Recherche du temps perdu

Die Last der ewig gleichen Zeiten
Lag tonnenschwer mir im Gemüt.
Deswegen mocht ich dorthin schreiten,
Wo noch die Sonnenblume blüht.
Da ist der Wind zu mir gedrungen
Berührte Nase, Mund und Ohr
Und weckte die Erinnerungen,
Die ich im Schaufenster verlor.

Als ich mit kindlichem Vergnügen
Den Schmetterling, so wild und bunt,
Bewunderte auf seinen Flügen,
Befiel mich zartes Sehnen und
Verzweifelt bin ich hochgesprungen
Und hoffte, dass der Wind mich trägt.
Was haben die Erinnerungen,
Die ich vergaß, mich doch geprägt.

Ich kannte nichts vom Guten, Schönen
Vom Wahren ohnedies kein Stück
Nur bei den eignen schiefen Tönen
Erfüllte sich mein Herz mit Glück.
Drum hab ich immerzu gesungen
Ganz frei von Sinn und ohne Zweck.
Befriedende Erinnerungen,
Was waren sie solange weg?

Das Schwelgen kann nicht alles bleiben,
Wie schmerzt die reine Phantasie.
Nein, Leben heißt auch vorwärts treiben
Im Streben Richtung Harmonie.
Denk ich an mich als kleinen Jungen,
Der ich einst war und nicht mehr bin,
Verwandeln sich Erinnerungen
In einen subversiven Sinn.

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10 Antworten auf „Recherche du temps perdu“


  1. 1 Träger des Lichts 07. Juni 2011 um 12:15 Uhr

    Wow, das gefällt mir sehr sehr gut. Es liest sich sehr flüssig und schafft sehr dichte Bilder im Kopf. Gut gemacht.

  2. 2 Morph 08. Juni 2011 um 8:00 Uhr

    Was für ein wunderbares Gedicht, mein Freund!
    Es trifft genau meinen Geschmack, es liest sich verdammt gut und der melancholische Touch, den es auf mich hat, macht es perfekt.

    Beste Grüße,
    Morph

  3. 3 Emil 08. Juni 2011 um 13:18 Uhr

    @ Träger des Lichts: Danke! Dein Lob freut mich besonders, weil dieses Gedicht mir sehr am Herzen liegt.

    @Morph: Danke auch dir!

  4. 4 Morph 03. Juli 2011 um 22:37 Uhr

    Jeden Tag erscheine ich auf deinem Blog und warte sehnsüchtig auf ein neues Werk deinerseits. Aber das lange Warten hat sich erfahrungsgemäß eigentlich immer gelohnt. :)

  5. 5 Emil 03. Juli 2011 um 23:01 Uhr

    Ja, ich hab schon seit fast einem Monat nichts mehr publiziert. Ideen habe ich zwar für neue Gedichte, aber mir fehlt es derzeit an Motivation sie umzusetzen. Vielleicht veröffentliche ich auch ein paar ältere Gedichte, um eine gewisse Kontinuität zu wahren oder ich verkünde eine kleine Sommerpause. Spätestens im Herbst werde ich aber wieder viel zu schreiben haben: Dann beginnt für mich ein neuer Lebensabschnitt, ich ziehe in eine neue Stadt, lerne neue Menschen kennen und habe allen Grund, Impressionen zu verarbeiten. :-)

  6. 6 Morph 04. Juli 2011 um 22:22 Uhr

    Och, ich versuche geduldig zu sein. :)

    Ziehst du denn in die Stadt, in der ich wohne? :D

  7. 7 Emil 04. Juli 2011 um 23:07 Uhr

    Ich weiß gar nicht (mehr) in welcher Stadt du wohnst.
    Wo ich konkret hinziehe, weiß ich noch nicht. Das kommt drauf an, welche Uni meine Freund_innen und mich haben will. Berlin ist aber auf meiner Wunschliste ganz weit oben.

  8. 8 Bjoern 06. November 2011 um 12:30 Uhr

    Ist das Gedicht auf Proust bezogen? Gruß

  9. 9 Emil 06. November 2011 um 13:29 Uhr

    Nein, zumindest nicht direkt, da ich den Roman von Proust nicht kenne. Den Titel habe ich von einem Zitat Herbert Marcuses:

    „Die Vergangenheit fährt fort, einen Anspruch auf die Zukunft zu erheben: sie erzeugt den Wunsch, daß auf der Grundlage zivilisatorischer Errungenschaften das Paradies wiederhergestellt werde. […] Die recherche du temps perdu wird zum Vehikel künftiger Befreiung.“ (Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft)

  1. 1 Recherche du temps perdu – ein Verweis. « L▲sz uns kr▲sz & cool sein! Pingback am 08. Juni 2011 um 13:21 Uhr

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