Sarrazin – Rächer der Entdeutschten

Thilo Sarrazin ist schon ein armer Kerl. Da spricht er unerschütterliche Wahrheiten aus und erntet nichts als Schelte bei den bösen Medien (Die Presse lügt!) und seinem heiß geliebten deutschen Volk. Glücklicherweise hat er den Anwalt des kleinen, deutschen Mannes auf seiner Seite. Damit man wieder sagen kann, was man denkt, „kämpft“ Bild nämlich seit dem 4. September „für die Meinungsfreiheit“ und titelt trotzig: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“. Darunter listet Bild einige Phrasen, die viel mit Meinung, aber wenig mit Freiheit zu tun haben.
„Nicht wir müssen uns den Ausländern anpassen, sondern sie sich uns“ – Ganz genau! Wir wollen nicht ständig Döner fressen müssen! Es müssen mehr Sauerkraut Schnellimbisse in den Innenstädten staatlich subventioniert eröffnet werden. Und ich möchte auch nicht ständig von den Leuten mit „Wachturm“ an der Tür belästigt werden, das ich doch endlich zum Islam konvertieren soll.
„Wer nichts gelernt hat, soll hinterher nicht jammern, wenn er keinen Job hat“ – Eben! Und wer keinen Gymnasialabschluss hat, soll nicht jammern wenn er keine Lehre bekommt. Und wer keine Akademikereltern hat, soll nicht jammern, wenn er keinen Gymnasialabschluss erhält. Und wer keine guten deutschen Gene in der Familie hat, soll nicht jammern, wenn seine Eltern Unterschicht sind! So einfach ist das.
Aber trotzdem wird Sarrazin förmlich mundtot gemacht. Also abgesehen von dem Vorabdruck seines Buches im Spiegel und dem Spiegeltitelbild „Volksheld Sarrazin“ und der Quatschrunde bei Beckmann und dem Focus Interview und seinem harten aber fairen Auftritt bei Plasberg und Headlines in sämtlichen Zeitungen und Zeitschriften und natürlich der kostenlosen Werbekampagne durch die Bild.
So hat man ihm aber zum Beispiel noch keine Gastrolle bei GZSZ angeboten, ihn noch nicht zum Ehrenbürger Buxdehudes ernannt und auch der Preis für Zivilcourage lässt noch auf sich warten.
Trotz dieser skandalösen Unterbindung der Meinungsfreiheit würden 18 Prozent der Wähler_innen Sarrazin wählen. Also ebenso viele wie die Horst Schlämmer Partei gewählt hätten. Respekt!
Und nicht nur das: 80 Prozent der (Beckmann) Zuschauer_innen stimmen ihm sogar zu. Wie kommt denn so was zustande? In Anbetracht, dass vor nicht einmal 20 Jahren hunderte stolze Deutsche mit bierseliger Zustimmung beklatschen, wie vornehmlich ihr Spross sich bemühte in Rostock und Hoyerswerda Asylsuchende anzuzünden, erscheint so ein anonymes Telefonvoting doch als optimale Gelegenheit seinen Alltagsrassismen Ausdruck zu verleihen.
Sarrazin ist nicht das Problem. Sarrazin ist ungefährlich. Sein Buch ereilt das Schicksal anderer Pamphlete, wie die Bibel und Mein Kampf: Viel diskutiert und wenig gelesen.
In ein paar Wochen ist Sarrazin verschwunden. Was bleibt, sind die 80 Prozent, die ihm zustimmen. Was bleibt ist die große Mehrheit, der Alltagsrassist_innen, die Angst vorm schwarzen Mann haben und Überfremdung befürchten. Was bleibt ist eine ausgenudelte Handpuppe, an der Politiker und Öffentlichkeit ihre eigene Offenheit präsentieren konnten. Was bleibt ist nicht ein Suppenkasper, der sich als Provokateur gefällt, sondern die schweigende Herde, die leise verachtet, manchmal zuschlägt und vielleicht mordet.
Nicht ein armer Kerl namens Sarrazin und seine Meinung sind gefährlich für Freiheit und Gleichheit aller Menschen, sondern die gewaltvolle Masse, die bereit ist, diese menschenverachtenden Ideologien jederzeit umzusetzen.

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10 Antworten auf „Sarrazin – Rächer der Entdeutschten“


  1. 1 Morph 13. September 2010 um 19:27 Uhr

    Wer keinen Gymnasialabschluss hat, soll nicht jammern wenn er keine Lehre bekommt. Und wer keine Akademikereltern hat, soll nicht jammern, wenn er keinen Gymnasialabschluss erhält. Und wer keine guten deutschen Gene in der Familie hat, soll nicht jammern, wenn seine Eltern Unterschicht sind! So einfach ist das.

    Genau, du sagst es! Danke für diesen Part. Der ist so schön trotzig. :)

    Danke auch für deinen beißenden Humor, der Freundinnen und Freunden des beißenden Humors (wie mich), sicher in dem Moment an dem sie Stellen wie

    Ganz genau! Wir wollen nicht ständig Döner fressen müssen! Es müssen mehr Sauerkraut Schnellimbisse in den Innenstädten staatlich subventioniert eröffnet werden. Und ich möchte auch nicht ständig von den Leuten mit „Wachturm“ an der Tür belästigt werden, das ich doch endlich zum Islam konvertieren soll.

    oder wie

    Aber trotzdem wird Sarrazin förmlich mundtot gemacht. Also abgesehen von dem Vorabdruck seines Buches im Spiegel und dem Spiegeltitelbild „Volksheld Sarrazin“ und der Quatschrunde bei Beckmann und dem Focus Interview und seinem harten aber fairen Auftritt bei Plasberg und Headlines in sämtlichen Zeitungen und Zeitschriften und natürlich der kostenlosen Werbekampagne durch die Bild.

    lasen, die Glückstränen in die Augen trieben. :)

    …und was mir noch gut gefällt, ist dein Endfazit. Ich kann dir da nur zustimmen und ich finde es bedenklich, wie viele Leser_innen die BILD hat, auch wenn sich die Hälfte derer versucht damit hinauszureden, dass sie ja eigentlich schon wissen würde, wie schwachsinnig, reißerisch und subjektiv das Geschreibsel ja ist, aber sie (als selbsternannte Elite des Abstandhaltens und sich nicht Beeinflussenlassens) würden das natürlich überhaupt nicht ernst nehmen oder gar in ähnlich schlechter Art und Weise für oder gegen eine Sache „argumentieren“. Leider beweist die Realität ja allzuoft, dass das mit dem sich nicht beeinflussen lassen bei den wenigsten BILD-Leser_innen funktioniert.

  2. 2 grete 14. September 2010 um 11:55 Uhr

    auch nett:
    “Hätte die deutsche Bevölkerung seit dem 8. Mai 1945 dieselbe Geburtenrate gehabt wie die damalige Bevölkerung von Palästina, so gäbe es heute in Mitteleuropa 600 Mio. Deutsche.” (Seite 317)

  3. 3 Laura 01. Oktober 2010 um 11:48 Uhr

    Gefällt mir sehr gut, der Text!

    Klar, braucht jemand, der solche Thesen verbreitet, Menschen die das unterstützen und umsetzen, aber diese Menschen wiederrum brauchen jemanden, der sich hinstellt und das öffentlich macht. Also somit ist meiner Meinung nach auch Sarrazin ein Problem.

  4. 4 Zauselina 17. November 2010 um 21:21 Uhr

    Ja der arme, unverstandene Sarrazin, Rächer der Enterbten, Becher ohne Henkel. Seine 95 Thesen, angeschlagen an die Hirne der Stammtischgröhler, treffen auf eine verweichlichte graue Masse. Vor Letzterem konnten auch noch so deutsche Gene nicht schützen.

    Ein Wort zu BILD: Jede Zeitung hat die Leser/innen, die sie verdient. Beängstigend nur, dass es so viele sind.

  1. 1 Aponaut Trackback am 06. September 2010 um 9:23 Uhr
  2. 2 Sex, Rock, Revolution Pingback am 06. September 2010 um 17:04 Uhr
  3. 3 Die sarrazin’schen Opfer | Medienelite Pingback am 06. September 2010 um 17:27 Uhr
  4. 4 Von Meinung, Schweigen und chronischen Gehirnverweigerern « Pingback am 13. September 2010 um 19:33 Uhr
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