Die Toleranz der Belustigung

Der Fernsehsender Pro Sieben hat gestern zum „Tolerance Day“ ausgerufen. Heißt: Ab 17 Uhr wurden die Zuschauer_innen mit einem Entertaimentpaket zum Thema Toleranz beschallt. Alles wurde eingebunden: 2 Simpsonsfolgen über Abschiebepolitik in Springfield und intrachristliche Konflikte; die Edutainemt Sendung „Galileo“, die sonst empirisch in Erfahrung bringt, wie viel Fastfood ein dicker Mann namens Jumbo essen kann, zeigte, welche Fauxpas man bei der Begrüßung in anderen Kulturen begehen kann. Im Anschluss folgte der Spielfilm „Die Welle“, eine auf hip getrimmte Neuverfilmung der 80er Jahre Schullektüre.
Das alles verlief unter dem Motto „Enjoy difference, start tolerance“. Im Anschluss zum Film wurde (nur hypothetisch) geprüft, wie Deutschland ohne „Ausländer“ aussähe. Die Werbevorschau verriet: Die Lichter gingen aus. Die Botschaft: Deutschland braucht also „die Ausländer“. Was wäre ein „schönes Deutschland“ nur ohne die Panflötenspieler_innen in der Einkaufsstraße, ohne die Dönerverkäufer_innen oder die Schwarzen, die bei Hertie den Toilettendienst machen. Und diese Differenz sollen die Deutschen genießen, sich an ihr erfreuen. „Die Ausländer“ geben etwas Genießbares und dafür werden sie auch toleriert.
Hinter solchem „positivem Rassismus“ (im Sinne posititiver Diskriminierung) stehen dieselben Stereotype und Vorurteile, dasselbe Kategorien- und Identitätsdenken wie hinter seinem bösen Bruder, dem ungeliebten, offenen Rassismus. Dass sich die Menschen durch seine positive Variation aber weltoffen und tolerant fühlen, macht ihn zusätzlich perfid.
Schon zu Zeiten des deutschen Kaiserreichs (1871 – 1919) wussten sich die Deutschen bei sogenannten „Völkerschauen“ an den Unterschieden zu den außereuropäischen Menschen zu erfreuen, die ihnen in Zoos präsentiert wurden. Heute ist es natürlich anders. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft ergötzt sich an Multikulti auf der Straße, genießt die Exotik der Anderen und schätzt die Konsumierbarkeit. Aber wehe „die Ausländer“ und „Migranten“ wissen mit ihrem „Anderssein“ nicht zu unterhalten. Wenn die Menschen stattdessen Hilfe brauchen und Asyl suchen, werden sie in Lager gesteckt. Lager, in deren interner Infrastruktur nichts fehlt und mit einer Residenzpflicht versehen, damit sie keine Möglichkeit haben am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Kurz gesagt: Pech für den, der nicht jonglieren und damit das gute Gewissen beruhigen kann. Die Toleranz endet, wo die „Nutzlosigkeit“ anfängt. Es ist ein Grundprinzip kapitalistischer Gesellschaften. Das Recht auf ein menschenwürdiges Leben ist nicht bedingungslos, sondern an die Teilnahme am Selbstverwertungsprozess des Kapitals geknüpft. Genießt das ansässige Proletariat für seine Reproduzierbarkeit noch ein Gnadenbrot (Hartz 4), sind Außenstehende für die Reproduktion der kapitalistischen Verhältnisse nicht notwendig und es besteht demnach kein Interesse an der Erhaltung ihrer Arbeitskraft und damit an ihrem Leben. Wenn Asylsuchende nicht – ob ihrer Haftbedingungen und der drohenden Abschiebung – schon in den Suizid getrieben werden, erwartet sie meistens in den Zielländern existenzielle Not oder auch Folter (zum Beispiel in Syrien [siehe Konkret 9/2010]).
De facto wurde das Asylrecht nämlich 1993 – als Reaktion auf die Pogrome und Morde von Neonazis, die die Differenzen nicht genossen – abgeschafft. De jure besteht eine Drittstaatenreglung. Menschen können also erstmal in den Staat abgeschoben werden, über den sie eingereist sind, sofern er ein Asylgesetz hat. Soweit kommen die meisten aber ohnehin nicht. Mit Gadaffi hatte man lange Zeit einen willigen Bündnispartner, der für Waffenlieferungen die Flüchtlinge schon an der afrikanischen Nordküste abfing. Wer ihm entgehen konnte, traf auf Frontex. Die „Festung Europa“ (Zitat: Rainer Wendt, Chef der deutschen Polizeigewerkschaft) steht.
Ist aber „Enjoy difference“ nicht gut gemeint? Der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant, Verfasser des berühmten kategorischen Imperatives, erkannte, dass Moral, die von Gefühlen geleitet wird, nicht mehr als ein Alibi ist. Handelt man, weil man die „Unterschiede genießt“, bestimmen affektive Neigungen das Handeln. Eine solche Entscheidung hat nichts mit Vernunft zu tun. Moralisch und tolerant wäre vielmehr ein Handeln, dass Menschen nicht nur wegen ihrer (als positiv bewerteten) Differenz respektieren würde, sondern gegebenenfalls auch trotz ihrer (als negativ bewerteten) Differenz. Weiter noch, moralisches Handeln ist ein Handeln, in dem die Differenz keine Bedeutung hat, der Mensch nicht bewertet wird, sondern jedem Menschen die Menschenrechte ohne wenn und aber zuteil werden; ein Handeln, in dem Menschen nicht nach Kategorien bewertet (was immer in eine Entwertung umschlagen kann) werden, sondern jeder Mensch in seiner Besonderheit nicht nur toleriert, sondern auch respektiert wird.
Die Toleranz aber, die Bedingungen stellt, kotzt mich an.

Hör- und Lesetipps:
Noch mehr von guten Bürger_innen: „Der kommende Anstand
Wiglaf Droste zur Toleranz: „Eiapopeia mit Negern

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8 Antworten auf „Die Toleranz der Belustigung“


  1. 1 j 09. April 2011 um 5:57 Uhr

    eine treffende analyse. du bringst so ziemlich alles was mir beim zappen durch den kopf gegangen ist auf den punkt. gerne gelesen.

    liebe grüße
    j.

  2. 2 juli 09. April 2011 um 12:41 Uhr

    spannend zu lesen und sehr schön analysiert!
    was bin ich froh, schon seit etwa 5 jahren keinen fernseher mehr zu haben – da bleibt einem manches erspart ;)

    liebe grüße,
    juli

  3. 3 Emil 09. April 2011 um 19:05 Uhr

    Hey ihr beiden,
    danke für eure Kommentare und eure positive Kritik.
    Der Text war eine spontane Reaktion auf die schrecklichen Kommentare bei Twitter.
    Ich muss dir natürlich recht geben Juli, dass derzeit im Fernsehen fast ausschließlich Müll läuft, der den (Neben)Effekt hat, dass der Frust der Unzufriedenen rekuperativ kanalisiert wird. Trotzdem denke ich, dass das Medium Fernsehen durchaus emanzipatorisch genutzt werden könnte und auch gelegentlich wird. Dennoch bleibt natürlich das Grundproblem dieses Formats bestehen, dass die (aktiv) Sendenden immer nur Wenige sind, die (passiv) Empfangenen dagegen die große Mehrheit, weshalb es schwierig zum Handeln motivieren kann und die Mehrheit eher in einer Konsumerwartung erstarren lässt. Es bietet aber auch oft einen guten (Zerr)Spiegel unserer Gesellschaft, wie ich in diesem Artikel zu zeigen versucht habe und unterschwellige Mechanismen treten unverblümt zutage. Deswegen versuche ich meine Kritik nicht nur auf inhaltlicher Ebene zu artikulieren, sondern auch die Kanäle zu kritisieren.

    Liebe Grüße,
    Emil

  4. 4 jk 12. April 2011 um 14:28 Uhr

    Lest euch das mal dazu durch. Dann wisst ihr, wer wirklich schlimm drann ist in Deutschland: Die Trachtenträger… manchmal bekommt man echt zuviel. http://www.facebook.com/2aidorg/posts/10150167978883728
    Ps.: Dein Post ist lesenswert :)

  5. 5 Nils 15. April 2011 um 21:50 Uhr

    Vielen dank Emil!
    Du sprichst mir sehr aus der Seele!
    Ich beschäftige mich zur Zeit recht viel mit dem Thema Asyl(-recht) und es wird für mich immer grausamer, was in dieser Welt passiert!
    Erst gestern erführ ich wieder von einer Familie, dass sie abgeschoben werden soll. Die Familie (Vater, Mutter, zwei Kinder und ein Baby), die aus Syrien stammt soll innerhalb einer Woche in ihre „Heimat“ zurückkehren. Falls diese Familie nicht „freiwillig“ ausreist, droht ihnen ein Abschiebeverfahren.
    In Syrien würden sie jedoch sofort in ein Gefängnis gesperrt werden, weil es dort illegal ist, in einem anderen Land einen Asylantrag zu stellen.
    Und mich kotzt es auch an! Mich kotzt es richtig an! Das sind Menschen, die verfolgt und gefoltert werden und anstatt, dass der deutsche Staat versucht ihnen wirklich zu helfen, bietet er ihnen eine freiwillige Rückreise an, der Flug wird ihnen „selbstverständlich“ bezahlt.
    Sie versuchen zu fliehen vor Krieg, Folter, Politik. Aus Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder. Dann wird ihnen noch in den Hintern getreten, indem sie hier in Abschiebelagern wie Masttiere gehalten werden.
    Und um ehrlich zu sein, ich hätte nichts dagegen, wenn es dafür knallt!

  6. 6 Morph 16. April 2011 um 0:33 Uhr

    Ergänzung zu Nils:

    Ganz zu schweigen von Dingen wie der Mitwirkungspflicht, schikanöser Behandlung und Willkür in den Heimen und den Behörden, dem lächerlichen Gutscheinsystem, der täglichen Angst, abgeschoben zu werden. Genauso kommt es vor, dass Flüchtlingen und Asylbewerber_innen unterstellt wird, sie würden lügen und absichtlich ihre Identität verschleiern, um sich so vor der Abschiebung „zu drücken“. Dabei ist es doch logisch, dass wenn Menschen aus einem Kriegs-, Krisengebiet o.ä. flüchten müssen, sie wahrscheinlich nicht zu allererst an Pässe etc. denken, oder sehe ich das falsch?
    Ebenso heftig sind die Vorurteile, mit denen Flüchtlinge von vielen Menschen in Verbindung gebracht werden. Je nach Auffassung des/der Vorverurteilers/Vorverurteilerin sind sie dann entweder Wirtschaftsflüchtlinge, die unrechtmäßig was von „unserer hart erarbeiteten Torte Deutschland“ abhaben wollen oder aber ihnen wird unterstellt, sie wollen ja gar nicht arbeiten. Wobei letzteres sich als besonders haltlos erweist, denn viele wollen arbeiten, bekommen aber aufgrund ihres Status‘ überhaupt keine Arbeitserlaubnis.

    Totale Scheiße!

    No borders – No nations!

  7. 7 Basti 07. Mai 2011 um 21:56 Uhr

    Sehr guter Artikel, eventuell solltest du mal darüber nachdenken, dich als Kolumnist zu versuchen, professionellerweise meine ich.

    Ich habe mir den „Tolerence day“ gar nicht erst zu Gemüte geführt, denn hier ist man tatsächlich so dämlich, gleich im Motto den ersten, eigentlich schon unverzeihlichen Bock zu schießen: „ENJOY DIFFERENCE“… Ist das nicht genau die Geisteshaltung, auf der rassistische Stereotypen eigentlich entstehen, gegen die man hier angeblich angehen will…?

    Was das „Medium TV“ als Gefahr angeht: Dein Artikel ist im Grunde der Beweis, dass das eigentlich gefährliche die von dir bereits beschriebene „passive“ Seite in sich trägt. Denn jede Information kann, bei entsprechender Motivation zum Selberdenken, am Ende ein positives Ergebnis in den Gedanken des Empfängers ergeben, mag sie noch so subjektiv vorbelastet, dämlich oder auch einfach nur falsch sein. Dein Artikel beweist das, wie gesagt.
    Ist die angesprochene Motivation nicht vorhanden, dann wirkt der Haufen Schrott, den man momentan im TV zu sehen bekommt zwar als Gefahr, jedoch ist er nicht das Problem. Vielmehr wird das eigentliche Problem durch ihn zum Ausdruck gebracht.

    Peace

    Basti

  1. 1 „Die Toleranz aber, die Bedingungen stellt, kotzt mich an.“ « Friede, Freude, Schnittlauch futtern. Pingback am 10. April 2011 um 15:00 Uhr

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