Die andere Seite

Unter deinen bleichen Wangen
Sucht die Träne ihren Weg.
Weißt mir dir nichts anzufangen,
Glück ist Andrer Privileg.

Kannst nicht schlafen, kannst nicht wachen,
Bist ein einziges Gespenst.
Siehst im Spiegelbild Tatsachen,
Die du nicht mehr anerkennst.

Liegst nur da und scheust Bewegung,
Auch die Mimik ist erstarrt.
Im Gesicht als letzte Regung
Wächst nur noch das Haar im Bart.

In den grauen Menschenmassen
Klebt dir Sehnsucht im Genick.
Magst die Wohnung nicht verlassen,
Dir genügt der Fensterblick.

Nüchtern starrst du in die Weiten.
Liebe ist ein süßer Wein.
Willst in diesen tristen Zeiten
Einmal nur betrunken sein.

Irgendwann ermüden Lider
Ob der ganzen Grübelei,
Und der Schlaf säumt alle Glieder
Zur befreiten Träumerei.

Morgen wirst du auch erwachen
Und ein neuer Tag rumort.
Ohne Hoffen, ohne Lachen,
Und so weiter und so fort.

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6 Antworten auf „Die andere Seite“


  1. 1 Morph 08. Mai 2011 um 9:36 Uhr

    Dieses Gedicht gefällt mir richtig gut. Isolation, die Suche nach Liebe oder auch nur irgendetwas Anderem Schönen, Hoffnungslosigkeit – das hast du sehr gut auf den Punkt gebracht.

    Dein Spiel mit den Wörtern ist absolut fantastisch.
    Als Beispiel:

    Nüchtern starrst du in die Weiten.
    Liebe ist ein süßer Wein.
    Willst in diesen tristen Zeiten
    Einmal nur betrunken sein.

  2. 2 Morph 08. Mai 2011 um 9:38 Uhr

    Ich weiß gar nicht, wo der Rest meines Kommentars abgeblieben ist…

    Ich schrieb, dass das Gedicht dazu anregt, die Gesellschaft wärmer zu machen und sich selbst zu hinterfragen, ob mensch nicht selbst ein wenig kalt geworden ist.

    Großes Lob, Emil!

    Beste Grüße, Morph.

  3. 3 Emil 08. Mai 2011 um 12:00 Uhr

    Hey Morph,
    danke für deine liebe Kritik.
    Es freut mich, dass auch etwas subtilere Gesellschaftskritik als solche wahrgenommen wird.

    Liebe Grüße,
    Emil

  4. 4 Emil 27. Mai 2011 um 18:24 Uhr

    Der aktuelle „Kulturbeutel“ vom Schmetterlingsgesang-Blog enthält eine kleine Kritik meines Gedichtes:

    „Ein bisschen Herz-Schmerz und Verflossene-Liebe ist auch bei “Die ander Seite” von Emil (@halbstarklyrik) dabei. Jedoch ohne humorige Pointe. Das läuft gerade auf ein Desaster zu, welches dann im nächsten Erwachen zu bestehen scheint. Mir gefallen ein paar von den unechten Reimen nicht — ich weiß nicht, ob das vom Dialekt bedingt ist. Sonst ist das Gedicht sicherlich lesenswert, auch wenn es etwas an die Schreibversuche eines depremierten Teenagers erinnern…“

  5. 5 Stefan Enke 27. Mai 2011 um 19:09 Uhr

    Hallo Emil,

    mit den unechten Reimen meinte ich zum Beispiel “rumort” (lang) zu “fort” (kurz), sowie “erstarrt” (kurz) zu “Bart” (länger). An “wachen” und “Tatsachen”, die du in deinem Kommentar zur Kritik erwähnt hast, hätte ich nun weniger etwas auszusetzen, dass passt für mich eigentlich auch der Betonung nach. Schließlich liegt auch bei den Tatsachen die Betonung auf den -sachen.

    Gruß zurück,
    Stefan

  6. 6 chii 16. Januar 2012 um 20:30 Uhr

    hey,
    danke für die empfehlung, das gefällt mir fast noch besser. du hast die stimmung total gut eingefangen!
    grüße von einem lyrik-laien

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