Archiv für Mai 2011

Kritik des Schafes

Ich ging spazieren durch die Landschaft
Und machte abermals Bekanntschaft
Mit einem neunmalklugen Vieh.
Prompt standen wir uns vis à vis:
„Ach, Schaf“, begann ich zu bedauern
„Du musst stets auf der Koppel kauern
Und wirst nie frei und glücklich sein.
Gemein ist so was. Ganz gemein!
Zu gerne blökst du als der brave
Wolllieferant und bist nur Sklave.
Kommt dir nicht öfters in den Sinn
So frei zu sein, wie ich es bin?“
Das Schaf sah hoch und hob die Brauen,
So cool wie Schafe nun mal schauen,
Und gab zutiefst gedankenvoll
Das Folgende zu Protokoll:
„Da hast du Recht, ich werd’ geboren
Nur zu dem Zweck, dass ich geschoren
Und immerzu geschoren werd’,
Das ist das Schicksal, das mich nährt.
Jedoch geschieht’s nur einmal jährlich
Den Rest, den lebe ich entbehrlich
Als dieser Wiese Untertan
Mit frischem Klee und Löwenzahn.
Doch deine Haut, dem Joch entschlagen,
Musst täglich du zu Markte tragen.
Geschoren wirst du Tag um Tag,
Sieh nur in deinen Werkvertrag!
Du denkst dich frei im Paradiese
Und bist nur frei von einer Wiese.
Beginne ich mich umzuschaun,
Stehst Du nicht vor, nein hinterm Zaun.“

Anmerkung:
Knüpft an die Kritik der Kuh an.

„Sehnsucht ist gemein“

Eine Musikkritik zu schreiben, kostet mich einige Überwindung, ist an Musikkritikern doch meist kaum ein gutes Haar zu lassen ist. Dass ich nun eine Ausnahme mache, ist einem Ausnahmekünstler geschuldet: Sebastian Krämer hat mit der „Akademie der Sehnsucht“ im vergangenen Monat ein neues Album veröffentlicht. (mehr…)

Die andere Seite

Unter deinen bleichen Wangen
Sucht die Träne ihren Weg.
Weißt mir dir nichts anzufangen,
Glück ist Andrer Privileg.

Kannst nicht schlafen, kannst nicht wachen,
Bist ein einziges Gespenst.
Siehst im Spiegelbild Tatsachen,
Die du nicht mehr anerkennst.

Liegst nur da und scheust Bewegung,
Auch die Mimik ist erstarrt.
Im Gesicht als letzte Regung
Wächst nur noch das Haar im Bart.

In den grauen Menschenmassen
Klebt dir Sehnsucht im Genick.
Magst die Wohnung nicht verlassen,
Dir genügt der Fensterblick.

Nüchtern starrst du in die Weiten.
Liebe ist ein süßer Wein.
Willst in diesen tristen Zeiten
Einmal nur betrunken sein.

Irgendwann ermüden Lider
Ob der ganzen Grübelei,
Und der Schlaf säumt alle Glieder
Zur befreiten Träumerei.

Morgen wirst du auch erwachen
Und ein neuer Tag rumort.
Ohne Hoffen, ohne Lachen,
Und so weiter und so fort.