Bolle

Bolle schuftet schon seit Wochen
Sich seine Finger wund.
Zum Chef kommt er gekrochen
Noch wie ein räud’ger Hund.
In seinem kargen Leben
Ist nie etwas passiert.
Aber trotzdem hat sich Bolle
Stets köstlich amüsiert.

Doch eines Tages brach er
Dann vor Erschöpfung ein.
Und fragte sich dann nachher:
Kann das denn alles sein?
Die Frage hat er kurz darauf
Ganz einfach selbst negiert.
Von da an hat sich Bolle
Ganz kräftig amüsiert.

Er ging am nächsten Morgen
Noch mal zur Arbeit hin.
Jedoch ganz ohne Sorgen
Er hatte was im Sinn.
Den Schraubenschlüssel hat er
Im Räderwerk platziert.
Und dabei hat sich Bolle
Ganz köstlich amüsiert.

Er ging in freien Stücken
Ganz rasch ins Chefbüro.
Doch wollte sich nicht bücken
Er musste nur aufs Klo.
Dem Hampelmann hat er drum auf
Den Schreibtisch uriniert.
Und dabei hat sich Bolle
Ganz köstlich amüsiert.

Jetzt fehlt ihm zwar der Zaster
Für köstlichen Konsum,
Doch Geld ist nur ein Laster
Genau wie Eigentum.
Die voll gestopften Taschen
Hat er dezent kaschiert.
Und der Besuch im Supermarkt
Hat köstlich amüsiert.

Er steht nunmehr ganz schändlich
Nicht in des Staates Gunst.
Dafür hat er jetzt endlich
Viel Zeit für seine Kunst.
Der Polizei hat er drum nachts
Die Autos pink lackiert.
Und dabei hat sich Bolle
Ganz köstlich amüsiert.

Die Miete ließ er bleiben;
Sein Hauswirt war entsetzt.
Er wollte ihn vertreiben,
Doch Bolle sprach „Besetzt!“.
Die Wohnung hat er kurz darauf
als Freiraum etabliert.
Und das hat nicht nur Bolle
Ganz kräftig amüsiert.

Das Lied ist nun zu Ende,
Ich hoffe nun ihr schreibt,
’S auf alle grauen Wände,
Dass seine Botschaft bleibt.
Wer morgen noch zur Arbeit geht,
Der hat jetzt nichts kapiert.
Genug der Schufterei, macht Schluss!
Es wird sich amüsiert!
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Stationen der Provinz. Ein Limerickzyklus

Bei Meiers in Mühlhausen,
herrscht Ordnung, kein Zerzausen!
Da trifft man sich
Ganz säuberlich
Am Abend zum Entlausen.

Ein alter Herr aus Banteln
War immerzu am Granteln.
Das brachte nichts
Und angesichts
Des’ wirft er nun mit Hanteln.

Ein Bauersmann aus Leine
Sucht’ eine Frau, doch keine
Ergab sich ihm
Drum wird intim
Er nun im Stall der Schweine.

Ein junger Mann aus Minden;
Gefragt was schön zu finden
Dort sei. Spontan
Rief er: „Die Bahn:
Man kann von dort verschwinden.“

Ein altes Paar aus Löhne
Hat circa zwanzig Söhne.
Wie kam’s dazu?
Ich gebe Ruh’…
Nicht, dass ich hier nur höhne.

Ein Lebemann in Haste
War dort nur kurz zu Gaste.
„Noch eine Nacht?“
Er hat gelacht
Als er den Kopf sich fasste.

Ein Mädchen aus Kirchlengern
Traf gerne sich mit Sängern.
Kurz nach dem Zweck
Warn sie schon weg,
Nicht ohne sie zu schwängern.

Ein Baum aus Ibbenbüren
Kann man zum Opfer küren
Er muss dort stehn
Und kann nicht gehen:
Er soll mein Mitleid spüren.
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Stille Post

Die Eltern wollten, dass du lernst
Das Spiel im Kaufmannsladen.
Es ist soweit: Aus Spaß ward Ernst
Und du erträgst den Schaden.

Mutiert so schnell die Kinderhand
Zur allergröbsten Pranke?
- Der Zauber wird in Glas gebannt
Und stirbt selbst als Gedanke.

Ich seh‘ dich heute tränenblind
Durch’s „wahre Leben“ staksen,
Spielst eifrig „Vater, Mutter, Kind“
Und glaubst dich noch erwachsen.
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Treibgut

Gedichte schreibe ich ins Blaue,
Bestimmungslos irrn sie umher.
Wobei ich stets darauf vertraue,
Dass irgendwann sie irgendwer
Erhalten wird. Auf ihrem Wege
Durchqueren sie des Meeres Lauf,
Doch stoßen unumgänglich auf
Atolle, Ufer, Küsten, Stege.

Bevor der Wind sie auf die Reise
Entlässt, erbitt‘ ich kurze Ruh‘
Und flüstre ihnen schließlich leise
Noch meine Reisebotschaft zu:
„Ertrinkenden seid Rettungsringe
Und Hungerleidenden seid Tang.
Geht keinem Fischer in den Fang.
Gehabt euch wohl als Ankömmlinge.“

Ob Wellen schlagen oder Winde,
Ob Meersalz langsam auf sie wirkt,
Nichts spaltet ihre harte Rinde,
Die ihre zarten Seelen birgt.
Piratenschiffe, Ungeheuer,
Klabautermann und Fieberwahn.
Und noch so manches Seemannsgarn
Ergreift im Seegang oft das Steuer.

Bis sie nach mühevollem Treiben
Ans Ufer spülen mit der Gischt
Um dort solange zu verbleiben
Bis jemand sie vom Strande fischt.
Wie konnten sie zu ihm gelangen?
- Wer sehnsuchtsvoll am Strand verharrt,
Und hoffend in die Ferne starrt,
Wird meine Flaschenpost empfangen.

Gesellschaftstheorie mit Georg Kreisler

1. Vorwort
1.1 Zeitdiagnose
1.2 Leitfrage
1.3 Über den Autor

2. Kapital
2.1 Produktionssphäre
2.2 Zirkulationssphäre
2.3 Konsumtionssphäre

3. Staat
3.1 Staatsbeamte
3.2 Der repressive Staatsapparate
3.3 Staatsbevölkerung

4. Das politische System
4.1 Wahlsystem
4.2 Politiker
4.3 Gesetzgebung

5. Warum es bleibt, wie es ist
5.1 Gewohnheit
5.2 Feigheit
5.3 Duldsamkeit
5.4 Ignoranz
5.5 Schweigsamkeit

6. Was tun?
6.1 Der Bruch mit dem Bestehenden
6.2 Was, wenn alle das täten?
6.3 Kunst und Revolution

7. Nachwort

Anmerkung:
In Erinnerung an Georg Kreisler, gestorben im November 2011. Die meisten dieser Lieder sind in den 60er und 70er Jahren entstanden, also schon um die 40 Jahre alt und doch noch sehr aktuell. Natürlich sind einige Passagen kritikwürdig, weil Kreisler z.B. oft personalisiert. Trotzdem halte ich diese Lieder (wie sein Gesamtwerk) für äußerst hörenswert.



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