Archiv für Juni 2010

Der Zweck des Fußballspektakels

Unsre Welt ereilt Versöhnung
Für die nächsten drei, vier Wochen,
Denn der Fußball kommt zur Krönung
Aus des Staates Hut gekrochen.

Alle sind ganz ausgelassen
Und vergessen so begeistert
Sich mit jenem zu befassen,
Was sich nicht alleine meistert.

Längst vergessen ist das Darben!
Wen belangen ihre Kriege?
Lieber tragen sie die Farben
Eines Landes: hin zum Siege.

Und die Chefs der großen Staaten
Sitzen lieb auf der Empore
Denn heut‘ fallen nicht Soldaten,
Heute fallen Fußballtore.

Unten steht die niedre Klasse.
- Es ist wie im wahren Leben. -
Hier kann sie dem eignen Hasse
Endlich eine Stimme geben.

Denn der Staat erkennt den Nutzen
Und hat Sport für sich gepachtet,
Denn so kann er alles stutzen,
Was man grade nicht betrachtet.

Schauen alle in die gleiche
Richtung auf die Großbildleinwand,
Schafft der Staat schnell jede Leiche
In den Keller ohne Einwand.

So verarschen und verwahren
Die Nationen die Proleten.
Nur damit sie in vier Jahren
Wieder gegen Bälle treten.

Die letzte Kränkung

Zu Anfang war die Erde so
Wie eine Tiefkühlpizza.
Und alle Menschen waren froh
Von Westberlin bis Nizza.
Im Denken war man eher schwach
Und glaubte noch an Wunder.
So blieb die Erde gänzlich flach
Und doch: Sie wurde runder.
Viel später kam Kopernikus
Und sagte: „Liebe Leute,
Mit diesem Stuss ist endlich Schluss,
Denn ich entdeckte heute:
Die Erd’ ist nicht nur kugelrund,
Wie Brüste einer Nonne.
Noch weiter schreitet mein Befund:
Sie dreht sich um die Sonne.“
Die Menschheit rief: „O Jemine
Was soll denn das nun, bitte?
Es war doch alles ganz okay
Mit uns als Weltalls Mitte“.

Zu Anfang war der Mensch noch ein
Verzerrtes Abbild Gottes.
Er selber groß, die Tiere klein:
So ward er Sender Spottes.
„Wer braucht denn die Theologie?“
Das fragte Darwin leise.
Drum lernte er Biologie
Und ging auf große Reise.
Dann später auf Galapagos
Entdeckte er bei Finken:
Auch Tiere sind an sich ganz groß
Und Menschen können stinken.
Denn es entwickelt Stück für Stück
Der Mensch sich aus dem Affen
Und einige sich auch zurück:
Natur kann Großes schaffen.
Die Menschheit rief: „Was soll denn das?
Was nützen deine Taten?
Wir hatten doch als Menschen Spaß
Und jetzt sind wir Primaten.“

Zu Anfang war der Mensch noch lieb;
Sein Handeln gut und edel.
Kein Lebens- oder Todestrieb
Regierte seinen Schädel.
Nur einer konnte sich damit
Sein Lebtag nicht abfinden.
Und suchte künftig Schritt für Schritt
Die Seele zu ergründen.
So sprach dann dieser Sigmund Freud:
„Hört, Leute, her, ihr Lieben,
Ihr brauchtet einen Therapeut,
Der Grund liegt in den Trieben.
Das Leiden ist veränderlich,
Es quält seit Kindertagen.
Und dann auch noch das Über-Ich […]
Ihr braucht mich nur zu fragen.“
Die Menschheit rief laut: „Eidadaus
Wir sind in unserm Wollen
Nicht einmal Herr im eignen Haus“
Und fing an lang zu schmollen.

Und die Moral von der Geschicht‘?
- Wir brauchen den Planeten.
Er selber braucht uns aber nicht,
Und das macht uns betreten.

Anmerkung am 15. Mai 2011:
In einer vorherigen Version habe ich mir große künstlerische Freiheit gegönnt, bzw. sachliche Fehler bewusst in Kauf genommen und wurde dafür zurecht kritisiert. Alle Kommentare vor dem 15. Mai 2011 basieren auf der alten Version.