Die letzte Kränkung

Zu Anfang war die Erde so
Wie eine Tiefkühlpizza.
Und alle Menschen waren froh
Von Westberlin bis Nizza.
Im Denken war man eher schwach
Und glaubte noch an Wunder.
So blieb die Erde gänzlich flach
Und doch: Sie wurde runder.
Viel später kam Kopernikus
Und sagte: „Liebe Leute,
Mit diesem Stuss ist endlich Schluss,
Denn ich entdeckte heute:
Die Erd’ ist nicht nur kugelrund,
Wie Brüste einer Nonne.
Noch weiter schreitet mein Befund:
Sie dreht sich um die Sonne.“
Die Menschheit rief: „O Jemine
Was soll denn das nun, bitte?
Es war doch alles ganz okay
Mit uns als Weltalls Mitte“.

Zu Anfang war der Mensch noch ein
Verzerrtes Abbild Gottes.
Er selber groß, die Tiere klein:
So ward er Sender Spottes.
„Wer braucht denn die Theologie?“
Das fragte Darwin leise.
Drum lernte er Biologie
Und ging auf große Reise.
Dann später auf Galapagos
Entdeckte er bei Finken:
Auch Tiere sind an sich ganz groß
Und Menschen können stinken.
Denn es entwickelt Stück für Stück
Der Mensch sich aus dem Affen
Und einige sich auch zurück:
Natur kann Großes schaffen.
Die Menschheit rief: „Was soll denn das?
Was nützen deine Taten?
Wir hatten doch als Menschen Spaß
Und jetzt sind wir Primaten.“

Zu Anfang war der Mensch noch lieb;
Sein Handeln gut und edel.
Kein Lebens- oder Todestrieb
Regierte seinen Schädel.
Nur einer konnte sich damit
Sein Lebtag nicht abfinden.
Und suchte künftig Schritt für Schritt
Die Seele zu ergründen.
So sprach dann dieser Sigmund Freud:
„Hört, Leute, her, ihr Lieben,
Ihr brauchtet einen Therapeut,
Der Grund liegt in den Trieben.
Das Leiden ist veränderlich,
Es quält seit Kindertagen.
Und dann auch noch das Über-Ich […]
Ihr braucht mich nur zu fragen.“
Die Menschheit rief laut: „Eidadaus
Wir sind in unserm Wollen
Nicht einmal Herr im eignen Haus“
Und fing an lang zu schmollen.

Und die Moral von der Geschicht‘?
- Wir brauchen den Planeten.
Er selber braucht uns aber nicht,
Und das macht uns betreten.

Anmerkung am 15. Mai 2011:
In einer vorherigen Version habe ich mir große künstlerische Freiheit gegönnt, bzw. sachliche Fehler bewusst in Kauf genommen und wurde dafür zurecht kritisiert. Alle Kommentare vor dem 15. Mai 2011 basieren auf der alten Version.

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8 Antworten auf „Die letzte Kränkung“


  1. 1 Morph 02. Juni 2010 um 0:29 Uhr

    Ein schönes und gelungenes Werk hast du hier wieder veröffentlicht! Lässt sich super lesen und ich habe einiges gelernt!;) Aber das mit dieser runden Erde werde ich nochmal nachschlagen müssen. Da scheint mir doch was faul zu sein!

  2. 2 Grete 03. Juni 2010 um 0:19 Uhr

    mag deine gedichte! grete

  3. 3 Emil 03. Juni 2010 um 0:30 Uhr

    Hey, danke an euch beiden für das Lob!

    @Morph: Du hast recht, das stimmt nicht so recht: siehe Anmerkung.
    Diese künstlerische Freiheit habe ich mir aber gegönnt, weil es leider niemanden gibt, dem konkret diese Erkenntnis zugeschrieben werden kann. Aber sie gehört für mich zur kopernikanischen Wende dazu, da sie zum Sieg der Empirie über die mittelalterlich klerikale Gelehrsamkeit beitrug. Zudem geht es in dem Gedicht, wie der Titel ja schon sagt um die Kränkung der Menschen, von daher fand ich diese Verschiebung legitim.

  4. 4 Makaveli 03. Juni 2010 um 4:41 Uhr

    Gutgut mein Freund. Liest sich ebenfalls gut.

  5. 5 earendil 24. Januar 2011 um 16:50 Uhr

    Mir ist bewusst, dass Kopernikus nicht der erste war, der die Kugelförmigkeit der Erde annahm. … Außerdem gehört die flache Erde zu einem der charmantesten Irrtümer der Menschheit

    Da steckt ein Körnchen Wahrheit drin…

    Im Ernst: Rein sachlich ist das einfach Blödsinn. Bei Kopernikus hat seit mehr als tausend Jahren kein ernstzunehmender Mensch mehr die Kugelgestalt der Erde bezweifelt. Das hat weder mit der kopernikanischen Wende noch mit der „Kränkung der Menschen“ irgendwas zu tun.

  6. 6 Emil 24. Januar 2011 um 17:08 Uhr

    Hey earendil,

    du hast natürlich recht, dass zu Kopernikus‘ Zeiten die flache Erde kein Thema mehr war. Aus dramaturgischen Gründen habe ich diese Erkenntnis aber Kopernikus zugeschrieben, weil es erstens gut mit seinem heliozentrischen Weltbild (und die sich daraus ergebende Wende in der Astronomie und im Denken überhaupt [Nicht ohne Grund verstand auch Kant seine Erkenntnistheorie als „Kopernikanische Wende“]) einher geht und weil es zweitens einfach keinen konkreten Menschen gibt, auf dem die Annahme einer runden Erde genuin zurück zu führen ist. Es ging mir nicht um eine historisch oder personell korrekte Einordnung, sondern um eine ideelle Ähnlichkeit. Diese Freiheit habe ich mir erlaubt, weil ich denke, dass deutlich wird, dass es sich hierbei um ein humoristisches Gedicht und nicht um einen wissenschaftlichen Beitrag handelt.
    Ich lass mich dafür aber gerne kritisieren und hatte anfangs selbst bedenken, da ich ja keine falschen Informationen verbreiten möchte. Daher auch die Anmerkung.

    Liebe Grüße,
    Emil

  7. 7 earendil 25. Januar 2011 um 10:43 Uhr

    Naja, ich seh aber auch die ideelle Ähnlichkeit nicht, jedenfalls nicht in Bezug auf die wissenschaftlichen „Kränkungen“ des Menschen, die doch Sujet des Gedichts sind (sofern ich das analog den Intentionen des Autors interpretieren ;) ). Kopernikus, Darwin und Freud sind da schon klar, aber inwiefern sollte die Erkenntnis der Kugelgestalt der Erde eine Kränkung des Menschen bedeutet haben?

  8. 8 Emil 25. Januar 2011 um 13:01 Uhr

    Hey,

    ich denke bei der Erkenntnis der runden Erde handelt es sich mehr um eine religiöse Kränkung, da die Erde als Scheibe sehr gut ins monotheistische (und vor allem christliche) Weltbild passte. Also wir Menschlein auf der flachen Erde und über uns der Himmel mit dem lieben Gott. Ganz klare Struktur und Hierarchie. Als die Erde plötzlich rund wurde :-) , war diese Sicherheit weg, Gott war nicht mehr so leicht verortbar und auch die Rolle der Menschen als Gottes Ebenbilder geriet damit ins Wanken. Ideell ähnlich sehe ich den Wandel vom geo- zum heliozentrischen Weltbild: Dadurch, dass die Erde nicht mehr Zentrum, sondern lediglich ein Planet von vielen war, geriert vor allem christliche Annahmen ins Wanken. Gott war nun noch schlechter zu verorten und der Mensch musste seine Rolle als „Ein besonderes Wesen“ noch weiter in Frage stellen.
    Es ist natürlich sehr christlich/ eurozentristisch, aber das waren im Mittelalter und der frühen Neuzeit nun mal die intellektuellen Zentren der Welt.
    Ich merke selbst, dass ich das nicht optimal ausgearbeitet habe und werde vielleicht das Gedicht (insbesondere die erste Strophe) mal überarbeiten.
    Das war erstmal eine schnelle Antwort, da ich es sehr eilig hab.

    Liebe Grüße,
    Emil

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