Archiv für August 2010

In vornehmer Gesellschaft

Begrüßend schüttelt jener Herr,
Der diesen Treff verschuldet
Den Gästen – denen am Revers
Die Nelke klebt – die Hand, weil er
Nur die Garderobe duldet.

Gespräche gibt es hier en masse,
Und ebensfalls adretter.
Man redet über dies und das:
„Ja, heute ist es reichlich nass.“
- Es dominiert das Wetter.

Die Rede gilt dem deutschen Staat,
Der einstmals lag in Scherben,
Den jeder Gast mit Rat und Tat,
Mit Leidenschaft errichtet hat,
Und nun droht auszusterben.

Zu Anfang spricht der Hausherr flott
Ein Tischgebet zum Danke.
Sie danken ihrem lieben Gott
Für Hühnerbrust und Kirschkompott
Und Süßkram von der Tanke.

Servietten liegen auf dem Schoss,
Das man sich nicht bekleckert.
Mit Weißwein oder Bratensoß’
Auf Hemdchen oder Anzughos’
Und Mutter deshalb meckert.

Mit bürgerlichem Ordnungszwang
Serviert man auch das Essen.
Es reiht sich an den ersten Gang,
Der Zweite, Dritte, Vierte lang-
Sam ähnelt es Exzessen.

Am Ende ist es wahrlich schwer.
Nur karg ertönt noch Schmatzen.
Denn spätestens beim Eisdessert,
Erscheint die Lage höchst prekär:
Die Bäuche wollen platzen.

Nachdem das Eis ist aufgelutscht
Gibt’s Schnaps und Magenbitter.
Damit die Speise richtig rutscht
Und alles wieder kräftig flutscht
Schnell zwanzig Milliliter.

Nach kurzem Schnack geht’s ganz entspannt
Zusammen zum Spazieren.
Man geht gemeinsam Hand in Hand
Als wär’ man linker Demonstrant,
Nur ohne Demonstrieren.

Zurück im Hause ist es Zeit
Für Kaffee und für Kuchen.
Sie präsentieren Einigkeit,
Wenn sie trotz der Vergangenheit
Auf Immigranten fluchen.

Der Tag klingt erst mit Saufen aus
Das Bier fließt stündlich schneller.
Um drei Uhr nachts geht es nach Haus.
Man schmeißt jetzt noch die Frau heraus,
Denn Prügel gibt’s im Keller.

Das ist der klare deutsche Strich,
Für den so viele bürgen.
Das ist so schrecklich bürgerlich
Doch trotzdem schreib und würge ich,
Statt jene zu erwürgen.

Legende vom König am Kamin

Einst saß ein König am Kamin
In seinem Burggemäuer.
Zu Anfang seiner Sitzung schien
Ihm wohlig warm das Feuer.

Er fläzte auf dem Thron sich reich
Mit himmlischem Gebaren.
Und fühlte sich schier göttergleich,
Nicht achtend die Gefahren.

Sein Diener schlief derweil im Stall
Bei all den andren Armen.
Fernab des Königs Mauerwall
Und weit weg von dem Warmen.

Die Kälte schlich sich stetig tief
Und tiefer ins Gerippe.
Er merkte nicht, als er noch schlief,
Die blau verfärbte Lippe.

Der König wurd’ stattdessen rot,
Sein Antlitz glühte munter.
Beharrlich ging nicht der Despot
Trotz alledem herunter.

Der Diener, der ihn auf Geheiß
des Herren sollt verschieben,
bezeugte keinen Bienenfleiß,
denn er ist fortgeblieben.

Als dann der Diener nachts erfror
Verblieb dem Herrscher wenig.
Im Schlosse brannt das erste Ohr,
Und bald der ganze König.
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