Blume am Wegesrand

Ich wollte dir ein Blümlein pflücken,
Doch hab’s nicht übers Herz gebracht
Ihm seinen Hals fest zuzudrücken,
Sodass ich es nicht unbedacht
Dem Boden, der es nährt und säugt
Entriss und so verhindert hab’,
Dass es bald neue Blumen zeugt
Und dass es gibt, was man ihm gab.

Stattdessen nahm ich dich zum Staunen
Und zum Verweilen gradwegs mit.
Als Teil der Floren und der Faunen
Erfuhren wir der Erde Schritt.
Das Leben zog auf Zehenspitzen
Pulsierend durch den wilden Hain.
Du kannst es lebend nicht besitzen,
Erst wenn es tot ist, ist es dein.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • email
  • Tumblr

8 Antworten auf „Blume am Wegesrand“


  1. 1 Morph 18. April 2011 um 8:15 Uhr

    Gefällt mir und erinnert mich total an die beiden Gedichte, welche Erich Fromm am Anfang seines Buches „Haben oder Sein“ miteinander vergleicht und denen er dann noch ein Gedicht Goethes gegenüberstellt.

  2. 2 Emil 18. April 2011 um 11:24 Uhr

    Jetzt, wo du es sagst. Hab grade nochmal ins Buch geschaut und es stimmt. Dort wird das Motiv auch behandelt. Kann gut sein, dass mich das unbewusst beeinflusst hat, schon lange her, dass ich „Haben oder Sein“ gelesen habe. Meine bewusste Inspiration war eigentlich eher die „Dialektik der Aufklärung“ bzw. der Naturbeherrschung.

    Nachtrag:
    Da es in diesem Gedicht vorallem um instrumentelle Vernunft geht, kann es auch gut sein, dass mich Horkheimers Buch anregte, dieses Gedicht zu schreiben. Wie dem auch sei. Unstrittig ist die Inspiration durch die Kritische Theorie.

  3. 3 Träger des Lichts 24. April 2011 um 22:27 Uhr

    Sehr gut, Emil. Technisch wie inhaltlich sehr gut zu lesen und nachdenklich machend. Gern gelesen.

  4. 4 Theo D. 27. April 2011 um 12:42 Uhr

    Sehr schön…
    Dein Gedicht erinnert mich an: „Ich sah am Wegesrand ein Blümlein stehn…“

    Gruß
    Theo D.

  5. 5 Emil 27. April 2011 um 13:45 Uhr

    Das Gedicht von Goethe kannte ich bisher noch nicht, aber ich bin auch kein Goethefan. Die „Blume am Wegesrand“ ist ähnlich wie die „Träne im Regen“ ein populäres Motiv in der Dichtung und wurde schon von verschiedensten Dichtern aufgegriffen.

  6. 6 Jörg 20. Juni 2012 um 9:46 Uhr

    Haben gestern in nem Seminar ‚Haben und Sein‘ besprochen und da kam auch der Gedicht-Vergleich. Hab dann mal dein Gedicht dazu in den Raum geworfen. Auch wenn es nicht den „Sein-Typ“ verdeutlichen soll: dein Gedicht kam gut an :)

  7. 7 Emil 20. Juni 2012 um 11:07 Uhr

    Yeah, das freut mich wirklich. Wie ich schon schrieb, ich habe mich eher auf die herrschende instrumentelle Vernunft kritisch bezogen, aber das schließt Fromms Kritik wohl auch nicht aus.

  1. 1 xtrasize Trackback am 21. Juli 2013 um 3:26 Uhr

Antwort hinterlassen

XHTML: Du kannst diese Tags benutzen: <a href=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote> <code> <em> <i> <strike> <strong>


+ vier = fünf