„Sehnsucht ist gemein“

Eine Musikkritik zu schreiben, kostet mich einige Überwindung, ist an Musikkritikern doch meist kaum ein gutes Haar zu lassen ist. Dass ich nun eine Ausnahme mache, ist einem Ausnahmekünstler geschuldet: Sebastian Krämer hat mit der „Akademie der Sehnsucht“ im vergangenen Monat ein neues Album veröffentlicht.
Schon länger bin ich von seiner Wortgewandtheit (er ist zweimaliger deutscher Poetry Slam Meister) und seinem feinsinnigen Humor, schwankend zwischen Absurdität und spitzfindigem Spott, den er in wunderbare Chanson zu kleiden vermag, begeistert. Seine letzten beiden Programme „Schule der Leidenschaft“ und „Krämer bei Nacht“ hoben sich bereits angenehm aus dem öden Konglomerat deutschsprachiger Kabarett-Comedy-Liedermacher, kurz Kleinkunstlangeweile heraus. Die Akademie der Sehnsucht knüpft an diese Alben an, geht aber über sie hinaus, und zeigt ein weites poetisches Spektrum. Das wird schon bei der Zweiteilung des Albums deutlich: Der „theoretische Teil“ enthält Studioaufnahmen zusammen mit einem Orchester, der „praktische Teil“ ist ein Mitschnitt eines Konzerts in Düsseldorf. Inhaltlich gibt er geringfügige Überschneidungen. Wie der Name vermuten lässt, ist das weite Thema des Albums die Sehnsucht, ohne aber dadurch zum Konzeptalbum zu verkommen.
In „Sehnsucht ist gemein“ geht es dagegen ganz konkret um das titelgebende Gefühl. Das Lied hat durch youtube schon vor der Veröffentlichung des Albums einiges an Popularität gewonnen und das vollkommen zurecht: Die zarte „Telenovela-Melodie“, die den Song trägt, harmonisiert grandios mit dem Text, der eine ganz konkrete Situation beschreibt und letztlich nur eine Erkenntnis zulässt: Sehnsucht ist auf zweierlei Art ziemlich gemein. Für den, der unter ihr leidet und für den der unter dem leidet, der unter der Sehnsucht leidet.
Krämers großes Talent ist es, sich bei seinem bürgerlichen Publikum charmant einzuschmeicheln, nur um ihm unverhofft vor den Kopf zu stoßen. Sein letztes Programm untertitelte er mit „Ruhestörung für gehobene Ansprüche“ und begründete es damit, eine auf Distinktion bedachte Klientel ins Theater zu locken. Solche Lieder, die spätestens in der letzten Strophe eine bitterböse läuternde Wendung durchmachen, gibt es zu meiner Freude wieder einige. „Aber er bringt dich zum Lachen“ karikiert den seltsamen Anspruch den einige Menschen an einen zukünftigen Partner erheben. Dass ein Partner vielleicht mehr als (schlechten) Humor mitbringen sollte, verrät das unheilvolle Ende. In einem anderen Lied inszeniert er sich selbst als „der Konterrevolutionär“, um pointiert am Ende seine eigene Zusammenbruchstheorie des Systems zu formulieren. Die witzigste Wendung erfährt dabei wohl Krämers Sinnen über das „Vermögen und Unvermögen der Liedkunst“.
Andererseits ist er ebenso gut dazu in der Lage, wie er die FAZ zitiert, die „Sehnsucht nach einer Pointe […] ins unermessliche zu steigern.“ Ein besonders schönes Beispiel dafür ist das Lied „Elfenborn“. Knapp sechseinhalb Minuten lang besingt er in zum Träumen einladenden Bildern und mit einer Melodie, die schon an jedem Strophenende der Auflösung entgegenstrebt, Kindheitserinnerungen an einem Tag im Märchenwald, ohne es pointiert abzuschließen. Es ist ein Lied in dem Schönheit von Wort und Melodie Selbstzweck sind, ohne den Drang, eine höhere Ebene zu erreichen. In eine ähnliche Richtung geht die Beschreibung des „Möllnhausener Riesenrads“. Mit subtilem Humor wird ein gar nicht so großes Riesenrad im Hinblick auf ein gar nicht so großes Möllnhausen betrachtet. Einige der schönsten Verse des Albums weiß dieses unscheinbare Thema herzugeben:

„Was gäb‘ ich alleine,
um noch einmal fünf zu sein und in Möllnhausen
mit zehn km/h um die Ecken zu sausen“
Astronaut zu sein, Ed von Schleck-Eis zu schlürfen
und noch nicht allein in die Gondel zu dürfen“

Hier wird deutlich: Als Motiv findet sich auch die Kindheit und Jugend, die Erinnerung und das Zurücksehnen an eine augenscheinlich unbeschwerte Zeit. Oder aber auch die Abgrenzung zur heutigen Jugend. Während er sie noch in „Alles was uns bleibt“ darin bedauert, dass sie „ohne Genitiv und Michael Jackson“ aufwachse und – hochaktuell – feststellt, dass ihr nur die Atomkraft bleibt, geht es in „Mitleid mit Satan“ um Abgrenzung. Ein grandioses Lied, indem er mit allerlei Mitteln einem kleinen Satanisten die Albernheit seines Kultes vorzuführen versucht. Durch seinen sehr direkten Humor und seiner flapsigen Sprache, sticht es ein wenig heraus, was aber eindeutig positiv zu sehen ist. Selten hab ich bei einem Musikstück so gelacht; eine absolute Hörempfehlung.
Auch das Lied „Zehlendorf, Amselweg“ gefällt mir textlich sehr gut. Es beschreibt die ersten Kinderschritte in einer Welt des Kaufens und des Verkaufens, in einer Warenwelt. Die Musik finde ich dabei eher störend. Als Gedicht würde das Lied wahrscheinlich besser funktionieren.
Das einzige Stück, mit dem ich nun gar nichts anzufangen weiß, ist das „Gewitterlied“, was mich ein wenig betrübt, denn auf dieses Duett mit Dota Kehr habe ich mich im Vorfeld sehr gefreut. Weder bei der musikalischen Ausgestaltung, noch beim Text, der durch die vielen Enjambements anfangs schwer verständlich ist, mag bei mir der Funke überspringen. Das ist insoweit zwar schade, aber durchaus verschmerzbar, weil es das einzige Stück ist, das mir nicht gefällt.
Glücklicherweise mit aufs Album geschafft hat es seine – schon im Vorfeld als Single veröffentlichte – wilde Anklage der „Deutschlehrer“. Es ist schwierig, sie mit Worten zu beschreiben, hört es euch selbst an. Ein Meisterstück.
Neben noch weiteren Liedern, zum Beispiel „Das Ding, das die Treppe runter gehen kann“, „Die Gespräche der Krähen“ und und und (insgesamt 23 Lieder), befindet sich auch wieder ein gesprochener Beitrag „Volkshochschule contra Kleinkunst“ auf der Live CD. Weniger auf Pointen ausgelegt, wie „Bonn“, sondern eher eine eloquente und hintersinnig witzige Abhandlung.
Kurzum: Ein wirklich tolles und abwechslungsreiches Album, das seine Vorgänger noch übertrifft, voller Witz und Poesie.

P.S.: Eines meiner Lieblingslieder Krämers, der „Giraffentango“, ist in einer textlich leicht veränderten Version auch auf der CD.

Linktipps:
Dieses Video gibt einen Einblick in die Produktion des Albums
Und noch ein paar ältere Lieder: Meine Lieder; Abesse percipere; Wovon träumst du

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5 Antworten auf „„Sehnsucht ist gemein““


  1. 1 Morph 17. Mai 2011 um 1:20 Uhr

    Also ich finde deine Musikkritik äußerst gut gelungen. Du hast es geschafft, in mir die Neugier zu wecken und so hörte ich mir den Sebastian Krämer mal an.

    Gerade sein Stück über die Deutschlehrer_innen gefiel mir gut. Alles in Allem ist seine Musik nicht ganz meine Baustelle, aber bemerkenswert ist sie trotzdem, wie ich finde.

    Dass an „Musikkritiker_innen doch meist kaum ein gutes Haar zu lassen ist“, dem kann ich nur teilweise zustimmen. Entweder liest du die falschen Musikkritiken oder aber dir kann es einfach keine_r recht machen :P

    Mir haben sogenannte Plattenkritiken schon oft geholfen, den ein oder anderen musikalischen Schatz (meist im Metal-Bereich) zu entdecken und auf der anderen Seite haben sie mich oft davor bewahrt, mir verdammt schlechten Mist zuzulegen. Natürlich verlasse ich mich dabei nicht auf eine Einzelmeinung, sondern ich vergleiche dann meist mehrere Kritiken und schaue, in welchen Punkten sie übereinstimmen.

    Naja, ich hoffe, das Lob über deine Musikkritik ist zu dir durchgedrungen. ;)

    Die allerbesten Grüße,

    Morph

  2. 2 Emil 17. Mai 2011 um 2:24 Uhr

    „Entweder liest du die falschen Musikkritiken oder aber dir kann es einfach keine_r recht machen :P

    Vermutlich letzteres :) Aber im Ernst: Der Kunst Begriffe überzustülpen, beschneidet den Gegenstand unvermeidlich und eine Kritik, die nur zitierend wiedergibt, ist letztlich keine mehr. Zudem haben Kulturkritiken (Musik, Film …) den Zweck oder zumindest den Nebeneffekt Kunst äquivalent zu machen, vergleichbar mit anderen Kulturwaren. So etwas findet sich besonders in Wertungsskalen wieder.

    Abgesehen davon finde ich es besser, Kunst selbst zu erfahren und sich a posteriorie darüber mit anderen auszutauschen oder Kritiken zu lesen. Was sich natürlich mit dem Warencharakter, den alle Kultur in der Tauschgesellschaft hat, schwer vereinbar ist.

    Ein paar wirre Gedanken vor dem Schlafengehen… ich bin müde.
    O, ich hab den Text vergessen zu gendern, wie mir grad auffällt.

  3. 3 George 17. Mai 2011 um 18:09 Uhr

    find es auch ein sehr gelungenes review.
    hat mich auf jeden fall neugierig gemacht mir noch weitere songs vom herrn krämer anzuhören und mir so den tag versüßt

  4. 4 Weimar 26. November 2013 um 17:48 Uhr

    Sebastian Krämer kenne ich erst seit kurzem, als ich ihn mal im Fernsehen gesehen habe. Dass er den Poetry Slam gewonnen hat, wusste ich nicht, ist aber auch nicht verwunderlich, wenn man mal so einige Lieder bei Youtube gesehen hat. Besonders „Deutschlehrer“ finde ich genial und könnte von der Vortragsweise schon ein Poetry Slam Beitrag sein. Auf jeden Fall gefällt es mir am besten und erinnert mich doch in vielen Teilen an meine eigene Schulzeit. „Alles, was uns jetzt noch bleibt“ ist auch super, weil man es aufgrund der Melodie sehr oft hören kann und es dabei eine politische Botschaft hat, die ich gut finde.

  5. 5 Emil 27. November 2013 um 11:47 Uhr

    In naher Zukunft werde ich auf meinem Blog sein neustes Werk, welches Anfang Dezember erscheint, rezensieren. Vorab kann ich schon mal sagen, dass ich das Programm bereits im Frühjahr gesehen habe und es sehr gut fand.

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