Mit „Dem Deutschen Volke“ gegen „Kopftuchmädchen“ und „Kinderschänder“

Dass die Bildzeitung eine Affinität zu völkischem Gedankengut zu besitzen scheint, hat sie in ihrer beeindruckenden Werbekampagne für Thilo Sarrazin (Autor von „Deutschland schafft sich ab“) und seine obskuren Thesen („Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“ oder türkische Migrant_innen, die mit „ständig neue[n] kleine[n] Kopftuchmädchen“ Deutschland eroberten) unter Beweis gestellt. Nachdem mittlerweile die Muslime als Volksfeinde abgefrühstückt wurden, widmet sich BILD wieder einem anderen populären Thema unter Rechtextremisten. Die Hetze gegen sogenannte „Kinderschänder“. Während die offiziellen Rechtsextremisten unverholen die Todesstrafe fordern und umsetzten (Unter den mindestens 137 Todesopfern rechter Gewalt seit 1990, befinden sich mindestens drei Menschen, bei denen angeblicher Kindesmissbrauch Tatmotiv war), titelt die BILD heute „Stephanie zu Guttenberg jagt Kinderschänder im TV!“.
Stephanie zu Guttenberg, Gattin des deutschen Kriegsministers Pipilotta Guttenberg, hat ihre erfolgreiche Kollaboration mit der BILD schon unter Beweis gestellt, als sie beklagte, dass „die Idole unserer Kinder [aus]sehen wie Porno-Stars“. Dies natürlich auf Seite 1; dort wo sonst alltäglich nackte Frauen die Bildleser_innen lasziv anschauen. An diesem Tag freilich nicht, soviel Inkonsequenz wäre selbst der BILD zu viel. Weiter im Text erläutert sie, dass es ihrer „Meinung nach […] einen Zusammenhang zwischen der Sexualisierung unserer Gesellschaft und sexueller Gewalt“ gäbe. Ein Schelm wer nun die Brücke von der Sexualisierung über die BILD zur (sexuellen) Gewalt schlagen möchte.
Soviel zur bisherigen Zusammenarbeit. Nun jagt Frau zu Guttenberg auf RTL 2 mit der Sendung „Tatort Internet – Schützt unsere Kinder!“ „Kinderschänder“ und wird dabei von der BILD hofiert. Dabei sticht vor allem die Vokabel „Kinderschänder“ in der Titelüberschrift massiv ins Auge, welche sogar noch farblich hervorgehoben wurde. Es bedarf keiner großen Recherche, um mit diesem Wort auf allerlei rechtpopulistische bis rechtsextreme Seiten im Internet zu stoßen, einschließlich der NPD. Das NPD-Blog hat sich mit der Instrumentalisierung des Kindesmissbrauchs durch die NPD beschäftigt und interviewte hierzu Ursula Enders, Leiterin der Beratungsstellte „Zartbitter“, die zu dem Begriff erklärte: „Wer das Wort „Kinderschänder“ benutze, disqualifiziere sich fachlich. […] Denn dies bedeute, die Opfer lebten fortan in Schande – damit verletze man die Opfer.
Dass Geschlechtsverkehr jemandem eine Schande aufbürden kann, erinnert an die völkische NS Ideologie. Eines der beiden Nürnberger Rassengesetze von 1935, das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“, verbot Eheschließungen und außerehelichen Geschlechtsverkehr zwischen „Juden“ und „Nichtjuden“. Verstöße dagegen wurden als „Rassenschande“ bzw. als „Blutschande“ geahndet. Dahinter verbirgt sich der widerliche Gedanke, solcher Geschlechtsverkehr mische dem (guten) deutschen Genpool (schlechte) jüdische Gene bei. Womit der Kreis zu Sarrazins Thesen sich schließt. Dass es weder menschliche Rassen, noch derartige Gene gibt und Völker Konstrukte sind, wurde damals wie heute aus ideologischen Gründen ignoriert.
Die so genannten „Kinderschänder“ handeln nach der rechtsextremen Ideologie ähnlich. Durch die Vergewaltigung würden sie ihre „asozialen Gene“ mit den supertollen deutschen völkischen Genen bzw. Blut vermischen, was dem „deutschen Volk“ langzeitig schaden würde. Kurzum: Deutschland schaffe sich (damit) ab.
Es geht nicht um das Leid der Opfer, sondern um das Konstrukt eines deutschen Volkes, das im Kampf gegen das „Andere“ antritt und als „Schädlinge“ definierte Menschen abzuwehren hat.
Doch das schlimmste daran ist, dass so ein menschenverachtender Müll von der auflagenstärksten Zeitung Europas propagiert wird. Ich kann nur Max Liebermann beipflichten: „Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.“

Mehr zur Bild:
Bild und Sarrazin
Bild und Schweinegrippe
Bild und RAF

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9 Antworten auf „Mit „Dem Deutschen Volke“ gegen „Kopftuchmädchen“ und „Kinderschänder““


  1. 1 Episodenfisch 07. Oktober 2010 um 19:19 Uhr

    Schöner Artikel, der die Arbeit des Bildblogs zum Thema übernimmt. Niggemeier schweigt diesbezugs ja noch.

  2. 2 TheShadowInUs 07. Oktober 2010 um 22:49 Uhr

    Grundsätzlich lässt sich das Thema kritisch gut verwerten. Allerdings würde ich den Fokus nicht unbedingt auf die (sicherlich zutreffende) Verbindung zu dieser faschistische Theorie legen.
    „Deutsche Gene“ und die „Schändung“ selbiger ist ja klar ne NPD Position.
    Das gefährliche ist, dass der Begriff unhinterfragt übernommen wird und man somit evtl. die NPD oder ähnliche Parteien legitimiert.

    Schlimmer ist in meinen Augen aber die Personifizierung des Bösen in einem Menschen bzw. „einer Sorte Mensch“ (die damit ja auch geschaffen wäre). Es ist ein Thema, dass derzeit viele Menschen beschäftigt, weil die Medienpräsenz gegeben ist – kommen ja auch einige nun raus. Frau Guttenberg lässt es sich nicht nehmen das vorhandene Ventil weit auf zu schrauben und verwirrte und verängstigte Bürger in ihrer emotionalen Kurzsichtigkeit zu bekräftigen.
    Wenn wir uns über „Kinderschänder“ aufregen, denken wir gleichzeitig nicht über die wirklich fundamentalen Probleme nach.

  3. 3 Basti 08. Oktober 2010 um 13:32 Uhr

    Hey,

    ja, bei der Bildzeitung sind diese abgefuckten, leider exzellent ihren Sinn erfüllenden Methoden ja nichts Neues.
    Was Frau G. angeht, es fällt einem wirklich bald nichts mehr ein, nichts ist mehr zu billig, um irgendwie fischen zu können, allerdings mit diesem Thema an eigentlich allen radikalen Rändern, da muss ich meinem Vorredner Recht geben, wenn er sagt, das Problem der Empfänglichkeit für dieser Abart sollte man nicht auf Rechts beschränken.

    Das Thema der angeblichen Genverpestung des deutschen Herrenvolkes, durch angebliche oder tatsächliche Kinderschänder, es wird von der NPD bzw. der erste Artikel den ich darüber las war glaube ich sogar einer DVU-Feder entsprungen, so sehr es einfach nur erbärmlich war, was man da zu lesen bekam, genauso clever war es leider auch aufgemacht.
    Denn dem etwas unaufmerksamen, gelangweilten oder einfach nur sensationslüsternen eher weniger nachdenklichen Lesern hat er wahrscheinlich sogar seinen Bären aufgebunden:
    Er legte seinem Artikel psychologische bzw. psychatrische Studien zugrunde, die auch tatsächlich wohl so mit den Ergebnissen, wie er sie darstellte, geführt wurden (einer befreundeten Psychologin nach), allerdings verpackte er sie in die oben beschriebene Rattenfängerei:

    Es gibt tatsächlich Studien die besagen, dass zwar nicht jeder geschändete selber zwangsläufig zum Schänder würde, aber doch die allermeisten Schänder selber, angeblich zu einem Prozentsatz von teilweise 8x% und mehr (angeblich) selber in ihrer Vergangenheit geschändete wurden.

    Ich glaube, ich brauche gar nichts groß dazu sagen, dass und auf welche Art solche Steilvorlagen geschickt angenommen werden können.

    Simon hat auf seinem Blog ja schon relativ schön beschrieben, dass Studien Zahlen und angebliche Belege liefern in einer erschlagenden Anzahl immer mehr wie Pilze aus dem Boden schießen, dass es Statistiken gibt, die diese Welt nicht braucht.

    Und Statistiken wie diese sind in meinen Augen einfach eine absolute Frechheit, selbst wenn sie, einfach mal angenommen, stimmen sollten, was müssen sie in solchen Auslösen, die sich als Opfer einfach nur schämen, man flößt ihnen wohl zwangsläufig nur noch mehr Scham ein.
    Und diese Scham ist, eine Erkenntnis der gleichen Wissenschaft, in nicht seltenen Fällen der Grund, warum manche eine Bürde zu lange, manchmal Monate, Jahre oder sogar ein Leben lang mit sich herum tragen.
    Oder sich sogar lieber weiter missbrauchen lassen, als dem irgendwie ein Ende zu machen und sich helfen zu lassen.

    Kurzum: Wie man bei der ganzen Diskussion, eigentlich fast egal von wem, wenn sie öffentlich geführt wird, die Opfer und deren traurigen Schicksale einfach vergisst oder sogar noch ausschlachtet, dass ist einfach nur zum Kotzen und moralisch die unterste Schublade.

    Wo man die Bild-Zeitung weiß, die anderen Abründe schockieren dann doch immer wieder auf´s Neue.

    Leider ist das eine Mentalität die sich in dieser Mischung aus geistiger Armut und moralischen Abgründen auf fast alle alle „trendigen Modeprobleme“ , ich nenn sie jetzt einfach mal so wie sie auch das Fernsehen eben oft einfach frecherweise behandelt, negativ auswirkt: Drogen, Gewalt, Missbrauch, Familie, aus den Thematiken die man anfangs angeblich führte um irgendwen zu helfen werden Aktionen, die gemacht sind im Eigeninteresse zu polemisieren oder zu hetzen.

    Leider gibt es von dieser Art Statistik, die nur darauf wartet, vom Falschen entdeckt zu werden, auch noch einigen, vornehmlich aus dem angesprochenen Teilbereich medizinischer Wissenschaften.

    Da sieht man wieder, dass alle Intelligenz und angebliche Bildung, die man besser auf den Begriff „Informiertheit“ reduzieren sollte, ohne ein Weltbild nichts wert oder sogar gefährlich sind.

    Dein Artikel hat gerade ganz ekelhafte Bilder in meinem Kopf hervorgerufen, die ich zufällig, nicht mal eine Minute, hier im www gesehen habe und die sich in meinen Kopf eingebrannt haben, dass ich zwei Monate nicht richtig geschlafen habe. Waren eigentlich erfolgreich verdrängt.
    Muss erstmal aufhören, ich wollte und werde dazu noch was sagen, also auch dieses Thema Missbrauch betreffend, wenn sie wieder weniger gegenwärtig sind.

    Peace

  4. 4 Basti 08. Oktober 2010 um 13:43 Uhr

    Zum Thema Bild-Zeitung fällt mir noch was ein, ich habe da vor einer Zeit eine Sendung Beziehungsweise ein Diskussionsforum geshen, unter dem Motto „Bild dir deine Meinung“, als ich sah wen man da als Moderator engagierte, der sich zum Thema „Gewalt an Frauen“ bzw. „Prostitution“ erdreistete, seinem gegenüber eine moralisch Frikadelle ans Knie zu nageln:

    Ein gewisser Herr Pinkel, Paolo Pinkel genau genommen. Besser bekannt als Michelle Friedmann…

  5. 5 Basti 08. Oktober 2010 um 13:50 Uhr

    Hab gerade nach der Show gesucht auf youtube, leider nicht zu finden, aber hier eine andere Episode „Studio Friedmann“, zwar nicht zum Missbrauchsthema, aber wer Bildmeinungsmache in Reinkultur sehen will, wer´s nicht kennt unbedingt alle drei Folgen gönnen und wütend werden…:

    http://www.youtube.com/watch?v=UJnGUfSp55E

  6. 6 Emil 08. Oktober 2010 um 16:03 Uhr

    Hey,
    erstmal danke an euch drei für die Kommentare!

    @Episodenfisch: Ich finde es auch seltsam, dass bisher auf dem Bildblog dazu nichts erschienen ist. Aber immerhin habe ich auf heise diesen Artikel gefunden:
    http://xlurl.de/9TvDc9

    @TheShadowInUs: Den Artikel habe ich aus einem gewissen Zorn heraus geschrieben, den ich schon seit längerer Zeit gegen die Bildzeitung hege. Deshalb habe ich diesen Themenkomplex „Kindesmissbrauch“ nur als Anhaltspunkt verstanden, um weiter die faschistoiden und völkischen Bemühungen der BILD zu hinterfragen. (Was im Bildblog auf diese Weise wahrscheinlich auch nicht geschehen wäre). Aber ich gebe dir absolut recht: Die Schere zwischen medialer und gesellschaftlicher Präsens klafft wahrscheinlich sehr weit auseinander, was natürlich den Nebeneffekt hat, das andere Themen in den Schatten rücken. Ähnlich fungiert meines Erachtens derzeit das Medieninteresse für Stuttgart 21. Ich glaube aber nicht, dass die BILD unachtsam diesen Begriff übernommen hat, sondern vielmehr versucht ihr Publikum für Thematiken und Vokabular am rechten Rand zu sensibilisieren. Und das komplexe Themen auf Einzelpersonen und –Schicksale herunter gebrochen werden ist natürlich auch ein Phänomen des Rechtspopulismus.

    @Basti: Ich fand es ein wenig befremdlich zu lesen, dass du den Begriff „Kinderschänder“ in einer Selbstverständlichkeit zu benutzen scheinst, nachdem ich mich gerade darüber in diesem Artikel mokiert habe.
    Ich denke das Problem an Statistiken ist, dass viele einen Anschein von Objektivität entwickeln, den sie in keiner Weise erfüllen können. Zudem sind viele sehr intransparent und bieten kaum Möglichkeiten herauszufinden mit welchen Modalitäten sie erhoben wurden. Hinzu kommt die Diskrepanz zwischen dem was Zahlen aussagen und was in sie hineininterpretiert wird. Selbst mit verifizierten Daten, kann man teils konträren Quatsch belegen. Walter Krämer hat darüber sogar ein Buch verfasst: „So lügt man mit Statistik“. Hab es nicht gelesen, wurde mir aber von meinem Statistikprof empfohlen.
    Die Sendung findest du mittlerweile im Internet:
    http://www.youtube.com/watch?v=alEMv4H6JnM
    Nachdem ich mir 2 Teile angesehen habe, halte ich sie ebenfalls für äußerst kritikwürdig: Frau Guttenberg scheint nur eine Werbefigur für höhere Einschaltquoten zu sein, war sie doch in den Videos nie zu sehen.
    Aber das schlimmste ist die Herangehensweise. Wie „schützt [es] unsere Kinder“, wenn eine ältere Frau angeblichen Pädophilien rhetorische Fragen stellt? Es schleicht sich die Vermutung ein, dass es weniger um den Schutz von Kindern, sondern um die Hetzjagd gegen die Feinde des „gesunden Volkskörpers“ geht. Mit der reißerischen Aufmachung (Chateinblendungen, dramatische Musik, wilde Spekulationen) wird ein absurdes Bedrohungsszenario konstruiert, dass dazu führen kann, dass künftig (vorwiegend) Männer unter Generalverdacht stehen könnten, sobald sie mit fremden Kindern gesehen werden. Zumindest bei der RTL 2 Klientel.
    Eine wirkliche Möglichkeit Kinder vor sexuellem Missbrauch zu schützen, indem man beispielsweise Eltern und Kinder über die Funktionsweise von Chats und sozialen Netzwerken aufklärt und ihnen Verhaltenstipps gibt, wie sie ihre Person schützen können, wird gar nicht in Betracht gezogen. Liest man sich die Youtube Kommentare durch, merkt man jedenfalls, dass eine solche Pogromstimmung seine Adressaten findet. Zum Kotzen ist das!

  7. 7 u. 08. Oktober 2010 um 16:12 Uhr

    die gesamte sendung kann bei http://www.rtl2.de angesehen werden.
    gruß,
    ulf

  8. 8 Basti 09. Oktober 2010 um 7:06 Uhr

    Hehe, ich finde deine Art zu lesen manchmal etwas befremdlich. Ich habe gestern selber geschrieben, direkt danach noch auf mehreren Blogs kommentiert, danm noch so ein ewig langes Kommentar, irgendwann ist da Ende mit Konzentration.

    Ich finde es irgendwie befremdlich, das Wort in dem Zusammenhung zu benutzen, weil es mir zwar sagt, dass dich da irgendwas stört, aber nicht wirklich aussagt, in wie weit.

    Egal vielleicht solltest du nicht jedes Wort, so lange es in Kommentaren geschrieben steht auf eine Goldwaage legen, zweitens habe ich wie gesagt schon mit eigenen Augen betrachten müssen, wie ein Kind geschändet wurde, was mir in diesem Kommentar wieder ins Gedächtnis gerufen wurde.

    Ich habe damals, gerade im ersten Social Network eine Mail von einer hübschen Frau bei Facebook bekommen, hab mir dann ein paar Mal mit ihr da hin und her geschrieben, hatte eigentlich vorher so gar nichts mit dem Internet, dessen Obskuritäten und zur Schau gestellten Perversitäten am Hut gehabt.

    Irgendwann bekam ich dann eine e-mail, in dem sich die angebliche Frau in einem Video im Anhang angeblich vorstellt.

    Und was dort zu sehen war, dass war die Schändung eines Kindes, kein Kleinkind, aber so abartig, dass mir die paar Sekunden wochenlang den Schlaf geraubt haben.
    Ich will und kann es hier gar nicht näher beschreiben.

    Genau aus dem Grund ist mir wohl, in einer solchen Diskussion, der Begriff der Schändung immer gegenwärtig, dass wird wohl auch nicht mehr zu ändern sein.

    Diese Bilder vergesse ich mein ganzes Leben nicht mehr…

    Peace

  9. 9 Emil 09. Oktober 2010 um 13:07 Uhr

    Hey Basti,
    Es tut mir Leid, dass du mit solchen Dingen konfrontiert wurdest, ehrlich.
    Ich habe deine Wortwahl deshalb explizit kritisiert, weil es in meinem Artikel eben primär um diese rechtsextreme Vokabel und seine Verwendung durch (scheinbar) bürgerliche Medien ging und nicht um das Thema Kindesmissbrauch oder besagte RTL2 Show.
    Ich habe die Vokabel also schon mit dem Artikel auf die „Goldwaage“ gelegt.
    Dass du dich erst mit mangelnder Konzentration zu rechtfertigen versuchst, aber später einräumst das Wort bewusst verwendet zu haben, finde ich widersprüchlich.
    Zudem bin ich der Meinung, dass ich schon klar aussage, was mich an dem Terminus stört:
    „Die so genannten „Kinderschänder“ handeln nach der rechtsextremen Ideologie ähnlich. Durch die Vergewaltigung würden sie ihre „asozialen Gene“ mit den supertollen deutschen völkischen Genen bzw. Blut vermischen, was dem „deutschen Volk“ langzeitig schaden würde.“ Also ganz klar die Analogie zur NS Propaganda der „Rassenschande“.
    Vielleicht hattest du aufgrund deiner Vorgeschichte einen anderen Fokus beim Lesen, sodass die beabsichtigte Quintessenz an dir vorbei gegangen ist, weil der Text schlimme Bilder in dir hervorgerufen und Assoziationsketten in Lauf gebracht hat.

    In der Philosophie gab es im 20. Jahrhundert einen „linguistic turn“, nach Kants kopernikanischer Wende, eine weitere erkenntnistheoretische Neuorientierung. Wittgenstein aphorisierte sinngemäß: Alle großen philosophischen Probleme seien im Grunde sprachliche Probleme.
    Adorno hat in seiner negativen Dialektik das Problem weiter ausgearbeitet. Um den Gegenstand, den Begriff (und auch das Wort) handelt es sich nicht um Äquivalente, sondern beim „Übersetzungsprozess“ sind immer Verluste vorhanden. In Minima Moralia nennt er in dem Kapitel „Umtausch nicht gestattet“ als Beispiel, wie sehr viele Geschenke (Gegenstand), dem Begriff des Schenkens heute Gewalt antun.
    Wie wir in unserer Diskussion sehen, besteht das Problem aber auch andersherum: Wir haben beide unterschiedliche Begriffe im Kopf des Gegenstand der „Schändung“. Ich denke an die Nazischeiße, du an deine privaten, schlimmen Erlebnisse. Beide verkürzen den Gegenstand wahrscheinlich und fügen ihm so Gewalt zu.
    Ich hoffe ich konnte bei dir ein Bewusstsein wecken, welche Bedeutung Begriff, Gegenstand und ihr Verhältnis zueinander haben. Ist natürlich alles stark zusammengerafft und wird dadurch dem philosophischen Gegenstand in keiner Weise gerecht. D’oh!
    „Nicht jedes Wort auf eine Goldwaage legen“ ist für mich übrigens eine unerträgliche antiintellektualistische und populistische Floskel und hilft absolut nicht weiter.

    Liebe Grüße,
    emil

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