Deutsche Zustände 2011

Warum schreien die so?fragt sich heute ein Journalist der Nürnberger Zeitung (NZ). Gibt es einen Grund? Fangen wir vorne an: Vorgestern veröffentlichte das Bildblog den Beitrag „Sprühfarbe ins Feuer“ über einen Artikel über die Graffitikultur jenes Journalisten. Dort stellte der Autor fest:

Zumal viele noch nicht einmal den so genannten Tag beherrschen, also den schwungvollen Namenszug, sondern einfach nur ihren Namen hinschreiben, Acab beispielsweise, einen türkischen Vornamen. Offensichtlich ist es einigen türkischen Jugendlichen ein Bedürfnis, nur ja die Vorurteile zu verstärken und Öl in das von Sarrazin entfachte Feuer zu gießen.

Das Bildblog klärte auf, dass Acab „die Kurzform von „All cops are bastards“ („Alle Bullen sind Bastarde“) und in dieser Form seit mehr als 30 Jahren in Gebrauch“ ist. Keine große Rechercheleistung, erhält man doch, wenn man diese 4 Buchstaben in eine Suchmaschine eintippt, einen guten und umfangreichen Wikipediaartikel und wenige Suchergebnisse darunter einen Artikel eines Infoportals über Rechtsextremismus, der offenbart, dass mittlerweile auch Neonazis diese ursprünglich linke Parole kopiert und übernommen haben.
Entsprechend folgerte das Bildblog, dass „[d]as Öl im Feuer […] also eher von der „Nürnberger Zeitung“ und dem Vorurteil ihres Autors“ stamme. Schnell wurde der Artikel über gängige soziale Netzwerke verbreitet und erntete Hohn, Spott und Empörung.
Dies bewegte NZ zu einer Stellungnahme, in der es heißt:

Unabhängig von der Aussage ist Acab kein türkischer Vorname, sondern die Abkürzung für „All Cops Are Bastards“. Das wissen viele, manche aber auch nicht. Dass das so in die Zeitung kommen konnte, ist ein Fehler, der eigentlich nicht passieren darf. Wir bemühen uns, Fehler nach Möglichkeit zu vermeiden. Aber leider gelingt uns dies nicht immer vollständig.

Also nur ein blöder Fehler, der in redaktioneller Eile schon mal vorkommen kann?
Auch der Autor selbst meldete sich zu Wort. Schon Guttenberg bewies, das Realitätsverdrängung derzeit Konjunktur hat und ähnlich unbeholfen und trotzig antwortete auch der Autor des Graffititextes, Magnus Zawodsky. Wie Guttenberg war er sich nicht nur keiner Schuld bewusst, sondern verlagerte auch das eigentliche Problem, indem er die am Anfang zitierte Frage damit beantwortet, dass „sie nicht glauben können, dass ich nicht weiß, dass ACAB “All Cops Are Bastards” heißt.
Mit „sie“ meint er vermutlich die amorphe Masse der digital empörten, zu der ich mich auch zähle. Ich kann aber sehr wohl glauben, dass Bildungsbürger_innen und solche, die sich dafür halten, nicht jede subkulturelle Parole kennen. Weil er ACAB nicht kannte, zog er als Quelle „im Park beim Hundespaziergang eine mir bekannte Lehrerin“ heran. Dass Leher_innen nicht per se die Weisheit in Person sind, bewies in meiner Schullaufbahn unter anderem meine ehemalige Klassenlehrerin, die immer noch die deutschnationale Mär kolportiert, dass die deutsche Sprache beinahe Amtssprache in den USA geworden wäre. Wie dem auch sei; die intellektuelle Autorität der Lehrerin machte weitere Recherchen, wie schnell sie auch gingen, überflüssig. Er rechtfertigt sich weiter, dass es auf der Wikipedia Fehler gebe und dass er der türkischen Sprache nicht mächtig sei. Außerdem sei sein Artikel ja „insgesamt sehr positiv bewertend“ und spöttelt daher: „Das war fast schon Walldorfpädagogik [sic!].“ Dass der geistige Vater der Waldorfpädagogik, Rudolf Steiner, selbst äußerst fragwürdige Bücher geschrieben hat, sei nur am Rande erwähnt. Das Bildblog kommentiert er nicht näher erläuternd mit „die haben’s nötig“. Den „Gutmenschen“ (was er wohl als Spottwort versteht) empfiehlt er einen Artikel über die eugenischen Vorstellungen „führende[r] SPD-Köpfe“. Inwiefern er damit seinen eigenen Standpunkt verteidigen will, ist mir schleierhaft. Er bemüht wahrscheinlich die fragwürdige Argumentionstruktur der Guttenberg Apologeten: die anderen schreiben doch auch ab; haben Dreck am stecken oder halt: Sind Eugeniker.
Kurzum: Rechtfertigungen, Schuldabweisungen und ein weitläufiges Umfahren der eigentlichen Vorwürfe. Im Zuge dessen wähnt er sich in Sicherheit, weil aus seinem Namen ja hervorginge, dass er einen Migrationshintergrund habe, daher sei es eine „Verblendung“ ihn der „Fremdenfeindlichkeit“ zu bezichtigen. Fremde?

Abstrahieren wir von diesem Einzelfall und betreiben scheinbar Wortklauberei. Noah Sow erklärt in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß“ zu dem Begriff „fremdenfeindlich“:

Dieser Ausdruck wird ebenfalls noch oft als vermeintliches Synonym für die Vokabel „rassistisch“ verwendet. Fremdenfeindlich ist eine Tat aber nur, wenn sie gegenüber einem Fremden verübt wurde, beispielsweise einem Touristen oder kürzlich Zugezogenen.“ (Sow 2008: 32)

Sicher, Frau Sow erläutert den Begriff in einem anderen Kontext. Dennoch trifft das Argument zu. Zu betonen, türkischen Jugendlichen gegenüber nicht fremdenfeindlich zu sein, bedeutet im Umkehrschluss diese als Fremde zu betrachten. Auch wenn die Fremdheit nicht bewertet bzw. entwertet wird, wird sie Menschen zu geschrieben. Man kann nur darüber spekulieren, was es bedeutet „türkische Jugendliche“ nicht als Mitbürger_innen, sondern als Fremde zu sehen. Solche sprachlichen Ungenauigkeiten die unbewusst, aber bestimmt nicht zufällig entstehen, erhalten, nach Sow, den rassistischen Status Quo. (vgl. Sow 2008: 30 ff.)
Wie kommt es dazu, dass die Erklärung, das Graffito ACAB sei nur ein türkischer Vorname, plausibel erscheint? (Hinzu kommt der Fakt dass ACAB eine wirklich häufige Parole ist, die in jeder Stadt zu finden ist.) Dieser absurde Gedanke ließe sich mit einem rassistischen Denkmuster erklären. Menschen türkischer Herkunft bzw. alle Menschen, die nicht dem Bild des weißen, hetrosexuellen deutschen Mannes entsprechen, werden oft nicht als Individuen wahrgenommen, sondern vielmehr als eine homogene Bevölkerungsgruppe. So werden ihnen einheitliche Verhaltensmuster und ähnliches angedichtet. In ganz platt rassistischen Kreisen führt jene Homogenität dazu, dass es nicht mehr viele verschiedene Menschen mit türkischen Wurzeln gibt, sondern nur noch den Türken und dieser hat natürlich auch einen Namen: Ali.
Dass eine Bevölkerung auf einen Stereotyp reduziert wird, dieser personifiziert und benannt wird, ist nichts Neues. In der Nazidiktatur wurden Menschen mit jüdischer Wurzel (oder was die Nazis dafür hielten) 1938 durch die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ zwangsmäßig in Israel oder Sara unbenannt. Diese Gleichmachung war ein bewusstes Instrument um die Individuen zu nivellieren und zu einem klaren Feindbild einzuebnen.
Aber auch der stereotypische Deutsche trägt einen Namen: der deutsche Michel. Bevölkerungsgruppen aufgrund rassistischer Stereotype zu homogenisieren und zu personifizieren hat also Kontinuität. So ließe sich der Gedankengang erklären, dass in unzähligen Städten türkische Jugendliche, also die Acabs (als Kinder der Alis) Wände mit ihrem Namen bemalen. Und natürlich nur die Acabs. Zumindest hab ich noch nirgendwo „Kevin“ oder „Björn“ oder andere „deutsche“ Namen an Wänden gesehen. Diese Form des (kulturellen) Rassismus ist so tief in den gesellschaftlichen Verhältnissen verankert, dass derartige, die Grenzen der Absurdität überschreitende, Schlüsse logisch erscheinen.
Dieser Text ist kein Vorwurf, keine Anklage oder Beleidigung des Autors der NZ. Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, dass er seine Rechtfertigungen ernst meint und dass er die Empörung wirklich nicht versteht. Es ist ein Versuch absurde Argumentationsmuster mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu erklären. Es ist daher keine Kritik von Einzelpersonen, sondern von gesellschaftlichen Verhältnissen. Es war weder ein „Fauxpas“, wie die Redaktion schrieb, noch ein bedauernswerter Einzelfall. Es war ein Ausdruck kontinuierlich rassistischer, gesellschaftlicher Verhältnisse und das macht den Fall so empörend; deshalb, um auf die anfängliche Frage zurück zu kommen, schreie ich so.

Weiterführende Links:
No-go-area Deutschland: Monatliche Chronik über den deutschen Alltag von Konkret
Deutsche Zustände 2010: Studie über gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Deutschland

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