Sich über einzelne Ausbeutungsphänomene derart zu echauffieren, hat meist nur den Zweck, das System der Ausbeutung als Ganzes zu verteidigen, indem Ausbeutung nicht weiter als systemisch anerkannt, sondern Teilnehmer_innen angekreidet wird (Was hier eindeutig passiert). Aber kein einzelner Mensch und auch keine Menschengruppe hat dieses System geschaffen oder hält es am Laufen. Die Menschen können sich nur die herrschende Logik zu eigen machen, um in den Verhältnisse zu bestehen. Sich ihr einzeln widersetzen können sie nicht. Marx war sich dessen bewusst und schrieb daher im Vorwort des Kapitals:

„Zur Vermeidung möglicher Mißverständnisse ein Wort. Die Gestalten von Kapitalist und Grundeigentümer zeichne ich keineswegs in rosigem Licht. Aber es handelt sich hier um die Personen nur, soweit sie die Personifikation ökonomischer Kategorien sind, Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen. Weniger als jeder andere kann mein Standpunkt, der die Entwicklung der ökonomischen Gesellschaftsformation als einen naturgeschichtlichen Prozeß auffaßt, den einzelnen verantwortlich machen für Verhältnisse, deren Geschöpf er sozial bleibt, sosehr er sich auch subjektiv über sie erheben mag.

Wenn die genuine Ursache der Probleme verkannt wird und dadurch einzig die Auswirkungen abgemildert werden, wird die Ursache weiter verfestigt: Die negativen Auswirkungen werden vielleicht milder, aber stetig weiterproduziert. Kritik wird integriert und somit instrumentalisiert. Emanzipatorische Kritik dagegen, muss sich immer gegen das falsche Ganze richten: Es gibt keinen menschlichen Kapitalismus.

Aktualisierung:
Lese ich mir die Kommentare zu dem oben verlinkten youtube Video durch, bestätigen sich meine Befürchtungen. Neben falschen, aber immerhin gemäßigten Schlüssen wie „wiesenhof boykottieren!“ [sic!], reihen sich Kommentare, die unverhohlen Gewalt verherrlichen und zu Gewalt aufrufen: „Ich würde die Mitarbeiter am liebsten bis zum tot Quälen“ [sic!] oder „diese dreckige mistgeburt sollte man hängen“ [sic!]. Natürlich entspringen solche Kommentare auch der individuellen Pathologie der Kommentator_innen. Trotzdem begünstigt bzw. verleitet diese Art der Kritik (Personifizierungen struktureller Probleme) zu unreflektiertem Handeln. Es soll aber auch nicht unerwähnt bleiben, dass durchaus ein paar intelligente Kommentare abgegeben wurden.

Weiterlesen:
Christian Höner: „Über die Unmöglichkeit, Gutes zu tun und Schlechtes zu lassen

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16 Antworten auf „Das System Kapitalismus“


  1. 1 Jan Philipp 11. September 2011 um 14:08 Uhr

    Hey Maurice,

    bist du dir sicher, dass lediglich Strukturen und Ideologien so manifest wirken können? Ich bin es auch nicht. Natürlich ist das ganze System voll im Arsch und seine Grundsätze sind zu hinterfragen, aber geht das ohne ein Gespür für die sozialpsychologische Dynamik des Kapitalismus. Wenn ich das mal auf einen größeren Rahmen spanne, frage ich mich warum noch keine Bank in Flammen aufgegangen ist. Vor allem der frühe Marx war ja daran interessiert, den Leuten deutlich zu machen, wofür sie kämpfen. Doch es scheint mir als sei die herrschende Doktrin, das herrschende Wahrheitsprogramm im Moment ein Anderes. Im Angesicht von Finanzkrise etc. höre ich immer öfter, das es nichts bringe die Systeme zu hinterfragen, sondern es eher darum gehen muss, wie man ihre Funktionstüchtigkeit neu aufrecht erhält. Was ist da los?
    Jetzt magst du einwenden, weil die Menschen so von der Ideologie des Kapitalismus vereinnahmt sind, dass sie eine Alternative gar nicht mehr denken können. Sind wir heute unpolitischer?
    Ich will nicht in Frage stellen, dass es nicht Struktur oder Ideologie ist, aber eben nicht nur. Auch will ich nicht aus irgendeiner verqueren Ecke der RC-Theorien argumentieren, aber da die Menschen in einer Gesellschaft so unterschiedlich sind und niemals als 100 Prozent homogene Masse agiert ist es schwer nur Struktur zu sehen wo eigentlich Brüche sind. Wie subjektiviert das Kapital die Menschen und wie Re-repräsentieren sie jene Ordnung.
    Und jetzt kommt ein großes ABER. Aber wie können wir trotzdem das Ganze verändern. Wie kann man sagen es ist trotzdem falsch, wenn man offenbart, wie wir darin verstrickt sind. Und wie schafft man es einer Gesellschaft klar zu machen, dass es nicht so bleiben kann.

    Viele Grüße
    Jan Philipp (Ex-Kommilitone)

  2. 2 Emil 11. September 2011 um 15:22 Uhr

    Ich weiß nicht so recht, worauf du genau hinaus willst. Mein Text handelt davon, dass das „System Wiesenhof“, nur das „System Kapitalismus“ ist und das ein solcher Fehlschluss theoretisch und praktisch problematisch ist. Ich hab deinen Kommentar so verstanden, dass du mich fragst, warum die meisten Menschen nur die Peripherie verurteilen und nicht das Ganze, richtig?

    Die einfachste Antwort darauf ist wohl, weil der Kapitalismus nicht das ultimative Böse ist, sondern der Gesellschaft einen immensen Reichtum und eine unglaubliche Modernisierung beschert hat. Auch Marx lobt im kommunistischen Manifest das Kapital und die Bourgeoisie für diese Leistungen. Trotzdem blieb der Kapitalismus ein auf Klassen basierendes System, was wenige relativ reich und viele relativ arm machte. Marx sah aber, dass die Modernisierung (der Produktivkräfte) die Produktionsverhältnisse bald obsolet machte. Dass der Kapitalismus also den Fortschritt der Menschheit nicht mehr steigerte, sondern behinderte. Warum aber blieb die Revolution, also die Umgestaltung der Produktions- und damit der Gesellschaftsverhältnisse aus? Das war auch die Ausgangsfrage der kritischen Theorie.
    Ein wichtiger Punkt bei Marx ist der Fetischcharakter der Ware bzw. des Geldes und des Kapitals. Durch die spezifisch kapitalistische Produktionsweise erscheinen Ware und Wert als die handelnden Subjekte, denen der Mensch sich nur unterwerfen kann. Die Marktgesetze erscheinen als Naturgesetze und somit als Sachzwänge. Es erscheint also, als gäbe es keine Möglichkeit zu Emanzipation von Staat und Kapital. Hinzu kommt, dass die herrschenden Verhältnisse bereits als Einlösung der Losungen der Französischen Revolution „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ erscheinen. Wie Adorno schon in Anlehnung an Marx bemerkte: mittlerweile haben die Menschen mehr zu verlieren als ihre Ketten. Die Kulturindustrie erscheint als Antwort, ist aber in ihrer dumm- und stumpfmachenden Funktion ein Teil des Problems. All dies ist aber nicht bloße Ide-ologie, sonder vielmehr realer Schein.
    Ich habe über dieses Thema meine Bachelorarbeit verfasst. Wenn du das also detailliert nachlesen willst, kann ich sie dir schicken.
    In Deutschland ist die Frage vielleicht noch ganz anders zu beantworten als in anderen Ländern, denn in „Deutschland“ herrscht, seit der gescheiterten Märzrevolution von 1848 („Gegen Demokraten helfen nur Soldaten“) und der Reichsgründung unter Bismark, ein enorm starker Etatismus. Damit gab es in Deutschland nie einen realen Klassenkampf, sondern die Deutschen haben sich als Volk zusammengerottet, den Feind außerhalb gesucht und die Juden als personifizierte Zirkulationssphäre des Kapitals („raffendes Kapital“) als Ursache ausgemacht.

    Also ich glaube, es sind in letzter Zeit einige Banken „in Flammen aufgegangen“. Auf jeden Fall in Griechenland, aber bestimmt auch Eine in London. Solcher Aktionismus zeigt aber nur, dass das System Kapitalismus nicht im Geringsten verstanden wurde. Statt Wertkritik zu üben, wird die ganze Scheiße wieder nur auf die Zirkulationssphäre beschränkt.
    Der „frühe Marx“ – darunter verstehe ich den Marx, der die Pariser Manuskripte verfasste – hat sich vor allem, anlehnend an Feuerbach, mit dem Problem der Entfremdung in der kapitalistischen Gesellschaft beschäftigt. Kurz gefasst könnte man sagen: Der Mensch ist von sich, seinem Produkt, dem Produzieren und seinen Mitmenschen entfremdet und kann somit die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht begreifen.

    „Sind wir heute unpolitischer?“ Ich glaube nicht. Im Gegenteil: Die fortlaufende Kritik hat den Kapitalismus erst dynamisch und bequem gemacht. Vormals systemkritische Bewegungen, wie die Ökobewegung oder zum Teil auch die Frauenbewegungen, wurden durch Aufgabe ihrer Systemkritik integriert.

    „Aber wie können wir trotzdem das Ganze verändern. Wie kann man sagen es ist trotzdem falsch, wenn man offenbart, wie wir darin verstrickt sind. Und wie schafft man es einer Gesellschaft klar zu machen, dass es nicht so bleiben kann.“

    Das sind die großen Fragen, die die Gesellschaftstheoretiker_innen seit Jahrzehnten plagen. :-) Leid eines Theoretikers: http://www.krisis.org/wp-content/data/das-leid-eines-theoretikers.mp3
    Zumindest „ab warten und Teetrinken“, also die Zusammenbruchtheorie hat sich nicht bestätigt. Der erste Schritt wird sein, das Ganze strukturell zu begreifen: Das also, was Marx schon gemacht hat. Dazu gehört auch, falsche Kritik als solche zu kritisieren. Beides versuche ich ansatzweise in solchen Texten. Weiterhin geht es um Aufklärung, um den Ausweg aus der nicht nur, aber auch selbstverschuldeten Unmündigkeit. Darum sich weder von der eigenen Ohnmacht, noch von der Macht der anderen dumm machen zu lassen (sinngemäß Adorno). Das klingt alles sehr wenig revolutionär, aber was besseres fällt mir nicht ein.
    Ich kann wirklich empfehlen, meine BA zu lesen, wo ich das ganze Thema „Warum gibt’s die Scheiße noch?“ strukturierter und wissenschaftlicher angehe. Es ist zu komplex, als dass man es in einem Kommentar abhandeln könnte.

  3. 3 blupp 11. September 2011 um 15:55 Uhr

    „Dass der Kapitalismus also den Fortschritt der Menschheit nicht mehr steigerte, sondern behinderte.“

    Für das Wohl der Arbeiter war der Kapitalismus noch nie da. Ausbeutung ist zu keiner Zeit das Mittel der Lohnabhängigen. „Die Menschheit“ ist hier eine Abstraktion in der die ökonomische Realität, die Klassengesellschaft, nicht mehr vorkommt.

  4. 4 Emil 11. September 2011 um 16:07 Uhr

    Du hast recht: Den Begriff „Menschheit“ habe ich hier unachtsam verwendet.
    Ich behaupte aber nicht, dass das Kapital jemals für „das Wohl“ der Arbeiter_innen da war, sondern, dass es als Nebenprodukt auch für diese einen gewissen objektiven Wohlstand geschaffen hat (Fordismus, Kulturindustrie), was über das Wohl der Arbeiter_innen allerdings noch nichts aussagt.

  5. 5 Nestor 11. September 2011 um 17:29 Uhr

    Der Fortschrittsbegriff in der marxistischen Theorie ist sehr problematisch.

    Erstens unterstellt eine historische Teleologie, nach der „die Menschheit“ in eine bestimmte Richtung ginge, sich „entwickle“. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs wurde drüben gelehrt – und auch geglaubt! – daß sich frei nach Engels die Geschichte unweigerlich in Richtung Sozialismus bewege.
    (Diese Teleologie gibt es natürlich mit umgekehrten Vorzeichen auf der bürgerlichen Seite, da geht dann das Abendland unter, usw.)

    Zweitens wird aber behauptet, daß der Kapitalismus, bei allen Härten im Einzelfall natürlich, im Großen und Ganzen eine Verbesserung der Lage der arbeitenden Menschheit gebracht habe. Diese Sichtweise ist erstens sehr europazentriert, aber auch da eben willkürlich. Sie gründet sich vor allem auf den materiellen Konsum, die gesteigerte Lebenserwartung, die Volksbildung, und läßt andere Dinge unter den Tisch fallen – 2 Weltkriege, die die bisherigen Waffengänge um einiges übertroffen haben, Massenvernichtung, Naturzerstörung, „Zivilisations“- also kapitalismusbedingte Krankheiten, und die heute zu einer seltenen Vollendung gebrachte Volksverblödung durch Schulwesen und Medien.

  6. 6 u 11. September 2011 um 17:53 Uhr

    oder auch ohne umgekehrtes vorzeichen – das ende der geschichte wurde bekanntlich erreicht, als der ostblock fiel. und auch noch jeder politikwissenschaftliche transformationstheoretiker weiß, dass sich alles richtung demokratie und kapitalismus bewegt. momentan hofft „man“ angesichts des „frühlings“ ja, dass endlich auch die araber so weit sind – fürs ende der geschichte eben.

  7. 7 Jan Philipp 12. September 2011 um 14:16 Uhr

    @Emil
    Zwei Anmerkungen, eine Bitte

    „Vormals systemkritische Bewegungen, wie die Ökobewegung oder zum Teil auch die Frauenbewegungen, wurden durch Aufgabe ihrer Systemkritik integriert.“
    Dieses Beobachtung kann ich mit dem Verweis auf Luc Boltanski und Ève Chiapello nur unterstützen. Ihre hervorragende Analyse (Der neue Geist des Kapitalimus) eben dieser Integrationmechanismen kennst du vielleicht.

    „Der Mensch ist von sich, seinem Produkt, dem Produzieren und seinen Mitmenschen entfremdet und kann somit die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht begreifen.“
    Deine oberste Prämisse ist die Struktur. Das allein kann ich nicht glauben!!!

    Sehr gerne würde ich deine BA einmal lesen. Wenn du Lust hast, schick sie mir bitte an: jschewe@uni-osnabrueck.de.

    Dank dir!

  8. 8 Morph 05. Oktober 2011 um 0:13 Uhr

    Würde gern mal wieder mehr und öfter von dir lesen! Zu beschäftigt?

  9. 9 Emil 05. Oktober 2011 um 16:00 Uhr

    In der Tat bin ich gerade sehr beschäftigt, da ich am letzten Wochenende umgezogen bin. Das bedurfte einiger Vorarbeit und auch hier stresst mich ständig irgendwelche Scheiße. Zudem habe ich zur Zeit noch kein Internet zuhause und muss (wie auch jetzt) zum Surfen immer das Uni-Netz nutzen.
    Dass meine Internetabwesenheit bemerkt wurde, motiviert mich aber schnellstmöglich meinen Blog zu aktualisieren. :-)
    Ich denke, ab November komme ich zur gewohnten Intensität zurück.
    Zuerst muss/ möchte ich mich aber mit meiner neuen Uni und meinem neuen Studiengang beschäftigen.
    Außerdem sind meine eigenen Ansprüche derzeit sehr hoch; ich habe zwar einige Gedichte, die ich posten könnte, bin mit denen aber nicht zufrieden.

  10. 10 Kirsten 16. Oktober 2011 um 20:34 Uhr

    Hallo Emil,
    hat es dich in die südlichere Stadt verschlagen von dessen Studiengang du Silvester berichtet hast?
    Ich finde das Thema sehr interessant und den Anfang sehr gut, aber um mir genauere Gedanken darüber zu machen muss ich mir den Text wohl ausdrucken. Ich bin dem technischen Fortschritt nicht gewachsen… Also vielleicht später mehr dazu. Schöne Grüße aus deiner jetzt ehemaligen Heimatstadt, Kirsten

  11. 11 Emil 17. Oktober 2011 um 14:44 Uhr

    Liebe Kirsten,

    ich bin mir nicht genau sicher, ob du der Mensch bist, von dem ich meine, dass du jener bist. Kurz: Bist du die Schwester von Ansgar?
    Auch weiß ich gar nicht mehr von welcher Stadt ich Silvester geredet habe. Jetzt wohne und studiere ich jedenfalls in Jena. :-)
    Ich würd mich freuen, wenn du den Text (oder auch andere meiner Beiträge) kommentieren würdest.

  12. 12 ein 17. Oktober 2011 um 16:56 Uhr

    „Kurz gefasst könnte man sagen: Der Mensch ist von sich, seinem Produkt, dem Produzieren und seinen Mitmenschen entfremdet und kann somit die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht begreifen.“

    Wäre das so, hätte Marx auch nichts begreifen können – hat er aber. Den Fehler hast du schon eingeräumt: „Der Mensch“ wird in der Totalabstraktion von „den Verhältnissen“ bestimmt, die ihm obendrein den Durchblick bei seinem Werk verunmöglichen würden. So hat der Marx das mit der Entfremdung nicht gemeint!

    Marx hat herausgefunden, dass in der kapitalistischen Produktion die nützliche, konkrete Arbeit „zum Ausdruck abstrakt menschlicher Arbeit“ (MEW23,72) wird, weswegen es Vorarbeiter und Qualitätskontrollen braucht. Wenn einer nur arbeitet, weil er für die Arbeitszeit Geld einstreicht, stellt der sich dementsprechend zu seiner Tätigkeit und seinen Produkten.

    Das schließt zwar ein falsches Bewusstsein (Abt. Fetisch) ein, aber wer sich die Mühe macht und den Kapitalismus studiert, kann selbstverständlich auch Verhältnisse begreifen, die das Verständnis erschweren. Marx hat von sowas wie „Verschleierung“ gesprochen, wenn er „das Begreifen“ für unmöglich gehalten hätte, hätte er sich das Schleier-Lüften gespart und ein paar blaue Bände weniger geschrieben.

  13. 13 Kirsten 18. Oktober 2011 um 20:48 Uhr

    Rätsel gelöst… Du redetest von Frankfurt glaub ich, Politik oder? Und ich wohne jetzt in Osna.

  14. 14 Emil 19. Oktober 2011 um 18:26 Uhr

    @ein: Ich werde in den nächsten Tagen hoffentlich dazu kommen, dir zu antworten.

    @Kirsten: Ich habe dir mal eine Nachricht an deine E-Mailadresse geschickt.

  15. 15 ein 20. Oktober 2011 um 22:19 Uhr

    Ich bin mal gespannt. „Entfremdung“ oder „Warenfetisch“ werden nämlich leider oft dazu missbraucht, Marx einen Determinismus zu unterstellen, den der kritisiert hat. Der hat immerhin jede Menge Theorie dafür geliefert, damit Ausgebeutete sich ihre gesellschaftliche Lage und Funktion besser erklären können.

  16. 16 Emil 05. Dezember 2011 um 21:22 Uhr

    Hey ein,

    es tut mir wirklich sehr leid, dass ich vergessen habe, dir zu antworten. Ich hatte lange Zeit zuhause kein Internet und als ich es endlich hatte, habe ich deinen Kommentar vergessen. :-(
    Wenn ich von Entfremdung spreche, beziehe ich mich damit auf den Marx der Pariser Manuskripte. Dort hat er meines Wissens noch nichts von „abstrakter Arbeit“ geschrieben. Als ich schrieb, dass der Mensch „die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht begreifen“ kann, meinte ich damit nicht, dass alle Menschen sie grundsätzlich nicht begreifen können, sondern dass die , die sich unmittelbar im Produktionsprozess befinden, die Verhältnisse in der Regel nicht begreifen; eben weil SIE sich im notwendigen Akt des Produzierens mehrdimensional entfremden. Dies gilt aber nicht für Marx oder andere, die nicht direkt werktätig sind. Marx hat (gemäß den Pariser Manuskripten) im Gegensatz zu anderen politischen Ökonomen das Kapital nicht als Ausgangspunkt begriffen und konnte somit seine Eigentümlichkeiten erkennen.
    Natürlich ist bei einer solchen Argumentation das Abstraktum „der Mensch“ problematisch. Nicht ohne Grund hat Marx sich explizit in den Feuerbachthesen und dem Feuerbachmanuskript der deutschen Ideologie davon verabschiedet. Insofern würde ich deiner Kritik zustimmen.
    Begriffe wie „Verschleierung“ und „falsches Bewusstsein“ (kam glaube ich von Engels oder Lukacs) beschreiben jenen Prozess meines Erachtens bestenfalls suboptimal. Von der Vorstellung, dass einzig ein „falsches Bewusstsein“ „schuld“ sein soll, wie er und Engels es in ähnlicher Weise in der deutschen Ideologie vertraten [„Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken.“ (MEW 3: 46)], entfernte er sich spätestens im „Kapital“. Das „Falsche“ war nicht länger lediglich ein „ideeller Ausdruck“ der Herrschenden, sondern entwuchs der kapitalistischen Produktion selbst. Grigat fasst es ganz gut zusammen: „Das fetischistische Bewusstsein ist zugleich ein falscher Ausdruck der inneren Bewegungsgesetze kapitalistischer Warenproduktion und eine richtige Wiedergabe des falschen Zustands.“ (in: Fetisch und Freiheit S. 55)
    Ähnlich steht es mit der Metapher der „Verschleierung“. Mir fällt keine Stelle ein, wo Marx diesen Begriff benutzt. Es widerspräche auch seinem Ansatz. Ein Schleier legt sich auf die Dinge um sie zu verdecken und ist damit den Dingen erst einmal etwas Äußeres. Bei Marx entsteht dagegen diese „Verschleierung“ aus der kapitalistischen Produktionsweise und ist untrennbar mit ihr verbunden. Das erinnert mich an die Differenz von „Religion als Opium des Volkes“ (sinngemäß Marx) bzw. „Religion als Opium fürs Volk“ (sinngemäß Lenin[?]). Bei Marx ist die Religion das Produkt der Menschen, die in einer „verkehrte[n] Welt“ leben (MEW 40: 378). Bei Lenin ist sie eher das Produkt verkehrter Herrscher.

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