Dagegen aus Prinzip – Zwischenfazit

Danach folgten mit „Menschen wie sie jeder kennt“, das „Kampflied der Anarchisten“ oder „Die letzte Kränkung“ als Beispiele viele Gedichte, die sich zwar komplett von meiner ursprünglichen Idee abhoben, aber gleichfalls mir persönlich viel bedeuten und die ich einfach gerne lese. Jetzt wird es emotional, aber das muss auch mal sein, bei so viel kaltem Spott, den ich hier gewöhnlich entäußere.
Erich Fried beschrieb in seinem Gedicht „Liebesbeziehungslosigkeit“ ein Gefühl, das vielleicht jeder Mensch, der dichtet, nein, der sich überhaupt schaffend betätigt, kennt:

„Die Zeile
die ich liebe
liebt mich nicht wieder“

Dieses wunderbare Gefühl, dass dir die Zeile schenkt, nur in dem Momente da sie geschrieben wird. Ein Gefühl riesigen Glückes in steter Gewissheit der Traurigkeit, dass sie dir den kalten Rücken zuwenden wird, sobald du vom Füller lässt. Vielleicht die einzige Sucht, der ich mich gerne ergebe und je ergeben habe.
Einige meiner Leserinnen und Leser werden dies Gefühl sicherlich kennen. Eben weil sie selber dichten. Auch sie sollen in diesem Beitrag nicht unerwähnt bleiben. Zu allererst lernte ich Morph kennen, einen fleißigen Blogger, der nicht nur Gedichte, sondern auch oft tolle Musiktipps und sonstige lesenswerte Kommentare publiziert. Der zweite im Bunde war Sebastian, ein überaus eifriger Dichter mit hohen Ambitionen aus dessen Gedichten sich trotz seines jungen Alters viel an Lebenserfahrung herausliest. Als ich auf Simons Blog stieß verbrachte ich die halbe Nacht damit, mich durch seine Lyrik zu lesen. Zeitlich als letztes habe ich Juli kennen gelernt. Auch sie schreibt fantastische Gedichte, ich erinnere nur an unsere lyrische Debatte, und auch sonst ist ihr Blog sehr belebt. Natürlich gibt’s und gab’s noch andere, aber mit diesen Vieren habe ich mich am meisten ausgetauscht und sie haben auch durch ihre Kommentare zu Lebendigkeit von halbstark sehr positiv beigetragen.
Aber auch die anderen Kommentatoren_innen verdienen eine laute Erwähnung. Vielen Dank für jeden Kommentar, ich freue mich wirklich sehr darüber. Da es doch einige sind und ich nicht das Unrecht walten lassen will, indem ich eine_n vergesse, möchte ich im Speziellen nur einen erwähnen. Christoph, meinen ersten und vielleicht treusten Leser: Lass dich nicht von den Kängurus verprügeln!
Natürlich schreibe ich nicht a prori, sondern habe viele tolle Gedichte von den bekannteren Autoren gelesen. Gleichwohl ich versuche, meinen eigenen Stil zu pflegen, haben einige davon – unumgänglich – das Gesicht dieser Seite signifikant geprägt. Auch sie verdienen Erwähnung. Zuerst wäre da Bertolt Brecht, der mich an die Lyrik überhaupt erst heranführte. Sein Appell „Lasst euch nicht verführen“ verfehlte daher in gewisser Weise seine Intention. Und Erich Kästner, ein großartiger Satiriker und leider komplett unterschätzter Poet. Niemand kommentierte lyrisch besser den (Unter)Gang der Weimarer Republik. Wenn ich so etwas wie ein Vorbild hätte, dann wäre es wahrscheinlich Erich Mühsam. Ein Kämpfer und Dichter, der zu dem stand, was er schrieb. Er ist obendrein der bisher einzige, dem ich ein Gedicht schuldig war. Hermann Hesse natürlich: In großen Kummerzeiten gibt es für mich keine wärmere Obhut als seine Poesie. Auch Christian Morgenstern, der grandiose Spötter spießbürgerlicher Tristesse, mag sich hier einreihen. Aber das waren nur die mir wichtigsten.
Nach so viel Sentimentalität zurück zur politischen Lyrik. Denn ich habe das Gefühl, dass in letzter Zeit meine Gedichte zunehmend politisch radikaler geworden sind. Ob die „Ode an den Staat“, ob die „Antinationale“. Früher scheute ich konkrete Bekenntnisse, mittlerweile bin ich wütender, und formuliere dementsprechend. Passend dazu hab ich vor einiger Zeit auch meinen Header verändert. Weg von einem mahnenden Diogenes, hin zu einem drohenden Kleinkind. Im Grunde ein Januskopf von Trotz und Resignation. Meine politischen Gedichte und Texte scheinen überdies besser rezipiert zu werden. (Aber das juckt mich natürlich gar nicht :-) ) Erfolgreichstes Gedicht, gemessen an den Kommentaren, ist meine Karikatur des stereotypischen Antideutschen: Es bekam 14 Kommentare, wurde auf mindestens drei anderen Seiten gespiegelt und beförderte mich zum ersten Mal in die Planet Blogsport Highlights. Daneben schafften es noch zwei Texte in diese Empfehlungen. Durch den „Sarrazin –Rächer der Entdeutschten“ Text schaffte ich es sogar mit 1828 Hits auf Platz 116 der blogsports Charts. Sonst kann ich wenig über Statistiken und Zahlen sagen. Blogsport gibt da sehr rare Auskunft. Das Wort mit dem Halbstark – noch auf der Uniblogs Seite – mit Abstand am häufigsten gefunden wurde war übrigens „FKK“ (Zur Erklärung empfehle ich mein erstes Gedicht)
Was erwartet die Leser_innen nun in Bälde? In naher Zukunft werde ich erwähnte Tradition fortführen (aber entgegen den üblichen Jahresrückblicken erst im neuen Jahr). Außerdem plane ich schon seit einiger Zeit Lieder zu veröffentlichen, denn ich schreibe nicht nur Gedichte, sondern komponiere auch mal mehr und mal weniger fleißig und vertone meine Gedichte. Bisher habe ich aber noch keine günstige Möglichkeit gefunden, gute Tonaufnahmen zu machen. Aber ich bin davon überzeugt, grade weil ich Songs geschrieben habe, die als geschriebener Text nicht wirken und nur mit der von mir erdachten Melodie ihre volle Blüte entfalten. Außerdem habe ich festgestellt, dass ich bisher gegen alle Jahreszeiten ein Gedicht geschrieben habe. Außer gegen den Sommer. Dadurch könnte der falsche Eindruck entstehen, ich hege irgendwelche Sympathien mit ihm. Dem ist nicht so und ich werde mich bemühen im folgenden Sommer Abhilfe zu verschaffen.
In Zeiten der Zufriedenheit schreibe ich deutlich weniger. Wieso sollte ich das Glück bedichten, wenn ich es doch genießen könnte? Aber solange der Wahnsinn der herrschenden Verhältnisse Bestand hat, werde ich notwendig weiterschreiben:
„Ich bin nicht kreativ, das ist nur Notwehr.“ (Funny van Dannen)

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6 Antworten auf „Dagegen aus Prinzip – Zwischenfazit“


  1. 1 Juli 21. Dezember 2010 um 8:21 Uhr

    „ich bin der Geist, der stets verneint“ – das wird mir nun klarer :) Ein schöner Rückblick und (wie immer) toll zu lesen! In diesem Sinne: Weiter so!!!!

  2. 2 Emil 21. Dezember 2010 um 14:29 Uhr

    Darum werde ich mich bemühen, dass es (qualitativ) so weiter geht.

    Vielleicht noch eine kleine, thesenhafte Ergänzung zum Text, um Missverständnisse zu vermeiden: ’Dagegen aus Prinzip’ zielt nicht nur auf trotzigen, persönlichen Distinktionsgewinn ab, sondern subsumiert vielmehr mein Kunstverständnis. Ich denke, Kunst sollte grundsätzlich Opposition sein und sich nicht von dem herrschenden Konsens vereinnahmen lassen. Kunst ist als Ausdruck eines gesellschaftlichen Wesens bzw. als Kommunikationsmedium gesellschaftlicher Wesen automatisch politisch, im Sinne: das Gemeinwesen betreffend; nicht etwa parteipolitisch. Wer seine Kunst bewusst oder unbewusst aus einem politischen Kontext herauszieht, reproduziert unwissentlich, aber unweigerlich die herrschenden Verhältnisse.
    Irgendwann werde ich das noch mal detailliert ausformulieren.

  3. 3 Juli 21. Dezember 2010 um 15:55 Uhr

    (einen langen Kommentar schreiben und ihn aus Versehen löschen ist demotivierend…. blödes Touchpad.. ok, zweiter Versuch)

    Ich finde dein Kunstverständnis insofern besonders spannend, als es offenbar in (nennen wir sie mal) „etablierteren“ Dichterkreisen offenbar immer eine Diskussion auslöst, ob Lyrik überhaupt eine Bedeutung haben soll/darf/kann… Falls es dich interessiert, dazu hier: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/die_bedeutungsfreie_dichtersprache_1.8482023.html und hier: http://matthiaskehle.blogspot.com/2010/11/gedicht-des-tages-widmar-puhl.html

    Aber das nur nebenbei… :)

  4. 4 Morph 28. Dezember 2010 um 12:58 Uhr

    Hey hey, schönes, spannendes Zwischenfazit, mein Freund! Ich hoffe, du machst weiter wie bisher; aber ich denke, du wirst dich sicherlich noch steigern ;)

    Btw: „Sarrazin –Rächer der Entdeutschten“, ein Text den ich immer wieder gerne lese und der mich immer wieder zum Lachen bringt. :)

    Libertäre Grüße, Morph

    Ps: Schön, den eigenen Namen darin vorkommen zu sehen. :)
    Pps: Lass dich mal wieder „bei mir“ blicken. ;)

  5. 5 Emil 28. Dezember 2010 um 13:26 Uhr

    Hey Morph,
    ich hab – glaub ich – jeden deiner Beiträge gelesen, aber mit dem Kommentieren …, hach, ich werd es mir fürs nächste Mal vornehmen.

  6. 6 Morph 29. Dezember 2010 um 2:34 Uhr

    Okay. :)

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