Legende vom König am Kamin

Einst saß ein König am Kamin
In seinem Burggemäuer.
Zu Anfang seiner Sitzung schien
Ihm wohlig warm das Feuer.

Er fläzte auf dem Thron sich reich
Mit himmlischem Gebaren.
Und fühlte sich schier göttergleich,
Nicht achtend die Gefahren.

Sein Diener schlief derweil im Stall
Bei all den andren Armen.
Fernab des Königs Mauerwall
Und weit weg von dem Warmen.

Die Kälte schlich sich stetig tief
Und tiefer ins Gerippe.
Er merkte nicht, als er noch schlief,
Die blau verfärbte Lippe.

Der König wurd’ stattdessen rot,
Sein Antlitz glühte munter.
Beharrlich ging nicht der Despot
Trotz alledem herunter.

Der Diener, der ihn auf Geheiß
des Herren sollt verschieben,
bezeugte keinen Bienenfleiß,
denn er ist fortgeblieben.

Als dann der Diener nachts erfror
Verblieb dem Herrscher wenig.
Im Schlosse brannt das erste Ohr,
Und bald der ganze König.

Anmerkung:
Inspiration fand ich in Thorstein Veblens Buch „Theorie der feinen Leute“, wo es heißt:
„In Menschen von feinem Empfinden, die seit langem an vornehme Sitten und Manieren gewöhnt sind, kann das Gefühl der Schändlichkeit , die der Handarbeitet anhaftet, so stark werden, daß es in kritischen Zeiten sogar den Selbsterhaltungstrieb verdrängt. […] Ein noch besseres oder wenigstens eindeutigeres Beispiel bietet ein gewisser König von Frankreich, von dem es heißt, daß er im Dienste der feinen Lebensformen sein Leben einbüßte. Als nämlich einmal jener Höfling abwesend war, dessen Amt darin bestand, den Sessel Seiner Majestät zu verrücken, blieb der König ohne Klage vor dem Kaminfeuer sitzen und erduldete die Verbrennungen seiner erhabenen Person so lange, bis seine Heilung unmöglich war. Auf diese Art rettete sich Seine Allerchristliche Majestät vor der schändlichen Befleckung durch gemeine Arbeit.“
Solch Dekadenz fand ich so witzig, dass sich sie bedichten musste. Das Schicksal des Dieners aber habe ich mir aus dramaturgischen Gründen selbst zusammen gesponnen.

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1 Antwort auf „Legende vom König am Kamin“


  1. 1 Simon Raposo 05. August 2010 um 14:53 Uhr

    Sehr schön wieder einmal, und auch ohne die Erläuterung sitzt man am Schluss mit schadenfrohem Grinsen davor. Immerhin mal ein König, der seinen Lebenswandel ebenso bezahlt wie seine Diener. Andererseits.. da, wo nur das Volk bezahlt, werden irgendwann die Rousseaus, die Robbespierres und die Proudhons geboren ;)

    Du schriebst auf meinem Blog von einer gemeinsamen Lyrikplattform, das klingt hochinteressant, würde gern mehr über deinen/euren Plan erfahren.. Soll ich dir mal meine Emailaddy geben? Oder sonst meld dich mal per DM auf Twitter bei mir oder sowas!

    LG, Simon

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