Dagegen aus Prinzip – Zwischenfazit

Gestern vor genau zwei Jahren habe ich mein Blogprojekt „Halbstark“ begonnen. Passend zur Jahreszeit möchte ich deswegen ein wenig melancholisch zurückschauen, über meine Beiträge philosophieren, Inspirationen erklären und das ein oder andere Gedicht, was meines Erachtens zu unrecht unbeachtet blieb, wieder hervorrufen. Das soll keinesfalls ein Abschlussbeitrag werden. Halbstark wird natürlich weitergehen und ich werde auch einen kleinen Blick in eine potenzielle Zukunft werfen. Auf einer DVD hieße dieser Beitrag wahrscheinlich „Bonusmaterial“. Dementsprechend gibt’s auch ein paar Outtakes, also Gedichte die es nicht ins Blog geschafft haben.

Die Idee ein Blog mit poetischen Kommentaren zur Tagespolitik zu machen, hatte ich schon lange vorher, doch fehlte mir die Motivation, mich mit der Blogmaterie auseinanderzusetzen. In jenem Wintersemester belegte ich dann einen Onlinejournalismuskurs, in dem ich erfahren habe, dass alle Studis der Uni automatisch ein Blog hätten und sie dieses nur noch aktivieren brauchten. Damit war die Hemmschwelle überwunden und ich hab mir das mal unverbindlich angesehen. Aber erst nachdem ich als Reaktion auf die unsägliche Springerhetze ein Gedicht über den Verbleib ehemaliger RAF Mitglieder schrieb und mir dies Gedicht so gut gefiel, hab ich mit der Veröffentlichung angefangen aktiv zu bloggen. Der Beginn einer wunderbaren Feindschaft, die sich durch das ganze Blog zieht. Einige Male direkt und duzende Male indirekt. Denn meine Absicht war von Anfang an nicht nur die Tagespolitik bissig zu kommentieren, sondern immer bewusst gegen die vorherrschende Meinung zu dichten. Wenn meine Meinung mal – was zugegeben selten der Fall war – den Mainstreammedien entsprach, hab ich geschwiegen. Wozu sollt ich auch zustimmend im Chor mitblöken? Ich mag nur dichten und reden, wenn ich als Differenz zu meiner Umwelt wahrgenommen werde; an einer Inflation der Empörung war mir nie gelegen.
Einige Gedichte, die lyrisch vielleicht gut waren, entsprachen mir zu sehr dem medialen Konsens und hatten daher nichts Subversives mehr für sich. Prominentestes Beispiel waren dabei wohl die Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche. Dass ich Religionen im Allgemeinen und religiöse (Doppel)Moral und Institutionen im Besonderen schrecklich finde, habe ich überdies schon sehr früh deutlich gemacht. „An die Institution Kirche“ ist das älteste Gedicht auf meinem Blog. Es stammt noch aus einer Phase, in der ich stilistisch ganz anders geschrieben habe, deutet aber den Übergang mehr als deutlich an. Es ist eines meiner Lieblingsgedichte von „meinen Oldies“ und leider noch immer unkommentiert. (Ein Wink mit dem Zaunpfahl :-) )
Etwa zur gleichen Zeit erschienen einige tagespolitische Gedichte gegen das Fest der Liebe, gegen Sylvester, gegen fragwürdige Fernsehshows, die aus meiner heutigen Sicht lyrisch nicht mehr ganz so toll sind, aber hinter deren Aussage ich nach wie vor stehe. Ich sehe das auch eher als positive Entwicklung meiner Schreibqualität, denn als Tiefpunkt meines Blogs. Etwa zu dieser Zeit begann eine der wenigen Traditionen, die ich pflege und auch in ein paar Wochen wieder pflegen werde: Ein süffisanter Jahresrückblick. Diese sind immer eine große schreiberische Herausforderung, da ich eine Spannung nicht über mehrere Strophen aufbauen kann und möchte, sondern jeden Monat in vier Zeilen mit abschließender Pointen abhaken will, was für mich die benannte Süffisanz ausmacht. Bisher gefielen mir lyrisch übrigens immer die Novembermonate am besten.
Danach folgten viele Gedichte, die sich von der ursprünglichen Intention abhoben und das Problem abstrakter betrachteten. Dies Wende geschah bewusst, weil mir klar wurde, dass manche Gedichte einfach zu schön sind, um lediglich eine kurze Momentaufnahme zu spiegeln. Außerdem sind die angesprochenen Probleme so gut wie nie einzigartig, sondern zu meist strukturell und daher verallgemeinerbar. Ein Gedicht, dass ausschlaggebend für diesen Gedanken war, ist mein „Nachruf auf Michael Jackson“ Von seinem Tod habe ich noch in derselben Nacht in der WDR Talkshow Domian erfahren. Zu der Zeit war es noch ein Gerücht. Trotzdem habe ich mit einer Brise Kynismus die mediale Aasgeierei antizipiert. Ein Gedicht, das exemplarisch für mein Blog stehen könnte und eines meiner persönlichen Highlights ist. Leider ist es auch irgendwie untergegangen.

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6 Antworten auf „Dagegen aus Prinzip – Zwischenfazit“


  1. 1 Juli 21. Dezember 2010 um 8:21 Uhr

    „ich bin der Geist, der stets verneint“ – das wird mir nun klarer :) Ein schöner Rückblick und (wie immer) toll zu lesen! In diesem Sinne: Weiter so!!!!

  2. 2 Emil 21. Dezember 2010 um 14:29 Uhr

    Darum werde ich mich bemühen, dass es (qualitativ) so weiter geht.

    Vielleicht noch eine kleine, thesenhafte Ergänzung zum Text, um Missverständnisse zu vermeiden: ’Dagegen aus Prinzip’ zielt nicht nur auf trotzigen, persönlichen Distinktionsgewinn ab, sondern subsumiert vielmehr mein Kunstverständnis. Ich denke, Kunst sollte grundsätzlich Opposition sein und sich nicht von dem herrschenden Konsens vereinnahmen lassen. Kunst ist als Ausdruck eines gesellschaftlichen Wesens bzw. als Kommunikationsmedium gesellschaftlicher Wesen automatisch politisch, im Sinne: das Gemeinwesen betreffend; nicht etwa parteipolitisch. Wer seine Kunst bewusst oder unbewusst aus einem politischen Kontext herauszieht, reproduziert unwissentlich, aber unweigerlich die herrschenden Verhältnisse.
    Irgendwann werde ich das noch mal detailliert ausformulieren.

  3. 3 Juli 21. Dezember 2010 um 15:55 Uhr

    (einen langen Kommentar schreiben und ihn aus Versehen löschen ist demotivierend…. blödes Touchpad.. ok, zweiter Versuch)

    Ich finde dein Kunstverständnis insofern besonders spannend, als es offenbar in (nennen wir sie mal) „etablierteren“ Dichterkreisen offenbar immer eine Diskussion auslöst, ob Lyrik überhaupt eine Bedeutung haben soll/darf/kann… Falls es dich interessiert, dazu hier: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/die_bedeutungsfreie_dichtersprache_1.8482023.html und hier: http://matthiaskehle.blogspot.com/2010/11/gedicht-des-tages-widmar-puhl.html

    Aber das nur nebenbei… :)

  4. 4 Morph 28. Dezember 2010 um 12:58 Uhr

    Hey hey, schönes, spannendes Zwischenfazit, mein Freund! Ich hoffe, du machst weiter wie bisher; aber ich denke, du wirst dich sicherlich noch steigern ;)

    Btw: „Sarrazin –Rächer der Entdeutschten“, ein Text den ich immer wieder gerne lese und der mich immer wieder zum Lachen bringt. :)

    Libertäre Grüße, Morph

    Ps: Schön, den eigenen Namen darin vorkommen zu sehen. :)
    Pps: Lass dich mal wieder „bei mir“ blicken. ;)

  5. 5 Emil 28. Dezember 2010 um 13:26 Uhr

    Hey Morph,
    ich hab – glaub ich – jeden deiner Beiträge gelesen, aber mit dem Kommentieren …, hach, ich werd es mir fürs nächste Mal vornehmen.

  6. 6 Morph 29. Dezember 2010 um 2:34 Uhr

    Okay. :)

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