Archiv für Januar 2011

Der kommende Anstand

Es grollt und rollt des Bürgers Wut
Durch sein gelobtes Ländchen.
Ihm fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
drum fassen seine Händchen
Auch andre Händchen zum Protest;
Er hält sich für politisch.
Und schwingt er reden vom Podest,
Dann ist er wahrlich kri-
cherisch wie immer schon,
Doch nennt es selber Rebellion.

Und Nazis findet er mit Grund
Ganz doof, so muss er handeln.
Er malt daher die Stadt schön bunt,
Wenn Nazis sie durchwandeln.
Dann steht er sich die Füße platt
Mit seinen Bürgerkindern
Und will den Aufmarsch durch die Stadt
Mit aller Kraft ver-
Höhnen, denn die Polizei
Lässt unsern Bürger nicht vorbei.

Der Bürger steht oft hinterm Zaun
Und hinter Fensterschreiben.
Von dort ertönt ein freches Raunen
Zum Bagger: „Oben bleiben!“
Und wenn der Staat ihn niederzwingt,
Aufgrund der lauten Klagen,
Ist unser Bürger unbedingt
Darauf bedacht zu schl-
ichten, denn ein jeder Streit
Ist eine Ungemütlichkeit.

Der Bürger ist inzwischen ganz,
Ganz bös’ auf die dort oben.
Drum geht er tief an die Substanz,
Um sich dort auszutoben.
Den Staat, der ihm sein Recht eindämmt,
Dem er Tribute zollte,
bedroht er frech und ungekämmt
und lautstark mit Re-
formen, das er besser wird
Und neue Bürgerwut gebiert.

Anmerkung:
Oben bleiben, liebe Wutbürger_innen, ganz weit oben!

Romantische Szene bei fröstelnder Mondnacht

Er:
Herzliebchen, deines Haares edler Schimmer
Gebiert in mir die wilde Leidenschaft
Dein Herz wie heute und so auch für immer
Zu schmeicheln mit der meinen Liebe Kraft.
Noch lieber sterben als dich jemals missen,
Ich schwöre, ist mein einziges Begehr.
Und deine Seele mit zehntausend Küssen
Zu übersähen, nichts wünsche ich mehr.
Der Wunsch nach dir bezirzte lang als Reigen
mein aller sehnsuchtsvolles Schwergemüt …

Sie:
Ach Liebster, m…

Er:
Mögen wir zusammen schweigen
Und lauschen wie die Liebe in uns blüht.
Nur deinen Atem sanft auf Haut zu spüren
Lässt jeden Sinn, je einen Purzelbaum
Und sieben Pirouetten stolz ausführen
Und wiegt mein Herz in Paradieses Traum.
Und eben wie der Sprache es an Worten
Ermangelt, so bedarf’s der Welt noch heut‘
Ein Platz, weit fern von allen andren Orten
Für Liebende der heißen Zärtlichkeit.
Ich ahne, dass zu unserem Verstecke
Die Liebe tapfer uns geleiten wird.

Sie:
Ach Schatz?

Er:
O, Ja?

Sie:
Mich friert’s. Hast du die Decke?

Er:
Ob ich die Decke hab‘, da es dich friert?
Gewiss, doch wärmen will ich dich mit Liebe!
Nur meine Sehnsucht möge deinen Leib
Bekleiden. Ja, ich gleiche einem Diebe,
Der frech das Herzchen stahl von seinem Weib.
Komm näher Kind, in meine starken Arme,
Ich nähre dich an meiner blanken Brust.
Und spende trostvoll dir das sehnlichst’ Warme,
Das um der Liebe willen du entbehren musst.

Sie sinkt die Schulter herab in seine Arme

Denn deine kalten Hände zu umfassen
Bereitet mir in Ewigkeit schier Glück.
Du wirst von meinen nimmer wieder lassen,
Aus meinem Herzen gibt es kein zurück.
Ein Kuss war immerzu des Schicksals Wende
Und deine blauen Lippen küss‘ ich mild.
Der Schlaf nahm dich, welch‘ malerisches Bild …

Sie tot. Er ab.
Der Vorhang zu.
Und Ende.

Der Tropfen

Als ich zur Nacht das Haus verließ,
Weil etwas an die Türe stieß,
- Wer wagte es zu klopfen? -

Da legte sich der graue Firn
Auf meine glühend heiße Stirn
Und schmolz und floss als Tropfen

Hinab die Stirn zur Wange hin.
Und plötzlich kamen in den Sinn
Mir längst vergessne Pläne.

Ach, war der Tropfen wirklich noch
Vom Schneegestöber oder doch
Schon eine kleine Träne?

Ein süffisanter Jahresrückblick 2010

[wird überarbeitet]